US-Ökonom Stiglitz "Deutschland muss mehr tun"

Die Industriestaaten geben Billionen aus, um die Krise zu bekämpfen. Zu wenig, kritisiert US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Fehler bei der Bankenrettung, zaghafte Politiker - und erklärt, warum wir trotzdem glimpflicher davonkommen als in der Großen Depression.


SPIEGEL ONLINE: Herr Stiglitz, viele Ökonomen vergleichen die Finanz- und Wirtschaftskrise mit der Großen Depression. Wird es wirklich so schlimm?

Stiglitz: Es wird schlimm, sehr schlimm. Wir erleben den tiefsten Wirtschaftseinbruch nach dem Krieg, und wir haben die Talsohle noch nicht erreicht. Ich bin sehr pessimistisch. Zwar reagieren die Regierungen heute besser als während der Weltwirtschaftskrise im vergangenen Jahrhundert. Sie senken die Zinsen und kurbeln die Wirtschaft mit Konjunkturprogrammen an. Das geht in die richtige Richtung, aber es reicht nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Die US-Regierung hat mehr als eine Billion Dollar für die Bankenrettung und 789 Milliarden Dollar als Konjunkturspritze eingesetzt. Wollen Sie behaupten, das ist zu wenig?

Stiglitz: In der Tat. Mehr als 700 Milliarden klingt viel, ist es aber nicht. Zum einen wird ein Großteil des Geldes erst im kommenden Jahr ausgegeben und kommt damit zu spät. Zum anderen versickert ein Drittel in Steuersenkungen. Die bringen den Konsum nicht richtig in Schwung, weil die Leute einen Großteil des Geldes sparen. Ich befürchte, dass die Wirkung des US-Konjunkturprogramms nicht einmal halb so groß ausfallen wird wie erwartet.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin stemmen sich die Regierungen weltweit der Rezession entgegen, anders als in der Weltwirtschaftskrise, in der sie mit ihrer Sparpolitik den Abschwung noch beschleunigten.

Stiglitz: Das stimmt, und deshalb bin ich auch zuversichtlich, dass wir glimpflicher davonkommen als in der Großen Depression. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Entwicklungen, die mich sehr besorgt stimmen. Der Zustand unseres Finanzsystems zum Beispiel ist heute schlechter als vor knapp 80 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Damals sind in den USA Hunderte von Banken zusammengebrochen. Heute werden die großen von der Regierung gerettet. Was ist daran schlecht?

Stiglitz: Vor 80 Jahren haben die Banken, die überlebt haben, weiter Geld verliehen. Heute verleihen viele Banken kein Geld mehr, vor allem nicht die großen Häuser. Dadurch wird die Krise verschärft.

SPIEGEL ONLINE: Das soll der Rettungsschirm der US-Regierung doch verhindern. Die Banken erhalten Geld vom Staat, damit sie weiter Kredite vergeben.

Stiglitz: So ist es gedacht, aber so funktioniert es nicht. Stattdessen wird das Geld wahllos den Bankern hinterhergeworfen, und die zahlen sich dafür Milliarden an Boni und Dividenden aus. Wir Steuerzahler werden praktisch ausgeraubt, um die Verluste einiger sehr wohlhabender Leute zu verringern. Das muss sich dringend ändern.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor?

Stiglitz: Wir müssen unser Rettungsprogramm für den Finanzsektor neu ausrichten. Zum einen sollten vor allem jene Banken Geld von Regierung bekommen, die es tatsächlich verleihen, also eher die kleinen und mittleren Geldhäuser aus der Provinz und weniger die großen Wall-Street-Institute. Zum anderen muss die Regierung die Konsequenzen ziehen, wenn Banken zahlungsunfähig werden...

SPIEGEL ONLINE: ...und sie pleitegehen lassen?

Stiglitz: Nein, sie muss sie retten, weil die Folgen für das Finanzsystem sonst unkalkulierbar wären. Aber im Gegenzug müssen diese Institute verstaatlicht werden, so wie es inzwischen sogar der ehemalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan fordert. Dann kann die Regierung jene Geschäftsfelder schließen, die mit der Kreditvergabe nichts zu tun haben, und in den übrigen sicherstellen, dass die Banken keine esoterischen Wertpapier-Wetten mehr veranstalten, die sie selber nicht verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Welt ist heute wirtschaftlich viel verflochtener als in den zwanziger oder dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Macht das den Kampf gegen die Wirtschaftskrise leichter?

Stiglitz: Im Gegenteil, er wird schwerer. Wenn ein Land heute ein Konjunkturprogramm auflegt, geht ein Großteil des konjunkturellen Impulses ins Ausland. Eine US-Firma beispielsweise, die einen Staatsauftrag zum Straßenbau erhält, kauft Maschinen in Deutschland, Betonteile in Mexiko oder Ingenieurleistungen in Großbritannien. Entsprechend groß ist der Anreiz, vom Konjunkturpaket des Nachbarn zu profitieren, aber möglichst wenig selbst zu tun. Dafür gibt es nur eine Lösung: Die Konjunkturpolitik muss international koordiniert werden, schon um die gefährlichen weltweiten Ungleichgewichte abzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?



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Hubert Rudnick, 02.04.2009
1. Besserwisser
Zitat von sysopDie Industriestaaten geben Billionen aus, um die Krise zu bekämpfen. Zu wenig, kritisiert US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Fehler bei der Bankenrettung, zaghafte Politiker - und erklärt, warum wir trotzdem glimpflicher davonkommen als in der Großen Depression. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,616745,00.html
------------------------------------------------------------ Ehrlich gesagt, ich mag diese Besserwisser absolut nicht, sie waren es doch die die Regierungen immer beraten haben und das mit dem Ziel eine totale neoliberale Politik zu gestalten. Keiner dieser ach so schlauen Nobellpreisträger sagt auch mal was dazu, dass er eine Mitverantwortung an dieser Finanzkrise trägt. Mir kommt es vor, als wollte spon hier ständig und Leute präsentieren, die mitverantwortlich sind, aber nun wieder mal alles besser wissen wollen, so wie wenn ein Bankräuber eine von ihm überfallene Bank in Fragen Sicherheit beraten will. Keiner dieser Leute kommt auch je darauf, dass sein mitgetragenes System nicht stimmen könnte, wer nur weiter so ruft, der macht sich lächerlich und zeigt uns, dass er in Wirklichkeit nicht zu sagen hat. Hubert Rudnick
der_wachmann 02.04.2009
2. Völlig an den echten Problemen vorbei
Diese tollen Wirtschaftsexperten und Ökonomen mit deutschklingenden Namen aus den USA reden total an den eigentlichen Problemen vorbei. Durch "Outsorucing" und "Kostenoptimierung" im Dienste des "Shareholder Value" wurden nämlich lukrative Arbeitsplätze in den USA und Westeuropa massenhaft gestrichen, und das verlorengegangene Einkommen durch Kredite ersetzt. Und jetzt, wo es keine Kredite mehr gibt, wird auch nicht mehr gekauft. Wir brauchen keine Banken und Kredite, wir brauchen sichere und gutbezahlte Arbeitsplätze, damit sich die Bürger endlich wieder etwas leisten können, und die Unternehmen verdienen. Jeder als Kosteneinsparung gestrichene Arbeitsplatz und das dadurch fehlende Einkommen der Arbeitnehmer kehrt mittelfristig in die Bilanzen der Unternehmen als Minderumsatz zurück. Die betriebswirtschaftliche Optimierung der letzten Jahrzehnte hat in der Volkswirtschaft einen enormen Schaden angerichtet. Das mit dem Wohlstand hat in den 70ern und 80ern geklappt, und würde auch jetzt klappen. Man müsste es einfach nur wollen. Denn Wirtschaft passiert nicht einfach, Wirtschaft wird gestaltet, nämlich von uns Menschen. Wir sind auf dem besten Weg, zu mittelalterlichen Verhältnissen zurückzukehren ;-)
Elessar 02.04.2009
3. Klugsch...en
Zitat von sysopDie Industriestaaten geben Billionen aus, um die Krise zu bekämpfen. Zu wenig, kritisiert US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über Fehler bei der Bankenrettung, zaghafte Politiker - und erklärt, warum wir trotzdem glimpflicher davonkommen als in der Großen Depression. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,616745,00.html
Na super. Dieselben Leute, die uns diese Krise beschert haben, kommen jetzt her und beglücken uns mit ihren Weisheiten, und erzählen uns, was wir tun müssen. Warum hatte Herr Stiglitz nicht medienwirksam geschrien, als die Blase auf dem US-Immobilienmarkt entstand? Und, ehrlich, welche Rezepte zur Bewältigung der Krise bieten uns die Mächtigen dieser Welt an? Die wollen, daß die Kredite wieder fließen und daß letztendlich die Immobilienpreise rund um den Globus wieder steigen, so daß sogar eine Hütte in Angola irgendwann 150 Millionen $$$$ kostet. Dann sind alle wieder glücklich und können den Konsum auf Pump fortsetzen. Echt widerlich.
RogerT 02.04.2009
4. Tolle Sache
---Zitat--- Stattdessen wird das Geld wahllos den Bankern hinterhergeworfen, und die zahlen sich dafür Milliarden an Boni und Dividenden aus. Wir Steuerzahler werden praktisch ausgeraubt, um die Verluste einiger sehr wohlhabender Leute zu verringern. ---Zitatende--- Damit hat er schon mal voll Recht. Nur kann man das den Bankern nicht anlasten sondern den Politikern, die ohne Kontrolle und Bedingungen unser Steuergeld mit dem Füllhorn ausschütten... ach ja, viele Politiker sitzen ja bei diesen Banken in den Aufsichtsräten... Ansonsten kann ich den Vorrednern nur zustimmen: wo waren die Mahner, die jetzt publikumswirksam aus ihren Löchern gekrochen kommen und schlaue Sprüche ablassen? Tolle Experten - hinterher ist man immer schlauer. Das Problem dieser ganzen Krise kommt von der Einkaufs- und Zahlungsmoral hauptsächlich in den USA ind GB: alles auf Pump. Und wenn ein Kredit fällig ist, wird ein neuer aufgenommen und davon der alte bezahlt. Tolle Sache, das kann nur in die Hose gehen. Und die Welt badet es mit aus. Die ganzen Konjunkturprogramme speziell in diesen Ländern zielen nur darauf ab, diesen Zustand wieder herzustellen bzw. zu stabilisieren. Eine Änderung des Umgangs mit Geld wäre hier angebracht - man kann nur ausgeben, was man hat.
Schlüssel, 02.04.2009
5. Es gibt Gemeinden
Es gibt Gemeinden in Deutschland die werfen Gewinne ab. Viele gibts von denen nicht, aber ein paar schon. Ich frage Herrn Stiglitz mal allen ernstes. Wem geht es besser? Einer Gemeinde die Schulden hat oder einer Gemeinde die Überschüsse macht? Wer überschuldet ist, wird irgendwann platt gemacht. Das kann in 100 Jahren sein, aber es wird kommen und dann Gnade uns Gott! Wo hat der Mann den Nobelpreis her? Vom Wühltisch bei Aldi?
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