Anne Seith

Neuerungen bei der Pflegeversicherung Väter mit zwei Mädchen? Zur Kasse!

Anne Seith
Ein Kommentar von Anne Seith
Ein Kommentar von Anne Seith
Kinderlose sollen die gerade beschlossene Pflegereform bezahlen, zumindest teilweise. Wenn man diese Vorstellung von Gerechtigkeit weiterdenkt, muss man von vielen Eltern auch eine CO₂-Abgabe verlangen.
Familie auf Wanderung

Familie auf Wanderung

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Ute Grabowsky / Photothek / Getty Images

Als ich mich heute fragte, wer jetzt echt mal zur Kasse gebeten werden sollte, kam ich wie so oft auf Familienväter um die 40 in Führungspositionen. Verheiratet, 2 Kinder, die Ehefrau kümmert sich komplett um Haushalt und Familie und geht keiner bezahlten Arbeit nach. Und natürlich die wenigen Mütter, bei denen es umgekehrt ist.

Diese Herren (und wenigen Damen) haben es, wie ich finde, in diesem Land am besten. Sie sind im besten Alter, können problemlos Karriere machen, sie haben trotzdem Kinder (was ich persönlich sehr schön finde) und können via Ehegattensplitting je nach Gehalt mehrere Tausend Euro im Jahr an Steuern sparen.

Warum bezahlen die denn eigentlich nicht die gerade beschlossene Pflegereform?

Also zumindest, wenn die Ehe glücklich ist, und die Kinder Mädchen sind – sonst gibts natürlich Rabatt. (Jungs sind ja oft mehr Arbeit als Mädchen, gerade für Papa, wenn der dann viel Fußball spielen muss oder so.)

Stattdessen sollen Kinderlose ran. Ihr Beitrag zur Pflegeversicherung soll von 3,3 auf 3,4 Prozent steigen – und obwohl es für jeden Einzelnen nur um wenige Euro pro Monat geht, ist der Aufschrei enorm. Kein Wunder. Solche Schlagzeilen vermitteln jedem Kinderlosen einfach zwangsläufig das Gefühl, dass er oder sie sich per definitionem durchs Leben schmarotzt. Als ob es sich Menschen ohne Kinder grundsätzlich lieber gut gehen lassen, anstatt im Schweiße ihres Angesichts ihre Bürgerpflicht zu erfüllen und die nächste Generation an Steuer- und Beitragszahlern heranzupäppeln.

Nun ist die Neuregelung nicht so komplett an den Haaren herbeigezogen, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Kinderlose nämlich zahlen schon jetzt einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung: als Folge eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts von 2001. Darin verlangten die Karlsruher Richter, dass der »generative Beitrag« von Eltern bei der Beitragsbemessung berücksichtigt werden müsse. Also die Tatsache, dass Mütter und Väter neue Beitragszahler produzieren und dafür einiges aufwenden, finanziell wie emotional.

Es ist kaum möglich, Bürger finanziell gerecht zu bestrafen

Dieses Prinzip jetzt aber weiter auszureizen ist trotzdem grundfalsch. Denn wenn man diese vermeintliche Gerechtigkeit durchziehen wollte, müssten Eltern von einem Kind auch mehr Beiträge bezahlen als Eltern zweier Kinder. Und wenn wir das alles mal weiterspinnen für andere Lebensbereiche: Wie wäre dann zum Beispiel ein CO2-Soli für Familien mit drei Kindern oder mehr? Schließlich bedeutet jeder neue Erdenbürger ja eine weitere Belastung fürs Klima. Denn wenn es auch wünschenswert sein mag, dass zwei Erwachsene zusammen auch zwei neue Beitragszahler in die Welt setzen – und nicht nur einen – dann kann man doch darüber streiten, ob es richtig ist, mit drei oder vier Kindern zum weltweiten Bevölkerungswachstum beizutragen. Mit Blick auf das Klima jetzt.

Es ist eben kaum möglich, Bürger finanziell gerecht zu bestrafen, weil sie vermeintlich zu wenig fürs Gemeinwesen leisten. Anhand ihrer Lebensmodelle lässt sich das jedenfalls nicht feststellen. Es gibt sicher Menschen ohne Kinder, die sich in ihrem Job rücksichtslos auf Kosten alleinerziehender Kollegen nach oben mobben und jeden Urlaub in der Südsee verbringen. Weil sie schlicht nicht wissen, wohin mit ihrem Geld. Aber es gibt auch Familienväter (und Mütter), die Frau/Mann und Kinder sitzen lassen, um in der Südsee Cocktails zu schlürfen. Wahrscheinlich hocken sie mit den vorher beschriebenen Idioten ohne Kinder an der Bar.

Und umgekehrt gibt es natürlich Menschen ohne Kinder, die jahrelang die eigenen Eltern pflegen oder sich um andere Verwandte kümmern. Die Ehrenämter bekleiden. Oder die einem schlecht bezahlten Herzensjob in einer Kita, einem Krankenhaus oder sonstwo nachgehen. Die sich bewusst gegen Kinder entschieden haben, beispielsweise weil sie alle Kraft und Liebe in ebendiesen Job stecken wollen. Oder die gern Kinder hätten, aber aus irgendeinem Grund keine haben können. Für sie alle fühlt sich diese Reform doch an wie ein Schlag ins Gesicht.

Wenn man übrigens danach geht, wer welches finanzielle Risiko für das Gemeinwesen darstellt, müsste man auch die oben beschriebenen 40-jährigen Familienväter und ihre Ehefrauen extra hoch besteuern. Und natürlich auch alle Konstellationen, in denen die Rollenverteilung umgekehrt ist. Denn bei diesem Lebensmodell ist ein Ehepartner irgendwann finanziell komplett abhängig vom anderen. Und beim Scheitern der Ehe droht je nach Konstellation womöglich die Altersarmut, und der Staat muss helfen.

Gehören auch Sie zu den Menschen, die sich für eine solche eher klassische Ehe entschieden haben? Und regen Sie sich jetzt gerade so richtig über mich auf? Verstehe ich auch. Niemand mag es, für sein Lebensmodell pauschal verurteilt zu werden.

Deshalb ärgern sich Menschen ohne Kinder gerade zu Recht. Wenn der Staat Kosten fair verteilen und Familien unterstützen will, dann sollte er einzelne Posten nicht auf einzelne Bevölkerungsgruppen abwälzen und sie damit indirekt an den Pranger stellen. Sondern stattdessen ein gerechtes Steuersystem schaffen, mit Erleichterungen und Anreizen da, wo es richtig erscheint. Und da ist sehr viel Luft nach oben.

Womit wir wieder beim Alleinverdienerehepaar wären. Denn das Ehegattensplitting zeigt: Der Staat behandelt Familien finanziell gar nicht grundsätzlich besser als Kinderlose – sondern nur eine spezielle Form der Familie. Unverheiratete Eltern, getrennt erziehende Eltern und Alleinerziehende können mit Verweis auf ihre Kinder nicht ansatzweise so viele Steuern sparen wie Verheiratete wegen ihrer Ehe. Das gilt auch, wenn aus dieser Ehe keine Kinder hervorgehen.

Das wäre doch eine Stelle, an der man mal ansetzen könnte.

Und die Pflegereform bezahlen wir dann alle zusammen.