Fanatische Stammwählerschaft Trumps unbeirrbare 40 Prozent

In Umfragen liegt Donald Trump hinten, doch seine Anhänger halten fest zu ihm - allen Skandalen zum Trotz. US-Experte Bastian Hermisson erklärt, was das für die Wahl und die Zukunft der amerikanischen Demokratie bedeutet.
Ein Interview von Benjamin Bidder
US-Präsident Donald Trump, Unterstützer beim Nominierungsparteitag der Republikaner im August 2020

US-Präsident Donald Trump, Unterstützer beim Nominierungsparteitag der Republikaner im August 2020

Foto: Carlos Barria / REUTERS

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Im November 2016 - Donald Trump war gerade vier Tage vorher überraschend zum Präsidenten gewählt worden - betrat ein Mann in Münster die Bühne beim Bundesparteitag der Grünen, weil er aufrütteln wollte, den Saal, die Partei und ein bisschen auch das ganze Land. Er war direkt aus Washington gekommen, aus einer US-Hauptstadt im Schockzustand, drei Nächte hatte er kaum geschlafen.

Sein Name: Bastian Hermisson, Leiter des Washingtoner Büros der Heinrich-Böll-Stiftung. Er beschrieb den Delegierten das neue, verstörende Amerika und warum die Wahl Trumps kein Zufall war. Seine Botschaft: Die liberalen Eliten haben "das Verständnis vom eigenen Land, von großen Teilen der eigenen Gesellschaft verloren". Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland drohe Gefahr. Eine elitäre Überheblichkeit verstelle vielen den Blick – und bringe die Bürger gegen das Establishment auf. "Viele von uns gehören zu genau diesen Eliten", rief Hermisson in den Saal (hier geht es zum Video des Auftritts ). "Grenzen überwinden wir gerne, um uns in anderen Ländern mit Gleichgesinnten auszutauschen. Was moralisch richtig ist, wissen wir sowieso und schauen mitleidig auf die Teile der Gesellschaft, die noch nicht so weit sind." Es sei an der Zeit, die eigene Bequemlichkeit zu verlassen, die eigenen Echokammern. "Wir müssen erklären, zuhören und mit Andersgesinnten Kontakt suchen. Sonst sind wir selbst Teil des Problems und nicht der Lösung", rief Hermisson.

Foto: Hartmut Müller-Stauffenberg / imago images

Bastian Hermisson

Hermisson, 44, lebt seit 2015 mit seiner deutsch-amerikanischen Familie in Washington, DC. Er ist Kulturwissenschaftler, leitet das Washingtoner Büro der Heinrich-Böll-Stiftung und kommentiert regelmäßig die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA. Seit einem Highschool-Jahr in Kent City, Michigan 1992 hat er mit Unterbrechungen mehr als zehn Jahre in den USA verbracht.  

Knapp vier Jahre später steuern die USA wieder auf eine Schicksalswahl zu – und Bastian Hermisson zieht eine ernüchternde Bilanz: Die Demokraten sind erschöpft vom Kampf mit Trump und kaum noch fähig zu Visionen, die Republikanische Partei ist ausgehöhlt und Trump völlig ergeben. Fox News und rechte Webportale stacheln Trumps Wähler derweil immer weiter auf mit "weitgehend von der Wirklichkeit entkoppelten Wahnwelten", warnt Hermisson im Gespräch mit dem SPIEGEL. Rund 40 Prozent der Wähler halten Trump fanatisch durch alle Skandale die Treue.

SPIEGEL: Das Präsidentschaftsrennen in den USA könnte knapp werden. Joe Biden liegt in Front  - aber Trumps Zustimmungswerte liegen seit Jahren ziemlich stabil bei etwa 40 Prozent  - trotz Corona, trotz aller Skandale. Warum halten so viele Leute an ihm fest?

Hermisson: Das hängt mit der Entwicklung der Republikanischen Partei zusammen: 2016 hat Trump ja noch Wahlkampf gegen die eigene Partei und deren Eliten geführt. Seitdem hat er die Partei völlig auf sich eingeschworen und einen regelrechten Personenkult etabliert. Es gibt keine nennenswerten kritischen Stimmen mehr, die ihm intern schaden könnten. Alle konservativen Meinungsführer singen tagein, tagaus nur Lobeshymnen auf ihren Präsidenten. Deshalb stehen gut 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler Trump stabil zur Seite, in allen Krisen, Skandalen und sogar während des Impeachment-Verfahrens.

SPIEGEL: Es gibt doch das Lincoln-Project und Republikaner, die zur Wahl des Demokraten Joe Biden aufrufen.

Hermisson: Das sind weitgehend Figuren aus der Vergangenheit, die kaum mehr Einfluss in der Partei haben und diese 40 Prozent der Gesellschaft auch nicht erreichen. Wir haben 2016 ja viel über Filterblasen gesprochen, auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Aber aufseiten der Republikaner hat sich daraus ein netz- und Fox-News-basiertes Paralleluniversum entwickelt. Das ist mittlerweile eine von der Wirklichkeit weitgehend entkoppelte Wahnwelt.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Hermisson: Nehmen Sie die Einschätzung der wirtschaftlichen Lage, die vollständig überlagert wird von der politischen Lagerzugehörigkeit: Die "New York Times" hat das gerade in einer Umfrage  sehr plastisch gezeigt: Drei von zehn Republikanern, die ihren Job in der Pandemie verloren haben, meinen heute, sie stünden jetzt besser da als noch vor einem Jahr. Mit anderen Worten: Selbst die Wahrnehmung des eigenen Lebens, der persönlichen Probleme wird also bei vielen dominiert von den Botschaften des eigenen politischen Lagers. Identität schlägt Realität. Das ist Tribalismus, also eine Art Stammesdenken. Das hat einen Grad erreicht, der mir große Sorgen über die Zukunft der Demokratie in den USA bereitet.

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