US-Wirtschaft Mythos und Wirklichkeit in Bushville

George W. Bush und Rivale John Kerry zeichnen zwei gegensätzliche Bilder der US-Ökonomie: Der eine sieht wachsenden Wohlstand, der andere Job-Mangel und sinkende Löhne. Recht haben beide - aber nur zum Teil. Eine Analyse der Wahlkampf-Klischees.

Von , New York


Bush beim Wahlkampfeinsatz: "... und wir werden nicht umkehren"
REUTERS

Bush beim Wahlkampfeinsatz: "... und wir werden nicht umkehren"

Inzwischen muss also auch Getreide zu Wahlkampfzwecken herhalten. "Hmmm", schwärmte Amerikas Präsident und bohrte seine Zähne in einen rohen Maiskolben. "Ist wirklich gut!" Grinsen, Kauen, Kameraklicken. "Oh yeah." Mehr Kauen. "Muss man nicht mal kochen."

George W. Bushs Ausflug in die Untiefen des Mittleren Westens, übers Wochenende im staubigen Ort Davenport im Bauernstaat Iowa, bezeugte zweierlei. Erstens: Davenport hat leckeren Mais. Zweitens: Iowa hat zahlreiche Wechselwähler; sie könnten bei der knappen Wahl im November den Ausschlag geben.

Die Visite im Herzland der Staaten war so auch eine Werbereise für Bushs Wirtschaftspolitik. "Wir haben die Kurve gekriegt und werden nicht umkehren", proklamierte der Präsident an den Ufern des Mississippi.

Eine Frage, viele Antworten

Eine forsche Feststellung - nur Tage, nachdem der Dow Jones auf einem neuen Jahrestief gelandet war. Auch andere Eckdaten stimmen nachdenklich: Das Wirtschaftswachstum schwächte sich im zweiten Quartal ab, die Verbraucher sparten, das Haushaltsdefizit erreichte eine neue Rekordhöhe.

Bush lässt sich davon nicht beirren: "Unsere Wirtschaft ist seit letztem Sommer so schnell gewachsen wie kaum in 20 Jahren", beharrte er in Davenport. Ähnlich äußerte sich die Notenbank, als sie die Leitzinsen am Dienstag anzog: Der Aufschwung sei "breit gestützt", "selbsterhaltend" und "im Begriff", weiter an Fahrt zu gewinnen.

Da waren angesichts der weit schwächeren Daten der Vorwoche selbst die Experten verwirrt. "Das kommt mir nicht ganz logisch vor", wunderte sich der Ökonom Ed McKelvey von Goldman Sachs im "Wall Street Journal". Hat die Wirtschaft also die Kurve bekommen, wie Bush behauptet, oder nicht? Eine Frage der Perspektive.

Oberstes Sorgenthema der Wähler

Antwort A: Die Wirtschaft ist tatsächlich auf dem Wege der Besserung. Unternehmensgewinne steigen, Investitionen und Exporte boomen: "Die Wirtschaft feuert aus allen Rohren", sagt Bush-Sprecher Steve Schmidt. Ein TV-Spot Bushs illustriert das mit Bildern einer belebten Main Street: Ein Metzger öffnet seinen Laden, Geschäftsleute schütteln sich jovial die Hand.

Kandidat Kerry in Michigan: Sprechchöre an der Terminbörse
AP

Kandidat Kerry in Michigan: Sprechchöre an der Terminbörse

Antwort B: Die Fundamente der Wirtschaft sind schwach. Der Stellenmarkt siecht, Arbeitereinkommen stagnieren. In der Ära Bush junior sind netto mehr Jobs verloren gegangenen als entstanden; das gab es seit der Amtszeit des Krisenpräsidenten Herbert Hoover nicht mehr. Die Zeiten seien "seit der Depression nicht so schlimm" gewesen, sagt Gene Sperling, Wirtschaftsberater des demokratischen Kandidaten John Kerry. Ein TV-Spot Kerrys illustriert das mit einer leeren Landstraße, über die dürres Steppengestrüpp weht: "Bushville, USA".



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