US-Steuerrebellen In Freiheit leben oder sterben

Ein betagtes Ehepaar verweigert den USA seit Jahren die Steuern und hat sich über Monate auf seiner Ranch verschanzt. Trotz Todesdrohungen hat die Polizei die beiden jetzt verhaftet - und damit endgültig zu Helden der Anti-Steuer-Bewegung gemacht.

Von , Washington


Washington - Die Agenda war anspruchsvoll und vor allem brandaktuell: Nichts weniger als den "American Dream" wollte eine Gruppe wirtschaftsnaher Amerikaner auf einer Konferenz am Wochenende in Washington verteidigen. Der besteht ihrer Meinung nach vor allem aus einem Punkt - dem Staat so gut wie keine Steuern zahlen zu müssen. Und sie erhielten Applaus: Führende republikanische Präsidentschaftskandidaten machten allesamt ihre Aufwartung, einer nach dem anderen wollte an einem ja keinen Zweifel lassen: dass Steuern eine Art Teufelszeug sind.

Ed und Elaine Brown: "Steuern zahlen ist Sklaverei"
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Ed und Elaine Brown: "Steuern zahlen ist Sklaverei"

Auch die demokratischen Kandidaten vermeiden derzeit tunlichst, Steuerbelastungen aller Art zu erwähnen - denn das Thema ist alles andere als populär in den USA. Und das liegt auch an einem betagten Ehepaar aus Plainville im US-Bundesstaat New Hampshire.

Ed und Elaine Brown - er ein 65 Jahre alter Kammerjäger, sie eine 67 Jahre alte Zahnärztin – weigern sich seit Jahren, Steuern zu zahlen. Das Argument der Browns: Es gebe keine klare Rechtsgrundlage dafür, denn der Verfassungszusatz zur Einkommensteuer sei nie ordentlich verabschiedet worden. Steuern auf Lohn zu zahlen, das sei Sklaverei. Ed Brown sagte: "Zeig mir das Gesetz und ich zahle sofort. Wenn du es nicht zeigen kannst, bekommst du keinen Pfennig. Was ist daran so schwer zu verstehen?"

In einem freiheitsliebenden Land, in dem der Leitspruch der US-Steuerbehörde IRS – "Steuern sind unser Beitrag für eine zivilisierte Gesellschaft" – meist nur höhnisch zitiert wird, haben viele Bürger für solche Sätze offene Ohren. Vor allem aber sind die Browns nicht allein: Hunderttausende Amerikaner verweigern laut Schätzungen jedes Jahr die Steuern. Die etablierten US-Medien berichten darüber selten, doch im Internet haben diese Steuerrebellen eine regelrechte Fan-Gemeinde gefunden.

Heldenstatus in der Subkultur

Tom Cryer etwa, ein Rechtsanwalt aus Louisiana, der sich seit Jahren standhaft weigert, eine Steuererklärung abzugeben: Auch er bemüht das Argument, Einkommensteuer solle nur auf Profit und Gewinne, nicht auf Arbeitslohn erhoben werden. Als Cryer angeklagt wurde, warf er sich in die juristische Schlacht - und wurde im Juli dieses Jahres von einer Jury einstimmig freigesprochen. Jede Menge Blogger und Online-Videokünstler feiern ihn seither als Helden und organisieren Unterstützung für seine weiteren juristischen Auseinandersetzungen.

Das Ehepaar Brown hat in dieser Subkultur einen besonderen Heldenstatus erlangt, weil sie so entschlossen waren. Als die Steuerschulden des gut verdienenden Ehepaares - alleine Elaine hat als Zahnärztin in den vergangenen zehn Jahren rund 1,9 Millionen Dollar eingenommen - auf 625.000 Dollar anstiegen, wurden sie per Gerichtsbescheid zur Zahlung aufgefordert. Doch das Ehepaar dachte gar nicht daran, sondern verkroch sich auf seinem 110 Hektar großen Grundstück in Plainville. Die Behörden stellten ihnen rasch Strom, Wasser, Gas, Telefon, Internet und sogar die Post ab.

Aber die Browns hatten vorgesorgt: Sie vertrauten auf Satellitenschüsseln, Solarzellen, Gaskocher, Lebensmitteldosen. Sie schafften es sogar regelmäßig, Pressekonferenzen zu organisieren und gleich zwei Websites mit den Neuigkeiten ihres Falls zu bestücken. Vor allem aber: Sie trugen ihre Gewehre und ihre Pistolen offen im Hosenbund, bereit, auf jeden zu schießen, der sie mitnehmen wolle. "Wir verlassen die Farm entweder als freie Menschen oder tot”, warnte das Ehepaar. Im Internet baten die Browns um die entsprechenden Hilfsmittel: etwa Gasmasken, Schusswesten, Munition.

Wallfahrtstätte für Steuerhasser

Rasch avancierte das Haus in Plainville zu einer Art Wallfahrtsstätte für Steuerhasser. Die Browns hielten Hof, mit abendlichen Partys, auf denen sie Spenden für ihren Kampf sammelten, und regelmäßigen Besuchen von Reportern. Genau dieses rege Kommen und Gehen wurde ihnen nun aber zum Verhängnis: Denn die letzten Gäste, denen sie bereitwillig die Türen öffneten, entpuppten sich als US-Sheriffs. Die überwältigten die ältlichen Browns, bevor die recht wussten, was ihnen geschah. "Sie öffneten uns die Tür und wir haben sie dann heraus begleitet", kommentierte der zuständige Beamte trocken.

Bei den US-Behörden ist die Erleichterung unverkennbar, dass die Konfrontation so glimpflich endete. Den ganzen Sommer lang hatten die Browns und ihre Unterstützer vor einem "totalen Krieg" gegen korrupte Richter, Kommunisten und Zionisten gewarnt, und von Todeslisten gegen Journalisten und Polizisten geraunt, die zur Vergeltung getötet würden, wenn ihnen etwas zustoße. Gerne verglichen sie ihre Lage mit dem Waco-Massaker von 1993, das bis heute als wunder Punkt der US-Behörden gilt.

In Waco hatten sich 1993 Mitglieder der radikalen Davidianer-Sekte wochenlang auf einer Ranch verschanzt, darunter viele Kinder. Weil ihnen verschiedene Vorgehen vorgeworfen wurden, stürmte das FBI schließlich das Gebäude, wobei 82 Angehörige der Sekte umkamen. Das Ereignis hat rechtsradikale US-Terroristen wie den Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh zu eigenen Anschlägen inspiriert und bleibt ein Symbol radikaler Gegner der Staatsgewalt.

Tatsächlich fanden sich auch auf dem Grundstück der Browns jede Menge Schusswaffen - und sogar Sprengstoff für Bomben. Das wird dem Ehepaar wohl nun mehr juristische Schwierigkeiten einbringen als die rund fünf Jahre Haft, die ihnen ohnehin wegen der Steuerverweigerung drohen.

Ihre Märtyrerrolle aber scheint ungefährdet: Direkt nach ihrer Festnahme hinterließen Unterstützer auf deren "MySpace"-Seite die Nachricht: "Die Browns wurden gekidnappt". Ein anderer war noch direkter: "Wir leben also in einem Polizeistaat. Holt die Gewehre raus."



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