Demokratische US-Präsidentschaftsbewerber Sehr links und sehr reich

Die demokratischen Präsidentschaftsbewerber in den USA kämpfen für Umverteilung. Sie müssen wissen, wo etwas zu holen ist - ihre Favoriten gehören selbst zum obersten Prozent.

TV-Debatte der US-demokratischen Präsidentschaftskandidaten: Zynische Ratschläge
Mike Segar/ REUTERS

TV-Debatte der US-demokratischen Präsidentschaftskandidaten: Zynische Ratschläge

Von  , Washington


Der derzeit aussichtsreichste Bewerber im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur hat sich selbst einen Spitznamen verpasst. Joe Biden nennt sich den "Mittelklasse-Joe". Das Image soll den Amerikanern suggerieren, dass hier einer Präsident werden will, der so ist wie sie. Der wie sie mit den Widrigkeiten des Alltags kämpft, lieber Burger als Quinoa-Salat verspeist, hart für sein Geld arbeitet, und sich trotzdem fragt, wie er die Ausbildung seiner Kinder oder die unvorhergesehene Knie-OP bezahlen soll.

Bidens Mittelklassebegriff allerdings scheint sehr großzügig gefasst. Im vergangenen Jahr hat der Senator zusammen mit seiner Frau Jill nach eigenen Angaben 4,58 Millionen Dollar verdient. Finanziell gesehen hatte das Paar damit kein Spitzenjahr seiner Ehe: 2017 war sein Einkommen mit elf Millionen Dollar mehr als doppelt so hoch.

Der Ex-Vizepräsident schafft es damit nicht nur bei den Popularitätswerten, sondern auch beim Einkommen auf Platz eins im gedrängten Feld der Demokraten - sieht man vom Milliardär Tom Steyer ab, der diese Woche ebenfalls seinen Hut in den Ring geworfen, aber seine Steuererklärungen noch nicht offengelegt hat. Doch auch die anderen Umfragefavoriten scheinen keine Geldsorgen zu kennen.

Das Einkommen von Bernie Sanders wirkt da geradezu bescheiden

Die Ex-Staatsanwältin Kamala Harris, die den 76-jährigen Biden während der ersten Debattenrunde ziemlich alt aussehen ließ und zum Medienliebling avancierte, kam 2018 auf ein Haushaltseinkommen von 1,9 Millionen Dollar. Elizabeth Warren, die den Kampf gegen die "Gier der Unternehmen" zu ihrem Markenzeichen gemacht hat, verdiente 850.000 Dollar. Dagegen nimmt sich das Jahreseinkommen ihres schärfsten Konkurrenten im linken Parteiflügel, Bernie Sanders, mit 561.000 Dollar (2017: 1,15 Millionen Dollar) geradezu bescheiden aus.

Allerdings empfinden das nicht alle an der Basis so. "Was sagen Sie zu Einwänden, dass Ihr Finanzstatus Ihre Autorität als jemand untergräbt, der gegen Millionäre und Milliardäre eifert?", fragte eine Studentin den bekennenden Sozialisten während eines Townhall-Meetings. "Eine gute Frage", antwortete der und bekannte sich dann "schuldig", einen internationalen Bestseller geschrieben zu haben.

"Wenn du einen Bestseller schreibst, kannst du auch ein Millionär sein"

Tatsächlich ist sein eine Woche nach Trumps Wahlsieg veröffentlichtes Buch "Unsere Revolution: Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft" zur Plattform für Sanders zweiten Anlauf ins Weiße Haus geworden. Der 77-Jährige ist nicht der Einzige, für den sich die Veröffentlichung der eigenen Memoiren nicht nur politisch, sondern auch finanziell auszahlt. Die Werke der Politstars, in deren Titeln viel von Hoffnung, Kampf und Zukunft die Rede ist, werden im Wahlkampf zuverlässig zu Bestsellern.

Doch während Warren und Harris an ihren Veröffentlichungen nur gut 300.000 Dollar (das Doppelte ihrer Senatsbezüge) verdienten, kassierte Biden für "Where the Light Enters" und "Promise Me, Dad" in zwei Jahren mehr als 13 Millionen Dollar - auch weil er sich Redeauftritte mit bis zu 190.000 Dollar vergüten ließ. Der Mann, der einst damit kokettierte, "die ärmste Person im Kongress zu sein", fühlt sich in den illustren Kreisen der Reichen offenbar durchaus wohl: Im Juni 2017 kauften sich die Bidens ein Feriendomizil am Strand von Delaware für 2,7 Millionen Dollar.

Gegen Trump sehen die Demokraten immer noch arm aus

Doch nicht nur der einstige Vize von Barack Obama gehört damit zu Amerikas Geldelite, sondern auch seine Konkurrenten. Nach Berechnung des Economic Policy Institute gehört zum oberen einen Prozent der Einkommensbezieher in den USA, wer ein Haushaltseinkommen von mehr als 421.926 Dollar heimbringt - diese Hürde haben auch die anderen demokratischen Präsidentschaftsbewerber geschafft.

Zum Vergleich: Das Medianeinkommen aller Haushalte lag Ende 2018 bei rund 63.000 Dollar. Den Ratschlag von Sanders "Wenn du einen Bestseller schreibst, kannst du auch ein Millionär sein" klingt da für jemanden, der gegen die strukturelle Ungleichheit der amerikanischen Gesellschaft zu Felde zieht, eher zynisch.

Ob den Demokraten ihre selbst verordnete Transparenz schadet oder gar ihre Glaubwürdigkeit erhöht, wenn sie Steuererhöhungen für Reiche fordern, wird sich im Wahlkampf zeigen. Im Vergleich zum eigentlichen politischen Gegner sehen sie ohnehin immer noch ziemlich arm aus: Amtsinhaber Donald Trump weigert sich zwar beharrlich, detaillierte Steuererklärungen zu veröffentlichen. Nach eigenen Angaben hat er 2018 allerdings ein Einkommen von mindestens 434 Millionen Dollar erzielt.

insgesamt 49 Beiträge
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rivka 13.07.2019
1.
Und? Dürfen sich reiche Menschen nicht mehr für soziale Gerechtigkeit einsetzen? Muss man arm sein, um Umverteilung zu fordern?!
Mara Cash 13.07.2019
2. Wen interessiert das?
Ziemlich egal, wieviel da welcher demokratische Präsidentschaftskandidat verdient - ich wäre eher an Informationen interessiert gewesen, wofür welcher Kandidat besonders eintreten will?
tutuban 13.07.2019
3. Sanders und Zynsimus
Bernie Sanders Zynismus vorzuwerfen, weil er ein Buch geschrieben hat und damit zum Millionär aufgestiegen ist verkennt in welchem Zusammenhang dieses Zitat stand. Herr Sanders war, als wohl einziger demokratischer Presidentschaftsbewerber, zu einer Townhallveranstaltung bei FoxNews gekommen und sah sich dort den häufigen Gleichmachervorwürfen seiner Hosts konfrontiert. À la würde er gewählt, würde Reichtum verboten, venozolanische Verhältnisse einkehr halten etc. pp. Er ist mitnichten ein Sozialist wie wir einen Solchen in Europa kennen. Hier jetzt darzulegen, wie Sanders Politik aussehen wird, so sollte er gewählt werden, ist nicht meine Aufgabe sondern die des SPON-Teams. Leider muss ich als jemand der sowohl sein Buch als auch den Vorwahlkampf 2016 und auch den jetzigen Vorwahlkampf verfolgt hat und sich wohl selber im Team Bernie verortet, festellen, dass der Spiegel bestenfalls Tendenziös berichtet. Polling Numbers von CNN unüberprüft zu übernehmen, Sanders Kampange tot reden und dabei unter den Tisch fallen zulassen, wie diese Zahlen zustande gekommen sind ist einfach nur schändlich. Sanders genießt beispielsweise eine große Unterstützung unter den bis 40-Jährigen. Wenn ich dann ausschließlich registrierte Dem-Wähler mit einem Durschnittsalter von 57 befrage, verliert ein solcher Poll seine Aussagekraft. Das liebes Spiegelteam darf gerne mal erwähnt werden.
Ein_denkender_Querulant 13.07.2019
4. selbstbezahlter Wahlkampf
Wen oder was erwarten die Menschen, wenn man den Wahlkampf selber finanzieren muss?
kuac 13.07.2019
5.
Wo ist das Problem? Wer gegen die starken kämpfen will, muss nicht schwach sein, sondern eher stark. Hauptsache ist die Motivation und das Ziel.
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