US-Radiomarkt Angriff der DJ-Androiden

Von , New York

2. Teil: Teil zwei: Sarkasmus aus dem Tonstudio


Paradox: Während US-Satellitensender wie Sirius und XM neuerdings auch die Lokalmärkte anbohren, unter anderem durch kommunale Nachrichten und Interviews, gehen die alten Lokalsender auf nationalen Gleichschaltungskurs. Die Invasion der DJ-Roboter vollzog sich erst fast unbemerkt, doch auf breiter Front - eine Art elektronische Rundumattacke. KFME-FM in Kansas City wurde über Nacht zu JACK-FM. Dann verschwand KCBS-FM in Los Angeles und wurde ebenfalls zu JACK-FM. Dann KFMB-FM in San Diego. Dann WJJK-FM in Indianapolis. WLHK-FM in derselben Stadt hieß auf einmal HANK-FM. WDRQ-FM in Detroit: DOUG-FM.

Per Bestechung in die Rotation

Den US-Vertrieb des streng lizenzierten Jack-Formats, dem erfolgreichsten all dieser neuen DJ-Androiden, besorgt die Firma SparkNet, ein Anfang Juli gegründetes Joint Venture des kanadischen Medienbetriebs Bohn & Associates und der Firma Wall Media in Tennessee. "Die Zuhörer haben nach etwas anderem gerufen", sagt SparkNet-Präsident Garry Wall. "Wir geben ihnen genau das - mit etwas Biss."

Studio beim Satellitenradio Sirius: Neue Heimat für den Veteranen aus Brooklyn
AP

Studio beim Satellitenradio Sirius: Neue Heimat für den Veteranen aus Brooklyn

Und das geht so: Mr. Cogan alias Jack, sonst ein Sprecher für TV-Werbung und Jingles, steht in einem Tonstudio in Toronto und tut so, als interessiere sich Jack nicht im Geringsten für die Musik (die sowieso erst später getrennt hinzukommt). Cogan nennt diesen Ansatz "undersell", als Gegensatz zum "oversell" der echten, gerne überenthusiastischen Radio-Moderatoren. "Jack", sagt er, "regt sich nicht auf." In New York kommt das als Sarkasmus rüber, als zucke Jack dauernd die Schultern. Cogan alias Bob ist dagegen bescheidener: Er spricht von sich selbst in der dritten Person.

Jack und Bob können sich auch gar nicht für die Musik interessieren: Sie kennen sie nicht. Die separat entweder vom Vertrieb oder vom Sender besorgte Musikauswahl soll, unabhängig von den "Moderatoren", wenn möglich das beliebte Zufallsprinzip des iPod-"Shuffle" imitieren. Motto: Wer weiß, was als nächstes kommt - Pop, Rock, HipHop, Rap, Country. Die Leute von SparkNet nennen das skrupellos "Musik wie ein Zugunglück".

"Der Tag, als die Musik starb"

Nicht nur die geschassten DJs klagen über ihre Pseudo-Erben. "Da bleibt ja nur noch lebloses Radio", sagt Robert Unmacht, Mitbesitzer der Kommunikationsberatung iN3 in Nashville. "Jack mag Biss haben", sagt Kevin Goldman, ein Radiokritiker der "New York Times": "Aber er hat keine Seele." Auch die Moderatorengewerkschaft Aftra hat Protest eingelegt. New Yorks Lokalpresse betrauerte das unerwartete Ende von Cousin Brucie derweil als den "Tag, an dem die Musik starb".

Ist dies das Ende des Radios-DJs? Skeptiker sehen keine Zukunft mehr für Cousin Brucie & Co. "Sind sie einmal verschwunden", sagt Goldman über die alten FM-Programme und deren samtstimmigen Hüter, "werden sie kaum zurückkehren."

Doch so ganz tot sind weder die Musik noch Cousin Brucie. Bruce Morrow hat inzwischen einen neuen Arbeitgeber gefunden - den Satellitensender Sirius.



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