SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. August 2005, 08:40 Uhr

US-Radiomarkt

Angriff der DJ-Androiden

Von , New York

Während Selfmade-Soundtracks per iPod beliebter werden, stehen Amerikas Radiosender unter Druck: Viele feuern ihre Live-Moderatoren und spielen nur noch vorgefertigte Programmpakete mit Moderationen vom Band ab, um zu sparen. Kritiker sprechen vom "McDonald's-Radio".

Alte Radiomikrofone: "The day the music died"
AP

Alte Radiomikrofone: "The day the music died"

New York - Bruce Morrow ist eine Radio-Legende. Der inzwischen 69-jährige Discjockey aus Brooklyn, bekannt als "Cousin Brucie", ist in den USA seit 1959 fast ununterbrochen auf Sendung. Seine Hitparaden und Concert-Shows brachten ihm weltweite Prominenz und einen Eintrag in die Rock and Rock Hall of Fame. 1965 durfte er einmal sogar live die Beatles ansagen, als die auf US-Tournee waren. Zuletzt war er das Aushängeschild des New Yorker Pop- und Oldie-Senders WCBS-FM.

Doch im Juni ist Cousin Brucie plötzlich und unerwartet verstummt. Denn da stellte der US-Medienkonzern Infinity Broadcasting - die Muttergesellschaft von WCBS-FM und eine Tochter des Medienkonzerns Viacom - über Nacht das gesamte Programmschema um. Seitdem gibt's auf der Frequenz 96,6 nicht nur Oldies zu hören, sondern querbeet alles, was in den letzten Jahrzehnten auf den Musikmarkt gekommen ist. Cousin Brucie landete auf der Straße. Der neue Moderator heißt einfach nur "Jack" - und der Sender neuerdings JACK-FM.

Radioveteran Cousin Brucie (Archivbild): Dem Mietsprecher zum Opfer gefallen
AP

Radioveteran Cousin Brucie (Archivbild): Dem Mietsprecher zum Opfer gefallen

Dieser Jack moderiert übrigens längst nicht mehr nur in New York City. Sondern unter anderem auch in Dallas, Denver, Salt Lake City, Los Angeles, San Diego, Baltimore, Nashville, Seattle, Minneapolis, Chicago und Las Vegas. Außerdem heißt er gar nicht wirklich Jack. Sein richtiger Name ist Howard Cogan, und er ist in Wahrheit ein Schauspieler und Synchronsprecher aus Toronto. Cogan, 40, leiht auch jemandem namens Bob seine Stimme - Jacks schärfstem Moderatoren-Konkurrenten auf dem US-Radiomarkt.

Mietsprecher mit Pseudonymen

Willkommen im Zeitalter von iPods, PDAs, Musikdownloads, Online- und Satellitenradio - und DJs aus der Dose. Jack und Rivale Bob sind reine Kunstfiguren: Radio-Phantome, belebt durch die sonoren Bässe anonymer Mietsprecher. Ebenso wie Dave, Hank, Ben, Max, Mike oder Simon. Sie alle kommen, samt ihrer "Persönlichkeiten" (Cogan spielt Jack gerne "gleichgültig und blasiert"), elektronisch vom Band - und immer öfters auch im kompletten "Programmpaket", samt mitgeliefertem, breit gestreutem Song-Mix. Denn das ist längst billiger als das feste Gehalt eines Moderators. Cousin Brucie ist nicht der Einzige, der seinen Job verloren hat.

Die rasant wachsende Konkurrenz erfolgreicher US-Satellitensender wie Sirius und die immer beliebteren Selfmade-Soundtracks per iPods haben die etablierten FM-Stationen, jene legendären Pop- und Rock-Institutionen, in die Enge getrieben. Plötzlich klingt ihr Radio alt, abgestanden, langweilig, wiedergekäut. Doch nun glauben sie, das Gegenrezept gefunden zu haben: eine wieder viel breitere, stilistisch weniger berechenbare Musikspanne - "Shuffle" genannt, wie die iPod-Zufallsauswahl - sowie dazu vorfabriziertes "Moderatoren"-Geplänkel.

Erfunden wurde dieses "McDonald's-Radio" ("New York Newsday") eigentlich schon vor fünf Jahren in Kanada. Aber erst in diesem Sommer hat es in den USA seinen Siegeszug angetreten - im Kielwasser des iPods, der es dem Verbraucher ja ermöglicht, Abertausende von Songs in der Tasche zu tragen, statt sich mit weniger als 100 Titeln zu begnügen, die die Sender bisher in ihren festen Playlists hatten. Die neuen Jack- und Bob-Stationen bieten über 1000 Titel in ihrer täglichen Rotation.

Teil zwei: Sarkasmus aus dem Tonstudio

Paradox: Während US-Satellitensender wie Sirius und XM neuerdings auch die Lokalmärkte anbohren, unter anderem durch kommunale Nachrichten und Interviews, gehen die alten Lokalsender auf nationalen Gleichschaltungskurs. Die Invasion der DJ-Roboter vollzog sich erst fast unbemerkt, doch auf breiter Front - eine Art elektronische Rundumattacke. KFME-FM in Kansas City wurde über Nacht zu JACK-FM. Dann verschwand KCBS-FM in Los Angeles und wurde ebenfalls zu JACK-FM. Dann KFMB-FM in San Diego. Dann WJJK-FM in Indianapolis. WLHK-FM in derselben Stadt hieß auf einmal HANK-FM. WDRQ-FM in Detroit: DOUG-FM.

Per Bestechung in die Rotation

Den US-Vertrieb des streng lizenzierten Jack-Formats, dem erfolgreichsten all dieser neuen DJ-Androiden, besorgt die Firma SparkNet, ein Anfang Juli gegründetes Joint Venture des kanadischen Medienbetriebs Bohn & Associates und der Firma Wall Media in Tennessee. "Die Zuhörer haben nach etwas anderem gerufen", sagt SparkNet-Präsident Garry Wall. "Wir geben ihnen genau das - mit etwas Biss."

Studio beim Satellitenradio Sirius: Neue Heimat für den Veteranen aus Brooklyn
AP

Studio beim Satellitenradio Sirius: Neue Heimat für den Veteranen aus Brooklyn

Und das geht so: Mr. Cogan alias Jack, sonst ein Sprecher für TV-Werbung und Jingles, steht in einem Tonstudio in Toronto und tut so, als interessiere sich Jack nicht im Geringsten für die Musik (die sowieso erst später getrennt hinzukommt). Cogan nennt diesen Ansatz "undersell", als Gegensatz zum "oversell" der echten, gerne überenthusiastischen Radio-Moderatoren. "Jack", sagt er, "regt sich nicht auf." In New York kommt das als Sarkasmus rüber, als zucke Jack dauernd die Schultern. Cogan alias Bob ist dagegen bescheidener: Er spricht von sich selbst in der dritten Person.

Jack und Bob können sich auch gar nicht für die Musik interessieren: Sie kennen sie nicht. Die separat entweder vom Vertrieb oder vom Sender besorgte Musikauswahl soll, unabhängig von den "Moderatoren", wenn möglich das beliebte Zufallsprinzip des iPod-"Shuffle" imitieren. Motto: Wer weiß, was als nächstes kommt - Pop, Rock, HipHop, Rap, Country. Die Leute von SparkNet nennen das skrupellos "Musik wie ein Zugunglück".

"Der Tag, als die Musik starb"

Nicht nur die geschassten DJs klagen über ihre Pseudo-Erben. "Da bleibt ja nur noch lebloses Radio", sagt Robert Unmacht, Mitbesitzer der Kommunikationsberatung iN3 in Nashville. "Jack mag Biss haben", sagt Kevin Goldman, ein Radiokritiker der "New York Times": "Aber er hat keine Seele." Auch die Moderatorengewerkschaft Aftra hat Protest eingelegt. New Yorks Lokalpresse betrauerte das unerwartete Ende von Cousin Brucie derweil als den "Tag, an dem die Musik starb".

Ist dies das Ende des Radios-DJs? Skeptiker sehen keine Zukunft mehr für Cousin Brucie & Co. "Sind sie einmal verschwunden", sagt Goldman über die alten FM-Programme und deren samtstimmigen Hüter, "werden sie kaum zurückkehren."

Doch so ganz tot sind weder die Musik noch Cousin Brucie. Bruce Morrow hat inzwischen einen neuen Arbeitgeber gefunden - den Satellitensender Sirius.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung