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TV-INDUSTRIE Vage Antworten

In den deutschen Tochterfirmen des französischen Staatskonzerns Thomson-Brandt fürchten die Arbeitnehmer ständig um ihre Jobs. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Als sich die Telefunken-Mitarbeiter am vergangenen Montag zusammenfanden, gab es eigentlich Grund zur Freude: Erstmals nach vielen Jahren mit horrenden Verlusten konnte die traditionsreiche Fernsehfabrik für 1983 wieder einen kleinen Gewinn ausweisen.

Dennoch wollte keine Stimmung aufkommen, denn durch den niedersächsischen Betrieb schwirrte wieder einmal ein Gerücht: Der französische Staatskonzern Thomson-Brandt, der seit fast einem Jahr in Hannover das Sagen hat, wolle - erzählte einer dem anderen - die Telefunken-Fabrik dichtmachen.

Da sich die Franzosen nur zu einem lauen Dementi - »augenblicklich« seien die Gerüchte »ohne Grundlage« - aufgerafft hatten, bedrängten die Telefunken-Werker ihren Chef Josef Stoffels ständig mit derselben Frage: Wie sicher sind die 3000 Arbeitsplätze?

Stoffels weiß es auch nicht genau. Wenige Tage vor der Versammlung war er mit einem Firmenjet nach Paris geflogen. Nach der Rückkehr war er nicht viel schlauer als zuvor: Zwar nähmen die Telefunken-Werke »innerhalb der Thomson-Gruppe eine besondere Stellung ein«; eine »Bestandszusage« könne das aber natürlich nicht bedeuten. »Der Erfolg«, macht Stoffels den Leuten Mut, »ist unsere beste Garantie.«

Die vagen Antworten der Franzosen auf die Befürchtungen der Telefunken-Beschäftigten machen deutlich, wie schwer sich der Staatskonzern mit seinen deutschen Tochterfirmen tut.

Neben Telefunken gehören die TV-Firmen Nordmende und Saba sowie das Hi-Fi-Unternehmen Dual zu dem französischen Konzern. Ein klares Konzept, wie Thomson-Brandt die deutschen Firmen (die Zahl der Mitarbeiter hält der Konzern geheim) in seine Gruppe integrieren will, ist nicht zu sehen. Statt dessen hängt den Franzosen weiter ihr Ruf als Jobkiller an, den sie sich anläßlich der überstürzten Schließung des Ulmer Bildröhrenwerks Videocolor bei den deutschen Gewerkschaften eingefangen haben.

Seither mißtrauen Arbeitnehmer und ihre Vertreter jenen Pariser Planspielen, die in ständig wechselnden Variationen dieselbe Botschaft transportieren: Thomson denkt über eine »ausgewogene Produktionsverteilung zwischen den deutschen und französischen Fertigungsstätten« nach. Die Deutschen fürchten, daß unter dem Begriff »ausgewogen« der Abbau hiesiger Jobs zu verstehen ist - vor allem, wenn Thomson nicht bald mehr Erfolg hat.

Der aber ist derzeit nicht in Sicht. Die verworrene Geschäftspolitik im Bereich der Konsumelektronik brachte der Pariser Firma 1983 einen deutlichen Verlust ein.

Als Thomson 1979 zunächst bei der angeschlagenen Bremer Firma Nordmende das Sagen bekam und ein Jahr später die sanierungsreife Villinger Firma Saba aufkaufte, fiel den neuen Besitzern lediglich zunächst die herkömmliche Heilmethode ein: Sie ließen den Personalbestand drastisch schrumpfen. Gleichzeitig teilten sie Produktion und Vertrieb in getrennte Gesellschaften auf, um ein »Maximum betrieblicher Effizienz« zu erreichen. Statt aber die Fernsehgeräte-Produktion

an einem Standort zu konzentrieren, entschloß sich Thomson-Brandt zu einer Zweiteilung: Im ehemaligen Saba-Werk in Villingen werden die Chassis mit allen elektronischen Bauteilen montiert. Die Fernseh-Innereien werden dann per Lastwagen ins 700 Kilometer entfernte Bremen gefahren und dort in die TV-Gehäuse eingebaut. Als Nordmende- oder Saba-Fernseher laufen sie dann von den Bändern.

Als die Franzosen im April letzten Jahres von der AEG auch noch deren Tochter Telefunken übernahmen, kamen drei weitere Fabriken hinzu: In Hannover und Braunschweig werden elektronische Bauteile und TV-Gehäuse produziert, in Celle die Telefunken-Fernseher montiert.

Damit verteilt sich die Thomson-Produktion in Deutschland auf fünf Standorte - eine betriebswirtschaftlich verquere Lösung. Dunkel ahnen die Thomson-Mitarbeiter, daß die versprengte Produktion nicht von Dauer sein kann. Die Frage ist nur: Wo wird die Fertigung konzentriert?

Mit Mißbehagen sehen deutsche Thomson-Beschäftigte, daß ihre französische Mutter gerade ein TV-Werk im westfranzösischen Angers ausbaut - und das, obwohl die deutschen Werke mit einer Kapazität von 1,5 Millionen Geräten pro Jahr längst nicht ausgelastet sind.

Ähnlich ungereimt wie bei der Herstellung gehen die Franzosen beim Verkauf ihrer deutschen Fernseher vor. Statt das Marken-Image der aufgekauften Firmen zu nutzen, übertrugen sie rigoros ihre französische Strategie auf den deutschen Markt.

In Frankreich, wo Thomson über gut 30 Prozent Marktanteil verfügt, ist der Konzern mit vier eigenen Marken vertreten, deren Produkte untereinander austauschbar sind. Ähnliches, so die Überlegung der Franzosen, müßte auch in Deutschland möglich sein.

Dabei übersahen sie, daß ihre Neuerwerbungen bei den Kunden ein ganz unterschiedliches Ansehen hatten und verschiedene Käufer damit bedient werden: Während Nordmende nach Ansicht der Kunden flotte, technisch fortschrittliche Produkte anbot, hatte Saba den Ruf, biedere, aber solide Schwarzwälder Wertarbeit zu bieten.

Die verkaufsfördernden Unterschiede wurden durch den Einheits-Fernseher eingeebnet. Vom nächsten Jahr an soll auch Telefunken in dieses Schema gepreßt werden. Dann soll ein für alle Thomson-Fernseher identisches Chassis gebaut werden. Der Grund: Die großen Serien verringern die Stück-Kosten.

Dabei bleibt die Individualität der Marken, an der viele Käufer hängen, auf der Strecke. Telefunken-Chef Stoffels, der sich als erfahrener Vertriebsmann bisher am stärksten der französischen Gleichschaltung widersetzte, kämpft denn auch vehement darum, ein eigenes Chassis behalten zu dürfen.

Nur zu gern verweist Stoffels dabei auf die Ingolstädter Autofirma Audi. Die Tochterfirma des VW-Konzerns habe schließlich auch erst Erfolg, seit sie eine selbständige Modellpolitik betreiben könne. »Auch wir«, so Stoffels, »wollen ein gewisses Eigenleben führen.«

Doch dafür stehen die Chancen bei Telefunken schlecht. Denn der Fernseh-Pionier (ehemaliger Werbeslogan: »Erfahren im Erfinden"), der über alle wichtigen Patente für das Farbfernsehsystem PAL verfügt, hat keine eigene Entwicklungsabteilung mehr. Die TV-Forschung haben die Franzosen in Villingen und Angers konzentriert. Aus diesen Labors aber ist seit langem keine durchschlagende Neuheit gekommen.

Im Ergebnis waren alle Bemühungen der Franzosen um ihre deutschen Töchter bislang wenig erfolgreich. Heute haben alle drei TV-Marken weniger Marktanteile als 1979.

Vor fünf Jahren verkauften Nordmende, Saba und Telefunken noch nahezu jeden dritten Fernsehapparat in der Bundesrepublik. Ende 1983 kam nicht einmal jedes vierte Gerät aus den Thomson-Filialen.

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