US-Radiomarkt Angriff der DJ-Androiden

Während Selfmade-Soundtracks per iPod beliebter werden, stehen Amerikas Radiosender unter Druck: Viele feuern ihre Live-Moderatoren und spielen nur noch vorgefertigte Programmpakete mit Moderationen vom Band ab, um zu sparen. Kritiker sprechen vom "McDonald's-Radio".

Von , New York


Alte Radiomikrofone: "The day the music died"
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Alte Radiomikrofone: "The day the music died"

New York - Bruce Morrow ist eine Radio-Legende. Der inzwischen 69-jährige Discjockey aus Brooklyn, bekannt als "Cousin Brucie", ist in den USA seit 1959 fast ununterbrochen auf Sendung. Seine Hitparaden und Concert-Shows brachten ihm weltweite Prominenz und einen Eintrag in die Rock and Rock Hall of Fame. 1965 durfte er einmal sogar live die Beatles ansagen, als die auf US-Tournee waren. Zuletzt war er das Aushängeschild des New Yorker Pop- und Oldie-Senders WCBS-FM.

Doch im Juni ist Cousin Brucie plötzlich und unerwartet verstummt. Denn da stellte der US-Medienkonzern Infinity Broadcasting - die Muttergesellschaft von WCBS-FM und eine Tochter des Medienkonzerns Viacom - über Nacht das gesamte Programmschema um. Seitdem gibt's auf der Frequenz 96,6 nicht nur Oldies zu hören, sondern querbeet alles, was in den letzten Jahrzehnten auf den Musikmarkt gekommen ist. Cousin Brucie landete auf der Straße. Der neue Moderator heißt einfach nur "Jack" - und der Sender neuerdings JACK-FM.

Radioveteran Cousin Brucie (Archivbild): Dem Mietsprecher zum Opfer gefallen
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Radioveteran Cousin Brucie (Archivbild): Dem Mietsprecher zum Opfer gefallen

Dieser Jack moderiert übrigens längst nicht mehr nur in New York City. Sondern unter anderem auch in Dallas, Denver, Salt Lake City, Los Angeles, San Diego, Baltimore, Nashville, Seattle, Minneapolis, Chicago und Las Vegas. Außerdem heißt er gar nicht wirklich Jack. Sein richtiger Name ist Howard Cogan, und er ist in Wahrheit ein Schauspieler und Synchronsprecher aus Toronto. Cogan, 40, leiht auch jemandem namens Bob seine Stimme - Jacks schärfstem Moderatoren-Konkurrenten auf dem US-Radiomarkt.

Mietsprecher mit Pseudonymen

Willkommen im Zeitalter von iPods, PDAs, Musikdownloads, Online- und Satellitenradio - und DJs aus der Dose. Jack und Rivale Bob sind reine Kunstfiguren: Radio-Phantome, belebt durch die sonoren Bässe anonymer Mietsprecher. Ebenso wie Dave, Hank, Ben, Max, Mike oder Simon. Sie alle kommen, samt ihrer "Persönlichkeiten" (Cogan spielt Jack gerne "gleichgültig und blasiert"), elektronisch vom Band - und immer öfters auch im kompletten "Programmpaket", samt mitgeliefertem, breit gestreutem Song-Mix. Denn das ist längst billiger als das feste Gehalt eines Moderators. Cousin Brucie ist nicht der Einzige, der seinen Job verloren hat.

Die rasant wachsende Konkurrenz erfolgreicher US-Satellitensender wie Sirius und die immer beliebteren Selfmade-Soundtracks per iPods haben die etablierten FM-Stationen, jene legendären Pop- und Rock-Institutionen, in die Enge getrieben. Plötzlich klingt ihr Radio alt, abgestanden, langweilig, wiedergekäut. Doch nun glauben sie, das Gegenrezept gefunden zu haben: eine wieder viel breitere, stilistisch weniger berechenbare Musikspanne - "Shuffle" genannt, wie die iPod-Zufallsauswahl - sowie dazu vorfabriziertes "Moderatoren"-Geplänkel.

Erfunden wurde dieses "McDonald's-Radio" ("New York Newsday") eigentlich schon vor fünf Jahren in Kanada. Aber erst in diesem Sommer hat es in den USA seinen Siegeszug angetreten - im Kielwasser des iPods, der es dem Verbraucher ja ermöglicht, Abertausende von Songs in der Tasche zu tragen, statt sich mit weniger als 100 Titeln zu begnügen, die die Sender bisher in ihren festen Playlists hatten. Die neuen Jack- und Bob-Stationen bieten über 1000 Titel in ihrer täglichen Rotation.



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