US-Zeitungskrise "Boston Globe" steht vor dem Aus

Trotz der dramatischen Situation kam die nötige Einigung nicht zustande: In der Nacht zum Montag brachen Gewerkschafter und Verlagsführung des "Boston Globe" die Sanierungsgespräche ohne Einigung ab. Der traditionsreichen US-Zeitung droht nun die Schließung.


New York - Für das US-Blatt "Boston Globe" läuft die Zeit ab: Die Geschäftsführung des Mutterkonzerns "New York Times"-Verlag kündigte noch in der Nacht zum Montag an, dass sie die staatlichen Stellen über die baldige Schließung informieren werde. Das Ende der renommierten Tageszeitung wäre damit nur noch eine Frage von Wochen.

Aufmacher des "Boston Globe": Chronik eines angekündigten Todes

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Die Gespräche waren in der Nacht zum Montag abgebrochen worden - eine Stunde nach dem Ablauf der letzten Frist, die der Verlag den Gewerkschaften gesetzt hatte. die Nachrichtenagentur Reuters berichtet aber unter Berufung auf informierte Kreise, dass die endgültige Entscheidung noch nicht gefallen sei. Zuvor hatte die Verlagsleitung den Druck auf die Belegschaft noch einmal erhöht und mit der schnellen Schließung des "Globe" gedroht. Insgesamt 20 Millionen Dollar müssen die Angestellten einsparen.

Verzicht auf überregionale Nachrichten

Der seit 1872 erscheinende "Boston Globe" gehört zu den 15 größten Tageszeitungen der USA. Doch die Probleme der US-Presse machten auch vor dem Traditionsblatt nicht halt. Infolge der Finanzkrise sind die Anzeigenerlöse dramatisch eingebrochen. Hinzu kommt der Erfolg der Online-Ableger: Ihre Online-Ausgaben eingerechnet, erreichen viele Blätter zwar sogar mehr Leser als je zuvor. Doch die Verluste im Printgeschäft konnten bisher nicht durch die zusätzlichen Einnahmen im Netz ausgeglichen werden. Studien zufolge haben die Verlage etwa ein Fünftel ihrer Werbeeinnahmen verloren. Diese ohnehin dramatische Entwicklung verschärft sich nun durch die weltweite Wirtschaftskrise.

Eine ganze Reihe von Zeitungshäusern hat daher in den vergangenen Monaten Insolvenzschutz angemeldet, so etwa die Tribune Corporation, Verlegerin der "Chicago Tribune", der "Los Angeles Times" und des "Hartford Courant", oder das Verlagshaus Philadelphia Newspapers, das den "Philadelphia Inquirer" herausgibt.

Und so kommt es also, dass nun mit dem "Boston Globe" auch eine der renommiertesten Zeitungen der USA in ihrer Existenz bedroht ist. Mit einer Wochentagsauflage von rund 380.000 Exemplaren ist das Blatt die Nummer 14 im Lande, publizistisch strahlt es oft auch über die Grenzen der USA hinaus. Zuletzt wandte sich die Zeitung allerdings dem hyperlocalism zu: Man verzichtete fast ganz auf überregionale Nachrichten.

Große journalistische Verdienste

20 Pulitzer-Preise hat die Redaktion in ihrer Geschichte hervorgebracht, davon allein acht unter der Eigentümerschaft der New-York-Times-Gruppe, zu der der "Globe" seit 1993 gehört. Zu den großen journalistischen Verdiensten der Zeitung zählt etwa die Aufdeckung einer Reihe von Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, die vor allem in den Jahren 2002 und 2003 die USA erschütterten.

Doch das Ansehen ließ sich nicht in Einnahmen ummünzen: Der "Boston Globe" verbuchte allein im vergangenen Jahr 50 Millionen Dollar Verlust. Der Auftragseinbruch bei den Anzeigen zu Beginn des Jahres schließlich führte zu einer dramatischen Verschärfung der Situation. 2009, so fürchtet die Verlagsleitung, könnte das Minus auf 85 Millionen Dollar ansteigen, wenn die Mitarbeiter nicht niedrigeren Löhnen und Gehältern zustimmen. Außerdem will die Zeitung Sozialleistungen streichen. So soll es künftig keine lebenslangen Jobgarantien und keine Zuzahlungen zur Rente mehr geben.

Die New York Times Company hatte die Zeitung 1993 für 1,1 Milliarden Dollar gekauft - und seitdem Jahre für Jahr Millionen auf sein Investment abschreiben müssen. Vor zwei Jahren wurde der Wert des "Boston Globe" nur noch auf gut 500 Millionen Dollar geschätzt, im vergangenen Jahr lag er Analysten von Barclays Capital zufolge lediglich bei 20 Millionen Dollar. Derweil geriet der Mutterkonzern New York Times Company selbst in Schwierigkeiten und war zu umfangreichen Sparmaßnahmen gezwungen. Entsprechend gering sind die Möglichkeiten, den "Boston Globe" weiter zu stützen.

In den USA hat in diesem Jahr bereits eine ganze Reihe großer Zeitungen geschlossen, darunter die "Rocky Mountain News" aus dem Verlag EW Scripps und der "Seattle Post Intelligencer" aus dem Hause Hearst. Neben dem "Boston Globe" ist Hearsts "San Francisco Chronicle" der nächste Wackelkandidat.

mik/Reuters



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