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01. März 2007, 08:53 Uhr

Varel und das Airbus-Werk

25.000 Menschen, eine Angst

Aus Varel berichtet

Das Städtchen Varel ist im Ausnahmezustand: Airbus-Mitarbeiter blockieren ihr Werk, das nach dem Willen des Managements verkauft werden soll. Bürgermeister und Landrat stärken ihnen den Rücken. Die ganze Stadt ist entsetzt - nur einer sieht in der Krise eine Chance.

Varel - Die Frau, die da vor dem Supermarkt steht und mit einer Bekannten plaudert, sieht nicht unbedingt aus, als würde sie viel von Flugzeugen verstehen. Das kurze Haar ist fast weiß, mit der Rechten hält sie ein Damenrad mit Korb fest, der Schal ist mit viel Sorgfalt um den Mantelkragen gebunden.

IG-Metallflagge vor dem Airbus-Werk in Varel: "Varel ist der große Verlierer"
AP

IG-Metallflagge vor dem Airbus-Werk in Varel: "Varel ist der große Verlierer"

Doch in Varel versteht fast jeder etwas von Flugzeugen. Auch die Rentnerin legt - angesprochen auf das Airbus-Werk - gleich los, schimpft über das miese Management und das deutsch-französische Geschacher um A380, A320 und A350. Die Flugzeugtypen gehen ihr locker von der Zunge.

Airbus ist mit 1300 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der 25.000-Einwohner-Stadt. Rechnet man die Zulieferer dazu, die sich in der Gegend angesiedelt haben, hängen sicher 7000 bis 8000 Jobs in der Region von dem Werk ab. In den Sechzigern hat die Frau selbst acht Jahre dort gearbeitet, erst in der Küche und dann in der Kontrolle, da hieß das Ganze allerdings noch Vereinigte Flugzeugwerke VFW. Jetzt ist der Sohn bei Airbus CNC-Maschinenführer, genau wie der Sohn der Bekannten, und beide Frauen haben Angst. "Die Leute müssen jetzt wohl für 'nen Appel und 'nen Ei arbeiten", empört sich die eine. "Wenn sie ihren Job überhaupt behalten", antwortet die andere leise.

So geht es in Varel dieser Tage überall. Inzwischen wurde zur Gewissheit, was schon lange durch die Presse geisterte: Im Rahmen des Airbus-Sanierungsplans "Power 8" wird das Werk verkauft. Bald soll ein neuer Hausherr über die Produktion von Präzisionsteilen und Werkzeugen aus Aluminium und Stahl wachen.

In Elfriedes Café folgt dem ortsüblich in den Raum geschmetterten "Moin" am Tag der niederschmetternden Nachricht immer wieder ein "Wusstest Du's schon?" - in der Stadt kennt sich "jeder Hans und Franz", wie die Rentnerin sagt. Dann wird lautstark debattiert, wie man es hier gerne tut, dabei sind eigentlich alle einig. "Das ist entsetzlich für die Region", sagt sogar der grüne Stadtrat Hans-Joachim Janßen, der mit seinem Elektroauto vorbeigekommen ist und dessen politische Heimat ihn nicht gerade als Förderer der Flugzeugindustrie ausweist.

Aber in Sachen Airbus gibt es in Varel eine ganz große Koalition. Das Städtchen ist einfach zu abhängig von Airbus. Sicher, da gibt es noch die Bahlsen-Fabrik, den Papier- und Kartonhersteller, und das Nordseebad Dangast gehört auch zur Stadt. Doch Airbus ist das, was Politiker gerne einen "industriellen Leuchtturm" nennen und die Umgebung eine "strukturschwache Region". Varel kämpft mit einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent, die Fußgängerzone wird jetzt schon von Schnäppchenwerbung bestimmt.

Vor den Werkstoren von Airbus herrscht deshalb Ausnahmezustand. Nachdem den Mitarbeitern endlich gesagt wurde, was Sache ist, stürmten sie vom Hof. "Wir gehen jetzt nach Hause", brüllten einige nur den Reportern entgegen, andere polterten ihre Empörung in Mikrofone und Kameras. "Wir arbeiten heute nicht, morgen nicht. Und übermorgen auch nicht", erklärte Betriebsrat Dieter Lange, während er im strömenden Regen ein Plastikbanner am Zaun befestigt. "Wir streiten für unsere Zukunft" steht darauf. Auch der Vareler Bürgermeister ist da und der Landrat Ambrosy, der immer wieder sagt: "Varel ist der große Verlierer."

Bernd Bureck scheint der Einzige in der Stadt zu sein, der der Krise Positives abgewinnen kann. Er ist der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing GmbH, die von der Stadt und einem Unternehmensverband getragen wird. "Ich kann mich jetzt hinstellen und mir ausmalen, wie die Leute weniger zum Metzger gehen und weniger Häuser bauen", sagt der Mann mit der welligen, grauen Mähne und dem blauen Karo-Sacko. Oder aber man gehe tapfer durch das Jammertal hindurch und gestärkten Rückens wieder hinaus.

Nach neuen Kunden umschauen - wie Boeing

"Der Verkauf des Werks gibt den Zulieferern endlich Luft, sich neu zu orientieren", glaubt der 48-Jährige. "Jahrelang haben die nur in Richtung Airbus gearbeitet", sagt er. Dabei malt er mit den Fingerspitzen zehn imaginäre Linien auf den Tisch in Richtung Mitte. "Aber die Verbindung untereinander fehlte", fügt er hinzu. Die Finger wuseln hin und her. "Vernetzung" und "Kompetenzen bündeln" sind die Zauberformeln, mit denen Bureck im Jammertal der Strukturschwäche wieder goldene Zeiten beschwören will. Und: mehr Flexibilität.

Seit vier Jahren arbeitet er an einem "Industrie- und Gewerbecampus". "Virtuell" existiere der bereits in Form eines Zusammenschlusses von 250 Mittelständlern. Ab 2010 sollen die sich auch real auf einem gemeinsamen Gelände tummeln. 40 Hektar, für den Anfang. Auch die derzeit am Airbus-Tropf hängenden Zulieferer könnten sich da ansiedeln. Selbst für das Vareler Airbus-Werk biete der absehbare Verkauf Chancen, findet Bureck. Es könne sich breiter aufstellen, nach neuen Kunden Ausschau halten - und damit meint er nicht nur Boeing. Man könne sich ja auch mal in Richtung Auto- oder Schiffsbauindustrie orientieren, philosophiert er.

Dafür muss das Werk freilich erst einmal erfolgreich verkauft werden - und zumindest der Rest von Varel ist gerade ziemlich überzeugt, dass das nicht so leicht gelingen wird. Die Belegschaft will auch heute niemand ins Werk rein oder rauslassen. Bürgermeister Gerd-Christian Wagner erklärt auf die Frage, ob er deren Anliegen wirklich eine Chance gebe, nur: "Ein Flugzeugbauer braucht auch Arbeitnehmer, die Flugzeuge bauen." Der Landrat versichert die "Unterstützung der ganzen Region", und die Nachricht von wilden Streiks in anderen deutschen Werken und sogar in Frankreich tut ihr Übriges.

Die Vareler würden nicht aufgeben, erklärt Wagner. Sonst wären sie keine Friesen.

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