US-Regierung zur Rezession Selbstmordpläne? Beten hilft!

Kliniken registrieren mehr Kranke, Psychiatrien gehen die Betten aus - macht die Rezession Amerika krank? Ja, glaubt das US-Gesundheitsministerium und hat nun ein kurios-befremdliches Online-Merkblatt für bessere Laune in Krisenzeiten veröffentlicht. Letztes Mittel: "Positiv denken."

Von , New York


New York - Das US-Gesundheitsministerium ist eine Art Stiefkind der Regierung. Trotz eines Jahresbudgets von 708 Milliarden Dollar, elf Unterbehörden und 64.750 Angestellten wissen nur wenige Amerikaner, was es wirklich macht. Auch beim Namen der designierten Ministerin müssen viele passen: Es ist Kathleen Sebelius, die demokratische Gouverneurin von Kansas. Ihre Ernennung hängt derzeit im Senat fest.

Online-Ratgeber des US-Gesundheitsministeriums: Wie bei einem Krebs-Merkblatt

Online-Ratgeber des US-Gesundheitsministeriums: Wie bei einem Krebs-Merkblatt

Das Department of Health and Human Services (HHS), in einem Siebziger-Jahre-Betonkoloss zu Füßen des Kapitols, ist ein Symbol für die überfällige Gesundheitsreform. Trotzdem ist es wacker aktiv, Motto: "Amerikas Gesundheit, Sicherheit und Wohlbefinden verbessern!" So wies es gerade auf Salmonellen-verseuchte Pistazien hin, startete eine Frühwarnaktion gegen Schmetterlingsflechte und erklärte die schweren Überschwemmungen in North Dakota zu einem "öffentlichen Gesundheitsnotstand".

Der aktuellste Belang der HHS-Gesundbeter ist aber von unvergleichbar größerer Tragweite: die Rezession, namentlich ihre psychischen und physischen Folgen fürs Volk. Dazu hat das Ministerium jetzt einen praktischen virtuellen Ratgeber veröffentlicht: "Wie man schwere Wirtschaftszeiten übersteht." Es sei der "erste Online-Führer seiner Art für Leute, die wegen der Krise mit emotionalen oder anderen gesundheitlichen Problemen kämpfen".

Wie bei einem Krebs-Merkblatt zeigt das Pamphlet Symptome auf, hilft Krankheitsstadien zu diagnostizieren und gibt Handreichung, wie man bei all dem Krisendrama nicht zusammenklappt. Die Hoffnung, so Eric Broderick, der Leiter von SAMHSA, dem HHS-Amt für Drogenmissbrauch und psychiatrische Versorgung: "Damit können wir zur Gesundung unserer Nation beitragen."

Sprich: Die Rezession ist zum landesweiten Leiden geworden, zur Krankheit nicht nur der Wirtschaft, sondern auch von Herz und Seele. Nicht umsonst entwickelte SAMHSA den Merkzettel in Zusammenarbeit mit dem Suicide Prevention Resource Center - dem HHS-Zentrum für Selbstmordverhütung, das sich um jene kümmert, die "vom Tod phantasieren" oder "keinen Grund zum Leben mehr sehen".

Hilfreich sind Hobbys und Sport

So weit will es das HHS nicht kommen lassen. Wem "Arbeitslosigkeit, Zwangsversteigerung, Investmentverlust und andere finanzielle Not" widerführen, der werde schnell auch von den klassischen Alarmzeichen des emotionalen Abstiegs heimgesucht: "Schwermut/Weinen", "Reizbarkeit", "Apathie", "Trunkenheit". Der nächste Schritt: "Depression, Angstzustände, Zwangsverhalten (Völlerei, Glücksspiel, Geldverschwendung), Drogenmissbrauch."

"Wahren Sie die Perspektive", empfiehlt das HHS fröhlich. "Achten Sie auf die guten Seiten des Lebens und halten Sie an der Hoffnung für die Zukunft fest." Hilfreich seien auch Sport und Hobbys. Langzeitarbeitslose, hergehört: Hanteln und Häkeln hilft. Und natürlich "das Entwickeln neuen Fachkönnens". Ein Rat, so lästerte Kolumnistin Maureen Dowd in der "New York Times", der jetzt vor allem dem geschassten GM-Chef Rick Wagoner pässlich komme - und "uns allen im Zeitungsgeschäft".

Wenn das alles nichts bringt, rät das HHS, sich doch bitte an die Krankenkasse zu wenden (ein toller Hinweis, angesichts der exorbitanten Gesundheitskosten hier) oder an einen "spirituellen Hirten". Dazu passt die Mahnung des Pastors Anthony Arnasalam aus Brooklyn: "Die biblische Lösung der Probleme unserer Nation ist Buße und die Rückkehr zu Gott."

Finanzieller Absturz, warnt das HHS, könne in "Suizidgedanken" resultieren. Das Finanzmagazin "Forbes" hat dafür längst ein handliches Schlagwort geprägt: "Ökonozid".

Die HHS-Kampagne passt zum Image von Präsident Barack Obama als Gleichmuts-Guru der Nation. Mag um ihn herum noch so viel schiefgehen, mögen Ministernominierungen implodieren, Konjunkturpakete im Kongress zerpflückt werden oder die Börsen wieder mal abstürzen - ihn scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. "Wir können nicht aus Angst heraus regieren", warnte er nach dem öffentlich-emotionalen Sturm um den AIG-Bonusskandal.

Angst oder nicht: Konkurs kann wirklich töten. Im Januar brachten zwei Familienväter in Ohio und Kalifornien wegen finanzieller Probleme erst ihre Frauen und Kinder um und dann sich selbst. René-Thierry Magon de la Villehuchet, der französische Milliardär und Investor, der sein Vermögen an den Mega-Betrüger Bernard Madoff verlor, schnitt sich die Pulsadern auf.

Studien stützen den Zusammenhang zwischen Krise, Stress, Trauma - und Ausrasten. Der Management-Professor Wayne Hochwarter von der Florida State University hat ermittelt, dass US-Arbeitnehmer heutzutage viel "gestresster und überstrapazierter" seien als früher. Mehr als 70 Prozent der von ihm Befragten gaben an, dass die Rezession in den vergangenen Monaten ihr Stressniveau erheblich erhöht habe. 80 Prozent fürchteten um ihre Finanzen. Mehr als 40 Prozent beklagten als Konsequenz einen Verfall der gesellschaftlichen Umgangsformen.

Krankenhäuser registrieren mehr Kranke, Psychiatrien gehen die Betten aus, Kirchen öffnen ihre Pforten für Betroffene, Therapeuten veranstalten Seminare für Börsenverlierer, der Blutdruck des ganzen Landes steigt. "Die Angstgefühle nahmen erstmals im Spätsommer und Herbst langsam zu", sagte die Psychologin Lynne Knobloch-Fedders der "Chicago Tribune". "Jetzt erreichen sie den Siedepunkt."

Gut also, dass es das Gesundheitsministerium gibt. Das hat am Ende noch einen allerletzten Geheimtipp parat, wenn Therapie, Selbsthilfe und Beten doch versagen: "Positiv denken."



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