Studienkredit-Blase Sanders' Billionen-Plan für Amerikas Schuldenstudenten

US-Studenten schulden dem Staat insgesamt 1,6 Billionen Dollar. Niemand glaubt, dass sie alle ihre Kredite zurückzahlen können. Bernie Sanders will dafür die Wall Street zur Kasse bitten.

Bernie Sanders
Charlie Neibergall/ AP

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Von , Washington


Für Bernie Sanders läuft es in jüngster Zeit nicht rund. In der ersten Präsidentschaftsdebatte der Demokraten stahlen ihm die anderen Kandidaten die Show. Seitdem ist der Senator in den Umfragen zwischenzeitlich auf Platz vier abgerutscht und lag hinter seiner innerparteilichen Gegnerin Elizabeth Warren, die wie er im linken Lager fischt.

Was also tun? Für einen bekennenden Sozialisten ist die Antwort klar: Geld in die Hand nehmen. Am besten das der anderen.

Vor den Stufen des Kapitols in Washington präsentierte Sanders vergangene Woche einen "revolutionären Gesetzesentwurf". Er sieht vor, mehr als 44 Millionen Amerikanern ihre Studienkredite zu erlassen, insgesamt 1,6 Billionen Dollar. Zudem soll jeder Schulabgänger künftig das Recht auf ein kostenloses vierjähriges Bachelor-Studium an einer öffentlichen Hochschule haben. Zusammen mit ein paar weiteren Posten addieren sich die Ausgaben dafür nach Sanders eigener Berechnung auf 2,2 Billionen Dollar über zehn Jahre.

Der Plan sei voll gegenfinanziert, beteuert der 77-jährige Politiker: "Das wird in vollem Umfang durch eine Steuer auf Wall-Street-Spekulationen bezahlt werden." Er begründet das so: "2008 hat das amerikanische Volk die Wall Street gerettet. Jetzt ist die Wall Street an der Reihe, sie muss der Mittelschicht und der Arbeiterklasse unseres Landes helfen."

Sanders Vorschlag ist nicht der erste, aber der radikalste Lösungsansatz für ein Problem, das die Demokraten als zentrales Wahlkampfthema identifiziert haben: Amerikas Studienkreditkrise. Bei jedem Barbecue-Gespräch klagen Eltern irgendwann unweigerlich darüber, wie sie die teure Ausbildung ihrer Sprösslinge schultern sollen. Jungakademiker fragen sich, ob sie trotz eines guten Jobs in ihrem Leben je schuldenfrei sein werden. Die Antwort lautet in vielen Fällen: nein.

Berühmt wurde das Extrembeispiel eines Zahnarztes in Utah, der zusammen mit dem Abschluss an der University of Southern California Schulden von einer Million Dollar angehäuft hat. Weil seine monatliche Abzahlungsrate von knapp 1600 Dollar nicht einmal die Zinsen deckt, wird er am Ende der 25-jährigen Laufzeit mit zwei Millionen Dollar verschuldet sein. Nach derzeitiger Rechtslage streicht der Staat erst dann seine Restschuld - stellt aber für den Erlass rund 700.000 Dollar Einkommensteuer in Rechnung.

43 Prozent aller ausstehenden Studienkredite sind "faul"

Ökonomische Fehlanreize, explodierende Studiengebühren, hohe Abbrecherquoten - viele Konservative und Linke stimmen darin überein, dass das College-System zum amerikanischen Albtraum geworden ist. "Wir haben eine Krise in der höheren Bildung", erklärte Ministerin Betsy DeVos. Nur jeder vierte Studienschuldner bedient mehr als die Zinsen. 20 Prozent sind mit ihren Zahlungen im Rückstand oder zahlungsunfähig. Insgesamt sind nach Angaben der Regierung 43 Prozent aller ausstehenden Kredite des staatlichen "Federal Student Aid"-Programms das, was man in der Bankenwelt "faul" nennt: Sie können nicht mehr zurückgezahlt werden.

Es sei für sie "einfacher gewesen, als jüngste Frau in der amerikanischen Geschichte in den Kongress gewählt zu werden, als meine Studienkredite abzuzahlen", sagt der Politstar der Linken, Alexandria Ocasio-Cortez. Ihre Kollegin Omar Ilhan, die mit Sanders das Gesetz vorlegte, steht ebenfalls beim Staat in der Kreide - so wie unzählige ihrer Wähler.

Für viele junge Amerikaner ist die Situation ausweglos, für die Volkswirtschaft ist sie eine wachsende Hypothek. Amerika gibt der OECD zufolge für die Hochschulbildung mit 30.000 Dollar pro Student mehr aus als jedes andere Industrieland außer Luxemburg. In den vergangenen 25 Jahren sind die College-Gebühren inflationsbereinigt um durchschnittlich 85 Prozent gestiegen.

Elizabeth Warren, derzeit wohl Sanders' größte Konkurrentin
Ethan Miller/ Getty Images/ AFP

Elizabeth Warren, derzeit wohl Sanders' größte Konkurrentin

Und die Investition zahlt sich längst nicht mehr für jeden Bachelor oder Master im Laufe der Karriere durch ein höheres Gehalt aus. Verschiedene Studien haben alle möglichen negativen Folgen der Überschuldung identifiziert: junge Leute verschieben den Hauskauf oder gar die Gründung einer Familie. Oder ihnen fehlt das Startkapital für eine zukunftsweisende Firmengründung - und der US-Wirtschaft damit die Unternehmer.

Wie einst bei der Subprime-Häuserkrise addieren sich die Zahlungsschwierigkeiten der Vielen zum Risikoszenario für den Staat. Die Dynamik ist schwindelerregend. Nach dem Start des Programms in den Sechzigerjahren dauerte es vier Jahrzehnte, bis das Gesamtvolumen aller Studentenkredite 500 Milliarden Dollar erreichte. Seit 2017 hat sich die Summe mehr als verdreifacht und entspricht nun knapp acht Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts oder zehn Prozent der Gesamtverschuldung des Bundes. Das sei ein "Portfolio an Verbraucherkrediten, größer als das jeder Privatbank", so Bildungsministerin DeVos.

Sanders Befreiungsschlag ist auf viel Skepsis gestoßen

Anders als die Privatbanken verbucht die Regierung die Kredite allerdings zum Nominalwert, ohne Abschreibungen vorzunehmen. Dabei dürfte das Studienkreditprogramm nach Schätzungen im kommenden Jahrzehnt mehr als 30 Milliarden Dollar Verlust einfahren.

Doch so einig sich die Experten darin sind, dass die Zustände unhaltbar sind, so uneinig sind sie sich, was die Lösung sein könnte. Die Trump-Regierung hat nun erst einmal die Wirtschaftsprüfer von McKinsey ins Haus geholt und prüft den Verkauf zumindest eines Teils der ausstehenden Kredite an Privatinvestoren. Andere befürworten Reformen innerhalb des Systems. Vielerorts springen Philanthropen ein. In der 77.000-Einwohner-Stadt Kalamazoo im Bundesstaat Michigan haben reiche Gönner die Finanzierung der Colleges komplett übernommen.

Sanders Befreiungsschlag jedenfalls ist auf viel Skepsis gestoßen. Die einen bemängeln die Kosten, die anderen, dass er nur das Grundstudium abdeckt, oder dass durch die Steuerfinanzierung am Ende die Ärmeren für das Studium der Reichen aufkommen würden. Eines aber hat der Senator aus Vermont erreicht: Der Plan seiner Konkurrentin Warren, die den Erlass der Studienschulden an Verdienstgrenzen knüpfen will, nimmt sich neben seinem plötzlich ziemlich bescheiden aus. Warrens Vorschlag soll nur eine Billion Dollar kosten.



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Allgemeinbetrachter 04.07.2019
1. da sieht man wieder...
wie beknackt das System in Nord Amerika ist. 1mio Schulden als 25jähriger ohne Aussicht auf Abzahlung. Wer will den da überhaupt noch studieren. Antwort: Am besten nicht mehr studieren. Dann müssen die Unis dort schließen. Dann können sie umdenken und endlich von uns deutschen lernen.
olivervöl 04.07.2019
2. Die einzige Hoffnung
Seit Jahrzehnten fallen die einst führenden USA wirtschaftlich insbesondere gegenüber den asiatischen Ländern zurück. Zu hohe Kosten fürs Militär, zu wenig Investitionen in die Infrastruktur. Ein radikaler Kurswechsel ist nötig, wie ihn Bernie Sanders vertritt.
Mertrager 04.07.2019
3. Bei allem Respekt
Ich weiß nicht, ob man mit über 77 Jahren, diesen Job noch anstreben sollte. Vielleicht sind solche Gedanken auch die Ursache für solche Ideen bei ihm: Mach Dich noch mal laut, denn wichtig wirst du nicht mehr.
DrWaumiau 04.07.2019
4. Was soll...
...diese Polemik am Anfang des Artikels? Sanders' Vorschlag ist ein sehr vernünftiger - jedenfalls um Längen vernünftiger als der von Trump. Verkauf an Privatinvestoren - erstens kauft die Kredite doch eh keiner, und falls doch löst das für die Studenten das Problem in keinster Weise, sondern wird es vermutlich verschärfen. Die Wall Street andererseits - da wird es mehr als Zeit, diese Herrschaften zur Kasse zu bitten.
Haarfoen 04.07.2019
5. Richtig so - FEEL THE BERN!
Der Vorschlag steht schon seit längerem im Raum und ist nicht neu. Bernie Sanders trifft genau den Punkt und macht die USA wider wettbewerbsfähig: Bildung ist die Grundvoraussetzung für gesellschaftlichen Wohlstand. Bildung muss ein frei zugängliches Gut sein, für JEDEN! Eine Gesellschaft, die ihre Jugend verwahrlosen lässt und in die Schuldenfalle treibt, zahlt zum Schluss den doppelten Preis für jegliche Misere. Wen schert es, wenn die Milliardäre die Billion zahlen und zur Kasse gebeten werden (außer die Milliardäre)? Bernie Sanders will auch die Militärausgaben in der Höhe von 650 Milliarden US- Dollar / pro Jahr kräftig eingrenzen - ein richtiger Schritt in die richtige Richtung. Es braucht Schulen und keine Drohnen. In keinem europäischen Land haben Kinder aus armen Familien so wenig Zugriff auf Bildung, wie in Deutschland. Ich kann nur hoffen, dass das Beispiel von Bernie Sanders auch hier Schule machen wird.
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