Henrik Müller

Zerfall der Demokratie Der Triumph des Aluhuts

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Demokratien sind auf Vernunft und Kompromiss gebaut. Doch vielerorts im Westen bröckelt der gesellschaftliche Grundkonsens, es schwindet die Fähigkeit, sich zu einigen. Versuch einer Erklärung.
Demonstranten in Louisville (US-Bundesstaat Kentucky): Ein Prozess ist im Gange, bei dem der gesellschaftliche Grundkonsens verlorenzugehen droht

Demonstranten in Louisville (US-Bundesstaat Kentucky): Ein Prozess ist im Gange, bei dem der gesellschaftliche Grundkonsens verlorenzugehen droht

Foto: Brandon Bell / Getty Images

In den USA zeigt sich derzeit, wohin der Zerfall der Öffentlichkeit führt. Und es kann alles noch viel schlimmer kommen: Nach der Präsidentschaftswahl am 3. November droht ein landesweites Abgleiten in öffentliche Gewalt sowie eine Verfassungskrise, die im Extremfall die Existenz des US-amerikanischen Staatswesens gefährden kann. Übertrieben?

Es sind keine Spinner, die solche Befürchtungen hegen, sondern nüchterne Analytiker der Lage. Die Zeitschrift "Economist" sieht in ihrer aktuellen Titelgeschichte eine "hässliche Wahl"  vorher und warnt: "Ein umstrittenes Ergebnis kann gefährlich werden." In der "New York Times " skizzierte dieser Tage ein Kommentator ein Szenario, bei dem Donald Trump eine Niederlage an den Urnen nicht eingesteht - und einfach im Amt bleibt. Sollte es so weit kommen, werde es darum gehen, "dauerhaften zivilen Widerstand" zu organisieren, "wie in Hongkong oder Belarus".

Zu den Voraussetzungen der Demokratie gehört, dass diejenigen, die eine Wahlniederlage erleiden, das Ergebnis anerkennen. Dass die Mehrheit die Rechte und Interessen der unterlegenen Minderheit respektiert. Dass es einen fundamentalen gesellschaftlichen Konsens gibt, auf dessen Basis weithin akzeptierte Kompromisse möglich sind. Dass die staatlichen Institutionen rechenschaftspflichtig an Gesetz und Verfassung gebunden sind, sodass ihnen die Bürger vertrauen können.

All das ist ins Rutschen geraten, nicht nur in den USA, aber dort besonders augenfällig. Die amerikanische Gesellschaft ist inzwischen so stark polarisiert, dass sich diese Voraussetzungen nicht mehr unbedingt als gegeben annehmen lassen. Ein klarer Sieg des einen oder anderen Kandidaten könnte die Lage vielleicht noch stabilisieren. Aber knapp, wie die Umfragen  stehen, könnte die unterliegende Seite auf die Barrikaden gehen. 

Ähnlich knapp sind die Umfragen übrigens in Frankreich : Die Rechtsnationalistin Marine Le Pen ist nur wenige Prozentpunkte von Präsident Emmanuel Macron entfernt. Klar, die nächsten Wahlen stehen erst übernächstes Jahr an. Doch das enge Wahlergebnis im ersten Wahlgang 2017 und später die wütenden Proteste der Gelbwesten haben demonstriert, wie brüchig der gesellschaftliche Grundkonsens auch dort ist.

In Deutschland ist die Situation stabiler. Populistische Einstellungen scheinen auf dem Rückzug, wie eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kürzlich festgestellt hat. Während sich die AfD in interne Machtkämpfe verstrickt, fallen ihre Umfragewerte. Dass die Bundesrepublik bislang vergleichsweise gut durch die Coronakrise gekommen ist, hat der technokratisch-unterkühlten Merkel-Scholz-Koalition einiges an Respekt eingebracht.

Aber auch hierzulande breiten sich Verschwörungserzählungen aus. Das Erschrecken über die Berliner Demos vom vorigen Wochenende, bei denen Systemgegner ganz unterschiedlicher Hintergründe zusammenfanden, ist noch nicht verhallt. Die Anti-Corona-Maßnahmen scheinen zum Kristallisationspunkt einer bunt gemischten außerparlamentarischen Opposition zu werden, die nach dem ersten Pandemieschock samt Shutdown und Maske aufzutrumpfen versucht.

Was ist hier eigentlich los?

Treiber und Getriebene

Offenkundig ist ein Prozess im Gange, bei dem der gesellschaftliche Grundkonsens verlorenzugehen droht. Die Veränderung der Medienlandschaften begünstigt einen Zerfall der Öffentlichkeit. Gesellschaften spalten sich in immer kleinere Resonanzräume auf, wo jeweils eigene Erzählungen über den Zustand der Welt vorherrschen. Diese Erzählungen brauchen nicht unbedingt eine belastbare Faktenbasis, um der jeweiligen Anhängerschaft glaubwürdig zu erscheinen. Gegenseitige Bestätigung innerhalb einer Gruppe ersetzt echtes Wissen und alltagslogische Plausibilitätstests.

Das ist hochproblematisch: Ohne gemeinsame Faktenbasis lassen sich real existierende Probleme kaum noch von eingebildeten unterscheiden. In tief gespaltenen Öffentlichkeiten geht das Gefühl der Zusammengehörigkeit verloren, was den demokratischen Grundkonsens bröckeln lässt. Aus politischen Kontrahenten werden Feinde; Nationen, die - wie die USA - einst von starken gemeinsamen Geschichten zusammengehalten wurden, zerfallen in verfeindete Stämme, jeder ausgestattet mit seiner eigenen Binnenideologie.

Der technologische Treiber dieser Entwicklung ist der Aufstieg der sozialen Medien. Aber als Erklärung für den Zerfall der Öffentlichkeit genügt das nicht. Letztlich geht es um Fragen der Identität. Und das heißt: um Erzählungen.

"Gemeinhörige Kollektive"

Menschen erleben sich selbst und die Welt durch Geschichten. Selbstwahrnehmung und Weltwahrnehmung sind durch Narrative geprägt. Wir sind Geschichtenerzähler und -hörer. Deshalb sind Narrative allgegenwärtig: Sie verdichten Realität, reduzieren Komplexität, definieren Ursache-Wirkungs-Beziehungen, beschreiben das Verhältnis von Akteuren zueinander - und unsere eigenen Beziehungen zu ihnen. Kurzum, Narrative bereinigen die Widersprüche der Welt und des Daseins und stiften Identität. Das macht sie attraktiv, manchmal auch gefährlich.

Medien spielen bei der Identitätsbildung eine zentrale Rolle. Sie produzieren und verbreiten jene Narrative, an denen sich die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft und ihrer Individuen ausrichtet. In seiner Schrift "Der starke Grund zusammen zu sein" sah der Philosoph Peter Sloterdijk die moderne Nation als "gemeinhöriges Kollektiv", zusammengehalten durch die Themensetzungen der Massenmedien, zumal des Fernsehens. Doch dieser Text stammt von 1998. Lange her.

Damals waren es überwiegend die Massenmedien, die der Massengesellschaft zurückspiegelten, wer sie ist. Heute schaffen soziale Medien neue, kleinteiligere Medienrealitäten, in denen sich Gruppen Gleichgesinnter treffen, um Geschichten zu teilen - und um sich gegenseitig in ihrem Glauben daran zu bestätigen. Doch was bleibt übrig, wenn die Öffentlichkeit so weit zerfällt, dass sie die Gesellschaft nicht mehr umspannt, sondern aufspaltet - in Stämme, Kleingruppen, in virtuelle Erregungsgemeinschaften, die sich nach außen radikalisieren, auch gegen gute Argumente?

Die Demokratie braucht die Bereitschaft zu Konsens und Kompromiss, um funktionieren zu können. In den neuen Medienwelten jedoch wird Trennendes herausgearbeitet. Unterschiede werden betont und Gräben verbreitert. Beispiele gibt es zuhauf und täglich frisch.

Einfallstor für Verschwörungsmystiker

Erzählungen sind ständig im Fluss. Und immer kommen neue hinzu. Menschen ringen darum, eine sich verändernde, verwirrend komplexe Welt zu deuten und sich selbst sinnstiftend in sie einzubetten. Phasen, in denen eine etablierte Geschichte ihre Deutungsmacht verliert, erleben wir als Krisen. Wenn dramatische Lebensereignisse - Arbeitslosigkeit, Verlust von Angehörigen, Krankheit - unsere bisherige Ich­-Geschichte infrage stellen, erschüttert uns das im Kern unserer individuellen Identität. Wenn historische Wendungen die nationale Wir-Geschichte stören, bedroht das die kollektive Identität.

An diesem Punkt scheinen heute viele Gesellschaften zu sein. Die großen Ideologien und Religionen haben ihre Bindekräfte verloren. Was die jeweilige Nation ausmacht, ist nicht mehr so einfach zu benennen. Für jeden Einzelnen bedeutet das: Es wird schwieriger, die individuelle Geschichte in einen gesellschaftlichen Zusammenhang einzubetten. Doch wenn die Wir-Geschichten mehrdeutiger werden, verschwimmen auch die Ich-­Geschichten. Umso größer wird das Bedürfnis, die sich auftuenden Leerstellen zu füllen. Es geht um Selbstvergewisserung und um Beachtung durch andere.

Dies ist das Einfallstor für Verschwörungsmythen und Sektierertum aller Art: Sie schaffen Identitätsangebote, indem sie Gemeinschaften vorgeblich Wissender schaffen. Das Perfide: Je absurder und radikaler diese Erzählungen sind - und je abstoßender sie deshalb auf Außenstehende wirken -, desto größer ist ihr gemeinschaftsstiftendes Potenzial. Im Endeffekt triumphiert der Aluhut über die Vernunft.

Ein Rezept für Chaos

Trump macht sich diese Effekte zunutze. Ein Fundament von Überzeugungen ist bei ihm nicht zu erkennen. Aber er dämonisiert politische Gegner, schürt rassistische Ressentiments und sät Misstrauen gegen das System (dem er selbst vorsteht). Seit Monaten behauptet er etwa, es werde zu massenhaftem Wahlbetrug durch Briefwahl kommen. Da in Corona-Zeiten der Briefwahlanteil hoch sein wird - einige Staaten werden ausschließlich per Post abstimmen lassen -, legt er damit die Basis für das eingangs beschriebene Konfliktszenario.

Obwohl es keinerlei Belege für massenhaften Briefwahlbetrug gibt, sind inzwischen die Hälfte der registrierten US-Wähler von dessen Existenz überzeugt; unter den Republikanern sind es sogar 80 Prozent, so eine Umfrage . 74 Prozent der Befragten gaben an, sie befürchteten "organisierten Wahlbetrug durch politische Akteure, um die Wahlergebnisse zu beeinflussen". 

Oft genug wiederholt, werden auch nachweislich falsche Narrative zu Gewissheiten. Es ist der Sieg der gefühlten über die messbare Realität - und womöglich ein Rezept für Chaos.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

London - It’s about time – Beginn einer neuen Verhandlungsrunde über ein Anschlussabkommen zwischen der EU und Großbritannien, das nach der Brexit-Übergangsphase ab 2021 gelten soll.

Peking - Globalisierungsindikator I – Neue Zahlen zu Chinas Außenhandel im August.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.