US-Zeitungskrise Holzfäller im Blätterwald

Leserflucht, Anzeigenschwund, Kostenexplosion: Viele US-Zeitungskonzerne stecken tief in den roten Zahlen. Nun revoltieren die Aktionäre. Sie wollen die defizitären Blätter loswerden und schrecken auch vor der Zerschlagung nicht zurück.

Von , New York


New York - Rupert Murdoch hat Nerven. Schon länger hat der Medienmogul ein Auge auf den kränkelnden US-Verlag Dow Jones geworfen, Heimat des "Wall Street Journals". Doch so weit wie jetzt hat er sich noch nie aus dem Fenster gelehnt. Unter ihm, prahlte Murdoch jüngst, könnte Dow Jones die "größte und vornehmste Zeitungskette in diesem Land und der Welt" werden.

Zeitungskiosk in Seattle: Renommee-Blätter als waidwunde Beute
AP

Zeitungskiosk in Seattle: Renommee-Blätter als waidwunde Beute

Das Pikanteste an dieser Äußerung: Murdoch machte sie nicht irgendwo. Er machte sie in einem Interview mit dem "Wall Street Journal".

Die Aasgeier werden zunehmend dreister. Die Finanzlage vieler US-Presseunternehmen ist derartig prekär, dass sie bei Investoren längst als waidwunde Beute gelten. Selbst Renommee-Blätter wie die "New York Times" sind nicht mehr sicher. Die jüngsten Auflagenzahlen halfen da wenig: 2,6 Prozent minus in den vergangenen sechs Monaten, die stärksten Verluste seit 14 Jahren.

"Das Zeitungsgeschäft steckt in der Krise", diagnostiziert Tom Rosenstiel, Direktor des Project for Excellence in Journalism an der Columbia University. Eine Misere, deren Gründe Branchenkenner inzwischen im Schlaf hersagen können: Kostenexplosion und Abwanderung von Lesern und Anzeigen ins Internet.

Attacke auf Knight Ridder

Verzweifelt suchen die Verlage nach Auswegen, senken Kosten und streichen Stellen. Doch kein Mittel scheint zu wirken. Schon fragt sich die Branche, wie lange die traditionsreichen, defizitären Verlage ihre Unabhängigkeit noch sichern können.

Eine mögliche Antwort auf diese Frage wird gerade im kalifornischen San Jose diskutiert, dem Sitz der zweitgrößten US-Zeitungskette Knight Ridder ("Philadelphia Inquirer", "Miami Herald"). In der Branche dürfte diese Antwort nicht jeder gerne hören, denn sie läuft auf eine Zerschlagung des Konglomerats hinaus.

Das jedenfalls geht aus einem brisanten Brief der Investmentgesellschaft Private Capital Management (PCM) hervor, die mit 19 Prozent Knight Ridders größter Anteilseigner ist. Darin forderte PCM-Chef Bruce Sherman vom Direktorium des Zeitungskonzerns den Verkauf der insgesamt 32 Knight-Ridder-Lokalzeitungen, am besten in Häppchen: Der Wert einer Zerschlagung übertreffe den Aktienwert, der in den letzten zwei Jahren um ein Drittel abgestürzt sei, bei Weitem, hieß es. Deshalb müsse das Management einen "Verkauf aggressiv verfolgen".

"Der Fehdehandschuh ist geworfen"

Der Vorstoß von PCM eskalierte rasch zu einer Aktionärsrevolte. Kurz nach dem Brief Shermans, der als einer der talentiertesten US-Investment-Manager gilt, schlossen sich weitere Anteilseigner dem Ruf nach drastischen Sanierungsmaßnahmen an.

In der Branche herrscht seither große Aufregung. "Der Fehdehandschuh ist geworfen", sagte Douglas Arthur, Zeitungsanalyst bei Morgan Stanley, dem "Wall Street Journal". Sollte Knight Ridder als erster Verlag derart verscherbelt werden oder in einem größeren Konzern aufgehen, öffne dies "die Büchse der Pandora".

Tatsächlich hält die Finanzbranche eine Attacke auf das Zeitungswesen für eine gute Idee. Nicht nur der Kurs von Knight Ridder stieg nach Bekanntwerden des PCM-Briefs. Auch andere Verlags-Papiere legten zu, darunter die New York Times Company und Dow Jones.

Doch wer soll die kranken Verlage übernehmen? Branchenanalyst Steven Barlow sieht "wenige potentielle Käufer, wenn überhaupt". Als Interessent für Knight Ridder ist der Gannett-Konzern im Gespräch. Der Medienriese betreibt über 20 TV-Stationen und verlegt knapp 100 Zeitungen, darunter "USA Today", mit einer Auflage von 2,6 Millionen das größte Blatt der USA. Beobachter spekulieren auch über private Beteiligungsgesellschaften, die die Zeitungen als "Cash-Flow-Vehikel" nutzen könnten. Wieder andere tippen auf die neuen Fürsten der Medienwelt: Internet-Konzerne wie Google und Yahoo, die auf das Anzeigengeschäft scharf sind.

Schlechte Nachricht für die "New York Times"

Knight Ridder jedenfalls scheint keine Wahl zu haben. Sherman warnte das Direktorium, dass er eiskalt "noch aggressivere Anstrengungen in Betracht ziehen" werde, sollte es seiner Forderung nicht freiwillig Folge leisten.

Das verheißt nichts Gutes - auch für den Rest der Branche: Denn Shermans PCM hält nicht nur Anteile an Knight Ridder, sondern ebenso an nahezu allen US-Zeitungsverlagen, darunter McClatchy ("Sacramento Bee", 37 Prozent), Belo ("Dallas Morning News", 23 Prozent), Lee ("St. Louis Post-Dispatch", 23 Prozent) - und die New York Times Company (13 Prozent).

Selbst eingefleischte Print-Veteranen verlieren zunehmend den Glauben an die Überlebensfähigkeit der Zeitungen. Andrew Gowers etwa, bis vor kurzem Chefredakteur der "Financial Times", jedenfalls warnt vor einem Zeitungsengagement. "Heute beim Print zu arbeiten ist so, als würde man einen Musikladen betreiben, der nur Vinyl verkauft", schrieb Gowers in einer Kolumne des Londoner "Evening Standard".



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