Verdeckte Zahlungen Aldi soll Gewerkschaft unterstützt haben

Ein neuer Fall von Einflussnahme auf Arbeitnehmer-Organisationen? Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" soll die Supermarktkette Aldi der Gewerkschaft AUB einen Mitarbeiter zur Schulung von Betriebsräten finanziert haben.


München - Im Zentrum der Affäre soll Wilhelm Schelsky stehen, der ehemalige Chef der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger (AUB). Schelsky, früher Betriebsrat bei Siemens, sitzt seit Februar 2007 in Untersuchungshaft. Er soll insgesamt rund 50 Millionen Euro von Siemens erhalten haben, um die Gewerkschaft AUB zu einem arbeitgeberfreundlichen Gegengewicht der IG Metall auszubauen.

Zahlungen von Aldi Nord: Die AUB als vertrauenswürdige Alternative
DDP

Zahlungen von Aldi Nord: Die AUB als vertrauenswürdige Alternative

Bei ihren Ermittlungen gegen Schelsky nun stieß die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" auf dessen finanzielle Verbindung zu Aldi, genauer: zu Aldi Nord. Die Staatsanwaltschaft und die Sonderkommission "Amigo" der Kriminalpolizei Nürnberg ermitteln bereits seit Ende 2006 in der sogenannten AUB-Affäre gegen zahlreiche Beschuldigte, unter anderem frühere Siemens-Manager.

Die Zeitung berichtet, Schelsky habe in den Vernehmungen der Justiz zugegeben, dass die Supermarktkette über eine Essener Anwaltskanzlei mit 120.000 Euro pro Jahr Mike B., einen AUB-Mitarbeiter, finanziert habe. Dieser soll sich um Schulungen von Aldi-Betriebsräten gekümmert haben. Zu SPIEGEL ONLINE sagte der Justizsprecher des Oberlandesgerichtsbezirks Nürnberg, Andreas Quentin, er wolle sich derzeit dazu nicht erklären.

Die Aldi Einkauf GmbH bestätigte laut "SZ" die Zahlungen. Sie seien bis 2006 erfolgt. Aldi-Nord-Betriebsräte hätten Schelsky und die AUB als vertrauenswürdige Alternative zur Gewerkschaft Verdi präsentiert. Man habe Schelsky bis zu seiner Verhaftung für einen legitim handelnden "Gewerkschaftsvorsitzenden AUB" gehalten, ließ sich die Aldi Einkauf GmbH von der "SZ" zitieren. Es sei bei der Zusammenarbeit nicht darum gegangen, die Betriebsratsarbeit bei Aldi Nord zu behindern, nur die Gewerkschaft AUB habe interessiert.

Die Personalkosten von Mike B. habe man übernommen, um insbesondere Schulungen in Ostdeutschland zu ermöglichen. Nach Angaben der Aldi Einkauf GmbH gegenüber der "SZ" erfolgten die Zahlungen an eine private Firma von Schelsky, die nach Kenntnis von Aldi die Verwaltung der AUB übernommen hatte.

Warum liefen die Zahlungen über einen Anwalt der Supermarktkette? Der "SZ" zufolge erklärte die Aldi Einkauf GmbH: "Wir haben die Zahlungen nicht direkt vorgenommen, um so dem Eindruck entgegenzutreten, wir würden die Schulungen beeinflussen." Das sei auch nicht der Fall gewesen. "Nach unserer Kenntnis fand die Tätigkeit von Herrn B. bei den Betriebsräten uneingeschränkte Zustimmung", wird Aldi zitiert.

Die Aldi Einkauf Gmbh Nord war am Sonntag für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar. Auch der Anwalt von Schelsky war für SPIEGEL ONLINE nicht erreichbar.

Mit Anklageerhebung gegen Schelsky wegen der mutmaßlichen Millionenzahlungen von Siemens ist noch in der ersten Jahreshälfte 2008 zu rechnen. Konkret werden dem Ex-Betriebsrat Beihilfe zur Untreue und Steuerstraftaten vorgeworfen.

sef



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.