Zur Ausgabe
Artikel 42 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Aktien Verdammt schwer

Viele Pharmafirmen wollen Risikokapital über die Börse beschaffen - aber finden sich genug Interessenten?
aus DER SPIEGEL 14/1995

In mehr als 300 Jahren hat die Familie Merck aus einer Apotheke, die Nützliches wie Schlangenhaut und gebrannten Storch feilbot, einen weltweiten Pharmakonzern entwickelt, der mehr als 10 000 Produkte herstellt. Und immer blieb alles in der Familie.

Nun wird sich auch das ändern: Fremde Geldgeber sollen Miteigentümer werden. Gut 80 Familiengesellschafter wollen am Sonnabend dieser Woche beschließen, daß Merck an die Börse geht.

Der Verkauf eines Viertels der Merck-Aktien soll etwa 2,5 Milliarden Mark einbringen.

Das Eigenkapital, so Hans Joachim Langmann, 70, der seit 31 Jahren das Unternehmen regiert, sei zu stark gesunken: »Wir haben in den letzten vier Jahren für Investitionen sehr viel Geld ausgegeben.« Insbesondere für den weiteren Ausbau des Pharmageschäfts braucht Merck dringend frisches Kapital.

Alle wollen sie ihr Geschäft ausbauen, nicht nur Merck. Hoechst will zehn Milliarden Mark für den amerikanischen Pharmakonzern Marion Merrill Dow ausgeben. Dieser bietet zwar fast ausschließlich veraltete Produkte an, deren Patente bald ablaufen, soll aber Hoechst auf dem amerikanischen Markt die angemessene Größe verschaffen.

BASF gab am Freitag vergangener Woche bekannt, daß sie für knapp zwei Milliarden Mark das Medikamentengeschäft der britischen Firma Boots gekauft hat. Glaxo, das weltweit zweitgrößte Pharmaunternehmen, hat 23 Milliarden Mark geboten, um den britischen Rivalen Wellcome zu übernehmen.

Mit der weltweiten Konzentration begegnen die Konzerne fast schon reflexartig dem zunehmenden Preisdruck, den Regierungen und Krankenkassen durch Gesundheitsreformen in fast allen westlichen Ländern ausüben. Schiere Marktmacht soll verhindern, daß der Wettbewerb die immer noch stattlichen Gewinne im Pharmageschäft aufzehrt.

Da der Patentschutz für viele wichtige Medikamente ausläuft, erzielen Hersteller billiger Nachahmerprodukte hohe Zuwachsraten. Gleichzeitig kostet es oft 500 Millionen Mark und mehr, um ein völlig neues Produkt auf den Markt zu bringen.

Dies setzt manchen der 400 Mittelständler unter Druck, die in Deutschland Medikamente produzieren. Viele müssen, um mithalten zu können, neues Risikokapital über die Börse suchen.

Der Pharmaunternehmer Patrick Schwarz-Schütte, 38, hat als erster Konsequenzen aus den »dramatischen Veränderungen im Markt« gezogen. Um »die Kriegskasse aufzufüllen«, möchte der Vorstandsvorsitzende der Schwarz Pharma AG 22 Prozent der Aktien des Familienunternehmens für 250 Millionen Mark an der Börse verkaufen.

Aus dem lange angekündigten Börsengang des Monheimer Unternehmens, das mit Medikamenten gegen Herzinfarkt und Magen-Darm-Leiden 880 Millionen Mark Umsatz macht, wurde jedoch bislang nichts. Als Mitte März die Kurse nach unten sackten, verließ Schwarz-Schütte der Mut.

»Werden wir überhaupt noch gekauft?« lautete seine bange Frage an die Deutsche Bank, unter deren Führung die Aktien verkauft werden sollten. Im letzten Augenblick schreckte Schwarz-Schütte zurück. Nun will er es voraussichtlich im Mai noch mal versuchen.

Der Patentschutz für das umsatzstärkste Medikament der Schwarz Pharma AG, den ACE-Hemmer Tensobon, läuft Anfang des Jahres aus. Schwarz-Schütte will das frische Kapital nutzen, um zukunftsträchtige Produkte zuzukaufen. Außerdem wird mit zwei Unternehmen in den USA wegen einer Übernahme verhandelt.

Ob die Emission der Aktien im Mai klappen wird, weiß niemand. »Nebenwerte haben es zur Zeit verdammt schwer«, sagt Hartmut Korn, Geschäftsführer der DG Capital Management. Die Kleinanleger sind in den Käuferstreik getreten. Zu negativ waren ihre Erfahrungen: Von den 28 Neuemissionen der vergangenen drei Jahre liegen 20 unter ihrem Ausgabepreis.

»Wenn Unternehmen zusammen mit den Banken den Kurs ausreizen, gibt es kaum Steigerungspotential«, weiß Korn. Da hilft es auch wenig, daß fast alle Emittenten die optisch billigere Fünfmark-Aktie ausgeben. So leicht lassen sich die Kleinanleger nicht täuschen.

Unternehmen wie Merck, die Viag-Tochter SKW Trostberg, Schwarz Pharma und SGL Carbon haben angekündigt, daß sie dieses Jahr Aktien im Wert von rund 4,5 Milliarden Mark auf den deutschen Kapitalmarkt bringen werden. Nur ein einziges Mal, beim Börsenboom 1986, lag das Emissionsvolumen höher (siehe Grafik). Im nächsten Jahr steht dann der Börsengang der Telekom bevor (15 Milliarden Mark).

Das werde nur funktionieren, wenn den Anlegern günstige Einstiegspreise offeriert werden. »Anstatt abzukassieren, müssen die Aktionäre als Partner ernst genommen werden«, fordert Heinz Steffen von der Frankfurter Investmentbank Schröder Münchmeyer Hengst.

Steffen ist sich nicht sicher, ob die Erkenntnis schon bei den Nachfahren des Apothekers Merck angekommen ist. Langmann, der ehemalige Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, hat sich als Vorsitzender der Geschäftsleitung und des Gesellschafterrates die Kommanditgesellschaft auf Aktien als Unternehmensform ausgedacht.

Mit dieser international unüblichen Rechtsform will die Familie auch nach 326 Jahren die Macht in ihren Händen behalten. »Die Führung würde sich im Zuge der Transformation nicht ändern«, sagt Langmann.

Er sollte noch einmal überlegen, ob das wirklich ein Vorteil ist. Der Eigensinn der Familie, vermutet Steffen, könnte mit einem Abschlag an der Börse bestraft werden. Y

[Grafiktext]

Erlöse durch Ausgabe von Neu-Aktien an der Börse

[GrafiktextEnde]

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 42 / 124
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.