US-Wahl 2004 Gerangel um Greenspans Erbe beginnt

Am Dienstag stimmt Amerika nicht nur über den mächtigsten Mann im Land ab, sondern indirekt auch über den zweitmächtigsten: Der neue Präsident bestimmt, wer Nachfolger von Notenbankboss Alan Greenspan wird. Kerry favorisiert einen profilierten Banker, Bush einen Harvard-Professor � ein Blick auf die Kandidaten.

Der große alte Mann schmiedet schon Pläne für die Zeit danach. Wenn er mit seinem Tennistraining weiter so vorankomme wie bisher, hat Alan Greenspan einmal gesagt - dann habe er spätestens 2008 die Qualifikation für Wimbledon in der Tasche. Mit 82 Jahren wäre er dann sicher der älteste Spieler in der Turniergeschichte.

Jenseits aller Späße - eins steht fest: Der noch immer agile Chef der amerikanischen Notenbank wird ab Januar 2006 ungewohnt viel Zeit für Sport und sonstige Hobbys haben. Dann nämlich läuft Alan Greenspans scheinbar ewige Amtszeit unabänderlich und tatsächlich ab, nach insgesamt 19 Jahren. Greenspan hat unter den Präsidenten Reagan, Bush I, Clinton und Bush II amtiert - vielleicht wirkt er noch ein Jahr unter Präsident Kerry.

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Greenspan-Nachfolge: Kerrys Kandidaten

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Kerrys Kandidaten

Wer Greenspan nachfolgt, das sei "eines der wichtigsten Ergebnisse der Wahl", urteilt das "Wall Street Journal" - auch wenn die Frage öffentlich bisher kaum diskutiert wird und im Wahlkampf keine Rolle spielte. Ein fähiger Fed-Chairman besitzt weit mehr Gewalt über die US-Wirtschaftspolitik als jeder Finanzminister. Ohne Greenspan wäre das Wirtschaftsmirakel der Clinton-Jahre wohl viel matter ausgefallen. Ein konzeptloser Notenbanker wiederum kann das Land tiefer in eine Rezession hineinjagen - zu besichtigen war das zuletzt in den siebziger Jahren.

Januar 2006 - das ist nur scheinbar weit weg. Bush oder Kerry werden sich bemühen, ihren Wunschnachfolger möglichst frühzeitig vor Greenspans Abgang zu präsentieren, vielleicht schon Mitte 2005. Aktien- und Anleihemärkte wären so rechtzeitig auf den Regimewechsel vorbereitet. Außerdem muss der Auserwählte noch vom Kongress abgenickt werden. Das Team um George Bush soll jedenfalls schon vor über zwei Jahren begonnen haben, am Kandidaten-Wunschzettel zu arbeiten.

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Greenspan-Nachfolge: Bushs Kandidaten

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Bushs Favoriten

Keiner der beiden Wahl-Kombattanten hat sich bisher auf einen Namen festgelegt, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. John Kerry ließ in einem Zeitungsinterview immerhin ein paar Andeutungen fallen: Er würde "jemanden wie Bob Rubin in Betracht" ziehen, sagte er. Robert E. Rubin, bis 1999 Finanzminister unter Clinton und vorher Co-Chef von Goldman Sachs, genießt an der Wall Street einen sagenhaften Ruf und gilt als einer der besten Treasury-Chefs der letzten Jahrzehnte. Offen allerdings ist, ob er ein Angebot annehmen würde - Gattin Judith, eingefleischte New Yorkerin, ist angeblich dagegen, weil sie die Fed-Zentrale Washington nicht ausstehen kann.

Mach du es, Marty

Bush hat noch nicht einmal einen Hinweis gegeben, wen er auswählen würde. Offiziell sagt auch sein Beraterteam nichts. Fast alle Beobachter rechnen sich aber aus, dass er am liebsten den Harvard-Volkswirt Martin Feldstein aufstellen würde. Feldstein, vom Präsidenten kumpelhaft "Marty" genannt, lenkte schon unter Ronald Reagan den Stab der Wirtschaftsberater. Er gilt als eine eine Art Chefideologe der Steuersenkungspolitik unter Bush junior, seine Ex-Studenten verteilen sich über verschiedenste Schlüsselstellen in der Regierung. Feldsteins einziger Makel: Geldpolitik gehörte bislang nicht zu seinen Lieblingsgebieten.

Einer wird wohl wenig Einfluss auf die Nachfolgersuche nehmen dürfen: Alan Greenspan selbst. Der Fed-Chef würde sich John Taylor als Thronfolger herauspicken, glaubt das das Magazin "Fortune" - beide kennen sich noch aus den siebziger Jahren, als Taylor in Greenspans Beratungsfirma arbeitete. Seitdem war Taylor Professor in Stanford, aktuell steht er als Staatssekretär in Bushs Diensten.

Taylor aber ist - anders als Rubin und Feldstein - wenig prominent, politisch unerfahren und gilt außerdem noch als willensschwach. Keine sehr gute Qualifikation, wenn es darum geht, einer noch sehr lebendigen Legende nachzufolgen.