Verschuldung durch Autokredite Amerikas nächste Blase

Immer mehr Amerikaner finanzieren den Autokauf mit extrem lang laufenden Krediten. Oft sind die Schulden am Ende höher als der Wert des Fahrzeugs. Die Parallelen zur Finanzkrise 2007 sind erschreckend.

Autohändler im US-Bundesstaat Illinois: "Das ist Amerika"
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Autohändler im US-Bundesstaat Illinois: "Das ist Amerika"

Von , Washington


Wenn der Traum zum Albtraum geworden ist, dann ist Jonathan Goldsmith Cohen am Zug. Der Konkursanwalt in New Jersey berät Amerikaner, denen die Schulden über den Kopf gewachsen sind. Und das sind viele.

In letzter Zeit schlägt sich Goldsmith Cohen mit einem Phänomen herum, das es früher nicht gab: Viele Leute finanzieren den neuen Flitzer oder Pick-up, den sie sich eigentlich nicht leisten können - mit Krediten, die bis zu sieben Jahre laufen. Die monatlichen Raten scheinen erschwinglich. Doch wenn sie dann ein paar Jahre später das Nachfolgemodell bestellen, ist noch nicht einmal der alte Kredit abbezahlt.

Es ist eine Art Schneeballsystem, das irgendwann unweigerlich kollabiert. Dann sitzen die überschuldeten Käufer verzweifelt im Büro von Goldsmith Cohen im Städtchen Tinton Falls.

So wie der FedEx-Paketfahrer, der im Monat knapp 4000 Dollar verdiente, und von einem schnittigen Audi A7 träumte. Vergangenes Jahr fand er beim Händler vor Ort das Objekt seiner Begierde: Baujahr 2012, Preis 34.000 Dollar, voll finanziert über die Kreditgenossenschaft. Die Belastung lag bei 488 Dollar über 84 Monate. Wenn der FedEx-Angestellte den Kredit abbezahlt hätte, wäre sein Audi 13 Jahre alt gewesen. Aber dazu kam es nicht.

100.000 Dollar Schulden

Im Frühjahr dieses Jahres offerierte das Kreditinstitut seinem Kunden weitere 42.000 Dollar Cash, damit er die auf diversen Kreditkarten angehäuften Außenstände abzahlen konnte. Das Auto diente als Sicherheit. Die monatliche Belastung des stolzen A7-Besitzers stieg damit auf 1209 Dollar. Er hat nun Schulden in Höhe von 100.000 Dollar.

Selbst schuld, kann man argumentieren, oder wie Goldsmith Cohen sagt: "Meine Kunden treffen keine rationalen Entscheidungen." Sie könnten einen gebrauchten Mittelklassewagen für ein paar Tausend Dollar bekommen, aber sie wollen einen SUV. "Das ist Amerika."

Alle Beteiligten haben ein Interesse daran, dass die Spirale nicht aufhört, sich zu drehen. Der Mittelschichtamerikaner will alle paar Jahre ein neues Gefährt, die Hersteller wollen Umsatz machen. Also drücken sie ein Auge zu, was die Kreditwürdigkeit angeht.

Ausgaben viel stärker gestiegen als die Löhne

Im vergangenen Jahrzehnt sind die Ausgaben für ein neues Fahrzeug inflationsbereinigt um durchschnittlich 5299 Dollar gestiegen, während die Löhne nur um 3646 Dollar zulegten. Das hat der Ökonom Donald Grimes von der University of Michigan errechnet. Weil das viele nicht bar bezahlen können oder wollen, strecken die Händler die Finanzierung auf Zeiträume von fünf bis zu acht Jahren - und quatschen den Kunden angesichts der vermeintlich überschaubaren Monatsraten gleich noch ein paar teure Extras und überflüssige Versicherungen auf.

Der historisch lange Konjunkturaufschwung fördert die Bereitschaft, sich etwas zu gönnen. Die einen finanzierten, weil sie nicht anders könnten, sagt Bruce McClary von der gemeinnützigen Finanzberatung National Foundation for Credit Counseling (NFCC). Die anderen, weil sie darauf vertrauten, dass die guten Zeiten nicht enden werden. "Wir sind von Optimismus zu übergroßem Optimismus übergegangen."

Nicht nur McClary erinnert das Phänomen auf unheilvolle Weise an ein Märchen der Vergangenheit, das mit bösem Erwachen endete: die Subprime-Häuserkrise.

Damals drängten die Banken Millionen Amerikanern Hypothekenkredite geradezu auf, selbst wenn die Käufer kein Eigenkapital und ein viel zu niedriges Einkommen mitbrachten. Diese schlechten Kredite wurden dann gebündelt und als Wertpapiere an Investoren weitergereicht. Den Inhalt der festverschnürten Pakete schaute sich keiner genauer an. Als dann immer mehr überforderte Eigenheimbesitzer mit den Raten in den Rückstand gerieten, platzte die Blase. Die Folge war die globale Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007.

Erschreckende Parallelen

Damals wurde der Begriff "negative equity" berühmt-berüchtigt: negatives Eigenkapital, das entsteht, wenn die Hypothek auf das Haus dessen Marktwert übersteigt. In ähnlicher Weise sind nun viele Autokäufer unter Wasser geraten. Jeder dritte Amerikaner, der sein Auto für ein neues in Zahlung gibt, hat die alte Möhre noch nicht abbezahlt. Der Händler rollt in diesem Fall den alten Kredit - im Schnitt 5000 Dollar - auf den neuen über. Die Zinssätze klettern bei diesem Manöver, je nach Laufzeit und Kreditwürdigkeit, in astronomische Höhen von bis zu 15 Prozent. Experten zufolge verdienen die Händler an der Finanzierung inzwischen mehr als am eigentlichen Autoverkauf.

Und wie in der Subprime-Häuserkrise wollen an dem Geschäft viele mitverdienen. Der Markt für verbriefte hochriskante Autokredite boomt. Der Handel "läuft wie hulle", sagte Jennifer Thomas von der Vermögensverwaltung Loomis Sayles der "Financial Times". Mit einem Emissionsvolumen von 29 Milliarden Dollar in diesem Jahr ist das Segment, das noch vor zehn Jahren kaum existierte, auf Rekordkurs. Oft seien die Papiere bei der Ausgabe vielfach überzeichnet, berichtet die Analystin Thomas.

"Der Tag der Abrechnung" naht, warnt ein Finanzberater

Vom beträchtlichen Risiko dieser "ABS" lassen sich die Anhänger nicht schrecken. Dabei zeigen Daten der Federal Reserve Bank von New York, dass die Zahl der Autokäufer, die mit ihren Zahlungen mehr als 90 Tage im Rückstand sind, steigt. Insgesamt belaufen sich die Autokredite inzwischen auf die Rekordsumme von 1,3 Billionen Dollar (Anm. d. Red.: trillion im Englischen) - 5,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wenn die Konjunktur ins Rutschen gerät, dürfte das viele der Kreditgeber in die Bredouille bringen. Es komme "der Tag der Abrechnung", fürchtet McClary.

Insolvenzanwalt Goldsmith Cohen rät seinen überschuldeten Klienten derweil, Insolvenz nach Chapter 13 anzumelden. Sie können dann das Auto behalten und handeln mit den Gläubigern viel niedrigere Zinsen aus.

Für seinen FedEx-Fahrer allerdings scheidet diese Option aus - er hat seinen A7 nicht die erforderlichen 910 Tage besessen. Der Mann, sagt Goldsmith Cohen, werde sein Traumauto deshalb nun der Bank überlassen. Reichlich Schulden hat er trotzdem.

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insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 30.11.2019
1.
Konsum auf Pump geht auf Dauer selten gut. Ich bin in meinem Leben bisher sehr gut damit gefahren, nie mehr Geld auszugeben, als ich habe. Ich habe mich in meinem Leben ein einziges Mal verschuldet, nämlich für den Kauf einer Immobilie. Allerdings habe ich auch nie dieses "ich muss das unbedingt haben"-Konsumspiel mitgemacht. Dinge wie ein Auto und andere vermeintliche Statussymbole waren mir nie wichtig.
bernhard.geisser 30.11.2019
2.
Da wäre es gut einen Gesetzgeber zu haben, der da einen Riegel schiebt. Allerdings, in der Demokratie bringt das Volk diejenigen Politiker an die Macht, welche das Volk mit bequemen Lösungen versorgen.
olmen 30.11.2019
3. Finanz-Grundsätze
lassen sich eben nicht außer Kraft setzen. Das gilt in den USA, aber auch überall. Und: Schulden müssen eben zurückgezahlt werden. Es ist eben unredlich, sie den nächsten Generationen "zu vermachen". Insofern ist auch die Diskussion um die "schwarze Null" verwunderlich - gerade in (noch) Zeiten guter und steigender Steuereinnahmen.
wilder.polterer 30.11.2019
4. Ratingagenturen
Schade dass diese Im Artikel mit keinem Wort erwähnt werden, tragen sie doch maßgeblich dazu bei, dass etwas mit eigentlich sehr hohem Ausfallrisiko so hoch bewertet wird, sonst würden da nicht so viele Leute rein investieren. Schon mal danke im Voraus dass aus reiner Gier weniger wieder tausende leiden müssen. Wer de Thematik nochmal aufrollen will, ich empfehle den Film the big short.
kenterziege 30.11.2019
5. Das ist doch bei uns nicht so viel anders....
Im Gegensatz zum Hausbau ist die Finanzierung eines Autos, vorzugsweise über die Herstellerbank, relativ einfach und preiswert. Die Zinsen sind gering. Die Hersteller müssten für ihr Geld noch negative Zinsen zahlen, wenn sie es bei der Bank parken. Dann finanzieren sie zu recht lieber den Absatz und die Fließbänder laufen weiter. Wäre die Finanzierung nicht so günstig, hätten wir schon Kurzarbeit und Störungen im System. Ich habe mein Leben lang die Autos gekauft und beim Händler in Zahlung gegeben. Die meisten davon waren ohnehin Dienstwagen. Den letzen habe ich als Pensionär nun geleast. 0,9% effektiver Zins und die Sicherheit bei einer vereinbarten km-Leistung das Auto zurückgeben zu können. Das hat sich beim Dieselskandal als sehr richtig erwiesen. Ich werde das künftig immer so tun. Häuser bezahlt, Vermögen sicher angelegt und flüchtige Güter, wie das Auto, geleast.
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