US-Optionsskandal Schmutziges Geschäft mit Aktienoptionen

Die US-Börsenaufsicht SEC hat drei ehemalige Top-Manager der Tech-Firma Brocade wegen Bilanzbetrugs angeklagt. Es ist die erste Klage wegen vordatierter Aktienoptionen, mit denen sich viele Unternehmen bereichert haben sollen - insgesamt ermittelt die SEC gegen 80 Firmen.

Von , New York


New York - Brocade, eine Datenspeicherfirma im kalifornischen Silicon Valley, war ein Wunderkind des Tech-Booms. Anfangs ein winziges Privatunternehmen, wucherte Brocade im Jahr 2000 zu einer Company mit Tausenden Angestellten. Tendenz steigend: Der damalige CEO Greg Reyes setzte es sich zum Ziel, pro Quartal 200 neue Mitarbeiter einzustellen.

SEC-Chef Christopher Cox: 80 Firmen im Visier
DPA

SEC-Chef Christopher Cox: 80 Firmen im Visier

Die lockte Reyes, mangels Liquidität, mit Aktienoptionen, die er großzügig an alle austeilen ließ. Es war ein beliebter Trick in jenen Boom-Jahren, in denen Cash-arme Internet- und Tech-Firmen mit reiner Hoffnung auf dem Papier spekulierten. Das Versprechen: Selbst Sekretärinnen könnten reich werden, so der Kurs der Company ansteige. Was im Fall Brocade auch tatsächlich geschah: Vom Tag der IPO im Mai 1999 bis Ende Oktober 2000 explodierte die Aktie um gut das 56-Fache.

Brocade, in San Jose im Herzen von Silicon Valley, galt bald als der Ort, an dem man mit Optionen schnelle Millionen machen konnte. "Es gab viele Kandidaten, die daran interessiert waren", sagte die frühere Brocade-Recruiterin Aleina McCarver dem "Wall Street Journal".

Mehr Geld für die Manager

Die Tech-Blase platzte bekanntlich. Doch das schöne Spiel mit den Aktienoptionen geht bis heute weiter. Inzwischen gehören Optionen überall zur Standard-Vergütung, nicht nur für CEOs, sondern auch fürs mittlere Management. Doch das dürfte sich bald ändern: Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt mittlerweile gegen über 80 amerikanische Unternehmen, darunter mindestens 32 Tech-Firmen, wegen Selbstbereicherung und Betrugs per Optionen.

Und mitten im Fadenkreuz: Brocade. Ende voriger Woche erhoben die SEC und die Staatsanwaltschaft in San Jose Zivilklage wegen Bilanzbetrugs gegen Reyes, 43, den früheren Brocade-Finanzchef Antonie Canova, 44, und Ex-Personalchefin Stephanie Jensen, 48: Sie hätten durch "routinemäßigen" Optionsschwindel jahrelang "Millionenausgaben vor den Investoren versteckt".

Die Mauscheleien - denen die SEC schon seit Monaten auf der Spur ist, sollen so abgelaufen sein: Die Optionen seien heimlich und je nach Bedarf vordatiert worden, um diese "Währung" damit noch attraktiver zu machen - sprich: dabei mehr Geld für die Manager herauszuschinden.

Eher nach unten verrechnet

Das Schema ist einfach und funktioniert nach beiden Seiten. Sinkt der Kurs eines Unternehmens, so sind später datierte Optionen wertvoller, da der Manager dafür weniger bezahlen muss, sie dann aber besser abstoßen kann. Steigt der Kurs, wie im Fall Brocade, so sind früher datierte Optionen besser. Gelegentlich, so die SEC, seien dazu einfach auch die Einstellungstermine der jeweiligen Mitarbeiter, zu denen die Optionen ausgegeben worden seien, manipuliert worden.

Brocade ist dabei nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs. Diese Kungelei, die ein Verstoß gegen diverse Börsengesetze darstellt, ist in den USA offenbar viel weiter verbreitet, als allein das Ausmaß der SEC-Ermittlungen annehmen lässt. Eine Studie der Wirtschaftsprofessoren Erik Lie von der University of Iowa und Randall Heron von der Indiana University ergab kürzlich, dass in den letzten zehn Jahren mindestens 2270 Firmen ihre Aktienoptionen umdatiert haben - 29,2 Prozent aller untersuchten Unternehmen. 13,6 Prozent aller an die jeweiligen CEOs gegebenen Optionen seien derart manipuliert gewesen.

"Das ist ziemlich beunruhigend - und auch überraschend", erklärte Co-Autor Lie, der gemeinsam mit Heron insgesamt 7774 Firmen und 39.888 Optionen prüfte. Am beliebtesten war die Umdatierung demnach an ihrem Geburtsort, dem Silicon Valley: Allein jedes dritte Tech-Unternehmen wies dort suspekte Optionen auf. Selbst die Experten waren darob so baff, dass sie mehrere Kollegen baten, die Zahlen nachzuprüfen. Deren Fazit: Sollten sie sich geirrt haben, dann eher nach unten hin.

Dutzende Bilanzen nachkorrigiert

Fachleute sehen diese Options-Betrügereien als einen der Gründe, dass die Schere zwischen Arm und Reich in den USA immer weiter auseinanderklafft. "Einkommensungleichheit besteht nicht mehr nur zwischen Reich und Arm, sondern immer mehr auch zwischen Ultra-Reich und allen anderen", schreibt die Finanzkolumnistin Teresa Tritch in der "New York Times". "Das meiste davon rührt aus der beispiellosen Freigiebigkeit her, mit denen Manager überhäuft werden, in Form von Salären, Bonussen und Aktienoptionen."

Eine Verschärfung der Optionsregeln durch die SEC im August 2002 blieb offenbar völlig unbeachtet. Viele Firmen hätten die Vorschrift einfach ignoriert, sagte Lie: "Die Probleme halten an, die Regel wird nicht durchgesetzt."

Mehrere Dutzend US-Unternehmen haben bisher öffentlich eingeräumt, dass die SEC gegen ihre Optionspraktiken ermittelt, dass sie von Aktionären deswegen verklagt worden sind oder dass sie selbst interne Prüfungen eingeleitet haben. Dazu gehören unter anderem Cnet, Juniper Networks und Apple, das "Unregelmäßigkeiten" bei seinen Optionen zugab. Über ein Dutzend Firmen haben bisher bereits ihre Bilanzberichte nachkorrigiert.

"Kein Vorwurf der Selbstbereicherung"

Zu den jüngsten Konzernen, die neben Brocade in den Ruch unlauterer Optionen geraten sind, gehört auch die US-weite Gastronomiekette Cheesecake Factory, die gerade hausinterne Ermittlungen eingeleitet hat, weil dort nach eigenen Angaben mehrere Top-Manager Optionen bekamen, als der Kurs besonders niedrig lang. Der Chip-Produzent Rambus kündigte ebenfalls an, wegen "unkorrekter" Optionen drei Jahresbilanzen rückwirkend zu korrigieren.

Brocade leistete diesen Offenbarungseid bereits erstmals im Januar 2005 ab. Mit erheblichen Konsequenzen: Aus einem Gewinn von 67,9 Millionen Dollar fürs Geschäftsjahr 2000 wurde so ein Verlust von 951,2 Millionen. CEO Reyes wurde gefeuert - wiewohl er bis heute an seiner Unschuld festhält: "Es gibt keinen Vorwurf der Selbstbereicherung", erklärte der noch vorige Woche über seinen Anwalt. Drei Tage später kam die Klage.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.