Ver.dis Lidl-Schwarzbuch Wie in der Fremdenlegion

Das "Schwarzbuch Lidl", das Ver.di am Tag der Menschenrechte veröffentlichte, liest sich wie eine Handlungsanleitung für die Fremdenlegion. Überwachung, Drill und Hetze bestimmten danach den Arbeitsalltag der Mitarbeiter. Lidl selbst spricht von Ausrutschern und einer Diffamierungskampagne.

Die gute Nachricht stand in der "Bild"-Zeitung. 1600 zusätzliche Ausbildungsplätze werde man im kommenden Jahre bereitstellen, kündigte der Lebensmitteldiscounter Lidl&Schwarz in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige an. "Wir sind die Nummer eins in Deutschland bei der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen", heißt es. 20.000 Stellen habe der Handelskonzern in den vergangenen drei Jahren geschaffen. Es geht voran in Deutschland.

Die Anzeigenkampagne kam jedoch nicht von ungefähr. Denn die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat zum Großangriff auf den Handelskonzern geblasen. Pünktlich zum Tag der Menschrechte präsentierte Franziska Wiethold, die den Fachbereich Handel bei Ver.di leitet, ein Schwarzbuch, das sich einzig und allein mit Lidl beschäftigt. Auf gut 100 Seiten beschreiben die Autoren der Gewerkschaft detailliert, wie der Discounter seine Mitarbeiter behandelt.

Das Buch liest sich fast wie ein Leitfaden zur Ausbildung in der Fremdenlegion. Überwachung, Drill und Hetze seien an der Tagesordnung, schildern die Autoren. Anschreien, beleidigen und Unterstellung von Straftaten gehörten zum Standardrepertoire der Verkaufsleiter. Wer nicht mindestens zwei Angestellte pro Monat mobbe, gelte als zu freundlich und mache im Konzern keine Karriere.

In detaillierten Schilderungen berichten Mitarbeiter, wie es ihnen erging, wenn sie nicht den Vorgaben entsprechend funktionierten. Testkäufe, Leistungsmessungen und penible Kontrollen lieferten dabei regelmäßig genug Anlass, Druck auszuüben. "Wenn jemand durchfallen soll, gibt es unzählige Möglichkeiten, uns Verkäuferinnen auszutricksen", berichtet eine Betroffene von den berüchtigten Testkäufen. "Da werden zum Beispiel zwei große Milchkartons in den Wagen gestellt und im unteren ist ein Pfund Kaffee versteckt. Oder ein teures Kosmetikprodukt wird in den Umkarton eines billigeren gepackt." Im Einzelfall ließe sich das aber nicht kontrollieren, wenn man die strenge Vorgabe einhalten wolle, 40 Produkte pro Minute durch den Kassenscanner zu schieben.

Halbtags Vollzeit arbeiten

Großzügig seien die Vorgesetzten allenfalls mit der Berechnung der Arbeitszeiten umgegangen - allerdings zu ihren Gunsten, wie gleich mehrere Betroffene berichten. So wird den Angaben zufolge die Frühschicht ab 7 Uhr bezahlt, die Mitarbeiter werden aber regelmäßig eine Stunde früher an den Arbeitsplatz beordert. Auch an die Spätschichten, die offiziell bis 20 Uhr festgelegt sind, ziehen sich oft bis spät in den Abend. "Ich habe von Anfang an mindestens neun Stunden täglich gearbeitet - grundsätzlich ohne Pause", erinnert sich eine Mitarbeiterin, die nach drei Monaten aufgab. In ihrem Arbeitsvertrag sei dagegen nur eine Halbtagsstelle festgeschrieben gewesen.

In einem Fall verrammelte der Filialleiter die Türen des Geschäfts so lange, bis die Arbeiten erledigt waren. Als er dies am zweiten Abend wiederholte, rief ein Student, der dort als Aushilfe arbeitete, die Polizei.

Auch Krankheiten können zu Jobverlust führen, heißt es in dem Ver.di-Buch. Kurz vor Ablauf seiner Probezeit, berichtet ein Ex-Lidler, habe er sich bei Arbeiten im Lager der Lidl-Vertriebsgesellschaft Kirchheim verhoben. "Zwei Tage nach der Krankmeldung hatte ich ein Schreiben in der Hand, dass der Arbeitsvertrag nicht verlängert wird."

"Muster zieht sich quer durch die Republik"

Der Druck habe Methode, davon ist der Autor des Buches, Andreas Hamann überzeugt. "Solche Erzählungen habe ich während meiner Recherchen immer wieder gehört", sagt er. "Es zeigt sich ein Muster, das sich quer durch alle Filialen in der Republik zieht." Es sei deshalb schwer vorstellbar, dass solche Vorkommnisse auf das Fehlverhalten einzelner Manager zurückzuführen seien.

Hamann widerspricht damit ausdrücklich der Version eines Konzernssprechers, der lediglich von Einzelfällen gesprochen hatte. Vielleicht sei es in der Vergangenheit zu Fehlverhalten einzelner Filial- und Bezirksleiter gekommen, erklärte der PR-Mann. So etwas käme aber in jedem Unternehmen vor, auch bei Lidl. Nach Beschwerden von Mitarbeitern habe sich die Gruppe in den vergangenen Jahren von etwa 20 Führungskräften getrennt. "Wir werden diese Schwachstellen abstellen und suchen den Dialog mit den Betroffenen", sagte der Sprecher.

Wie ein "Dialog" mit Mitarbeitern aussieht, belegen andere Zeugenaussagen in dem Schwarzbuch. Betroffen waren insbesondere Mitarbeiterinnen, die schon lange bei Lidl gearbeitet hatten und höhere Gehälter erhielten. In mehreren Fällen wurden Verkäuferinnen zum Gespräch gebeten und zum Beispiel mit Fehlbeträgen in der Kasse konfrontiert, zu der auch die Filialleiter Zugang haben. In einigen Fällen wendeten zwei oder drei Manager des Konzerns regelrechte Verhörmethoden an. Sie hinderten die Betroffene am Verlassen des Raumes, Anrufe bei einem Vertrauten wurden unterbunden. Fast jedes Mal gaben die Betroffenen dem Druck schließlich nach und unterschrieben vorbereitete Auflösungsverträge. In mehreren Fällen widerriefen die Betroffenen danach ihre Unterschrift. Im anschließenden Gerichtsverfahren blieb Lidl die Beweise für die Vorwürfe jedes Mal schuldig.

Lidl: "Ausgesprochene Diskriminierung"

Der Hintergrund solcher Kündigungen liegt für Ver.di-Frau Wiethold auf der Hand. "Die Nachfolger steigen zum Anfangsgehalt ein, das wesentlich niedriger liegt. Lidl spart damit eine Menge Geld."

Einschüchterungen sind den Ver.di-Darstellungen zufolge auch im normalen Arbeitsalltag an der Tagesordnung. Ein beliebtes Druckmittel seien die regelmäßigen Diebstahlkontrollen. Jeder Lidl-Beschäftigte müsse dann seine Taschen leeren oder sein Auto durchsuchen lassen. Und jede gefundene Bonbontüte aus dem Sortiment von Lidl gelte so lange als gestohlen, bis der Betreffende die Kassenquittung vorgelegt habe, erklärt Autor Hamann.

Lidl-Geschäftsführer Klaus Gehrig dagegen hält sämtliche Vorwürfe für unbegründet und sieht den Konzern als Opfer einer "Diffamierungskampagne". "Auch nach Vorlage des Ver.di-Buches können wir nicht erkennen, dass Lidl seine Mitarbeiter systematisch schlecht behandelt hat", sagt Gehrig. Ver.di rufe seit Monaten im Internet zu anonymen Denunzierungen auf. "Wir empfinden dies als ausgesprochene Diskriminierung."

Anonyme Denunzierungen seien nicht nötig, wenn innerhalb des Unternehmens ein offenes Klima herrsche, ist dagegen das Credo von Ver.di. In einem von Wiethold unterzeichneten offenen Brief appelliert die Gewerkschaft an den Eigentümer und Konzernchef Dieter Schwarz, die Wahl von Betriebsräten zu unterstützen. In 2531 Lidl-Filialen gebe es nur sieben Arbeitnehmervertretungen, diese Zahl allein spreche schon für sich. Gegen die menschenverachtenden Missstände könnten sich die Mitarbeiter jedoch einzig und allein mit Hilfe von starken Betriebsräten wehren.

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