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LUFTFAHRT Verfahrene Situation

In Österreich ist ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft beim Edelcarrier Lauda Air entbrannt. Der Gewinner könnte am Ende die Lufthansa sein.
aus DER SPIEGEL 44/2000

Wer Niki Lauda, 51, nach seiner Firmenphilosophie befragt, merkt schnell, dass er es mit einem früheren Formel-1-Fahrer zu tun hat. »Mir wird langweilig, wenn nichts los ist«, sagt der Lauda-Air-Chef, »erst wenn es hart auf hart geht, komme ich richtig in Fahrt.«

Zurzeit ist Lauda demnach mal wieder in Top-Form. Denn Probleme hat er mehr als genug. Um seine kleine, aber feine Fluggesellschaft ist eine Posse entbrannt, die so wohl nur in der Alpenrepublik denkbar ist.

Seit Monaten streiten Lauda und sein Großaktionär Austrian Airlines (AUA) um die Vorherrschaft bei dem Nischencarrier mit rund 1700 Beschäftigten. Die Firma des zweifachen Ex-Weltmeisters schreibt tiefrote Zahlen. Die beiden AUA-Chefs Herbert Bammer und Mario Rehulka würden den eigenwilligen Unternehmensgründer deshalb gern enger an die Kandare nehmen.

Doch Lauda weiß die Mehrheit des Aufsichtsrats hinter sich und denkt gar nicht daran, das Steuer abzugeben. »Bei Schwierigkeiten«, prahlt der Ex-Ferrari-Pilot, »wache ich erst richtig auf.«

Schlichten könnte den Streit nur die Deutsche Lufthansa, die 20 Prozent an Lauda Air besitzt. Doch Firmenchef Jürgen Weber, der die Streithähne erst kürzlich in seinen »Star-Alliance«-Club aufgenommen hat, hält sich bislang zurück. Wie es weitergeht, sollen nun ein Gutachten neutraler Wirtschaftsprüfer und eine außerordentliche Hauptversammlung klären.

Das peinliche Hickhack hinterlässt schon jetzt Kratzer am Luxus-Image der Airline, das Lauda in den vergangenen Jahren mühevoll aufgebaut hat. Kaum eine andere Fluggesellschaft in Europa genießt einen derart exzellenten Ruf wie der Edelcarrier von »Niki Nazionale«, wie Lauda von seinen Landsleuten genannt wird.

Während Passagiere bei anderen Airlines wie Sardinen zusammengepfercht und mit labbrigem Salat oder zerkochter Pasta abgefüttert werden, sitzen Lauda-Gäste deutlich komfortabler und genießen Schmankerl des österreichischen Edel-Caterers Do&Co. In der Business-Class fliegen sogar Starköche mit, die in speziellen Dampfkochtöpfen À-la-carte-Menüs zubereiten. »Wir werden niemals auf das Niveau vieler unserer Konkurrenten sinken«, versichert der Firmenchef.

Der wirtschaftliche Erfolg von Laudas Airline hielt sich zuletzt jedoch in Grenzen. Bereits im vergangenen Jahr flogen die 27 Jets über zehn Millionen Mark Verlust ein. In diesem Geschäftsjahr summierten sich die Verluste sogar, je nach Rechnung, auf bis zu 150 Millionen Mark, obwohl Lauda seine Piloten und Stewardessen nicht gerade üppig entlohnt.

Lauda will das Millionenloch stopfen, indem er Flugzeuge und Strecken stilllegt. Außerdem will er vier geleaste Flugzeuge, die teilweise abbezahlt sind, verkaufen und zurückmieten. Dadurch würde sich ein Ticket nur um den Preis einer Tasse Kaffee verteuern, wirbt er für seinen Bilanztrick.

Doch die AUA-Bosse , die 36 Prozent an Lauda Air halten, sind gegen den Deal. Laudas »Finanztransaktion«, kritisieren Bammer und Rehulka, sei »eine Hauruck-Aktion« und »unverantwortlich«.

Noch Ende vorletzter Woche versuchten die AUA-Manager, das umstrittene Geschäft zu verhindern, indem sie eine geplante Aufsichtsratssitzung platzen ließen. Doch statt klein beizugeben, zog Lauda den Coup ohne sie durch.

Ob der nebenberufliche RTL-Kommentator seinen Hauptjob auf Dauer behalten wird, ist allerdings fraglich. Die Farce um die Flugzeugverkäufe offenbart einmal mehr, in welch desolatem Zustand sich die österreichische Luftfahrtbranche befindet.

Obwohl die Alpenrepublik nur acht Millionen Einwohner hat, besitzen die Österreicher gleich drei Liniengesellschaften: Austrian Airlines, Lauda Air und Tyrolean Airways. Bereits vor drei Jahren versuchte der Staat, der bei der AUA noch immer großen Einfluss hat, die Chefs der Mini-Carrier zur Zusammenarbeit zu bewegen, indem er der teilprivatisierten Staatslinie den Einstieg bei Lauda-Air und die Übernahme von Tyrolean ermöglichte.

Doch der Plan, einen schlagkräftigen österreichischen Flug-Verbund zu schaffen, ging nicht auf. Die Manager der drei Carrier sind sich spinnefeind und bekriegen sich, wo sie können. Selbst ihr Kerosin kauft jede Gesellschaft eigenständig. »Die Synergieeffekte«, gesteht Lauda, »sind null Komma Nockerl.«

AUA-Boss Bammer und sein Co-Chef Rehulka wissen, dass sie die verfahrene Situation nur auflösen können, indem sie sich die Mehrheit an Lauda Air sichern. Beide würden lieber heute als morgen den 20-Prozent-Anteil der Lufthansa übernehmen, um den widerspenstigen Lauda endlich zur Räson zu bringen. Doch Lufthansa-Chef Weber schweigt.

Branchenkenner glauben zu wissen, warum. Der Lufthansa-Boss, spekulieren sie, könnte den Hickhack bei seinen österreichischen Star-Alliance-Partnern ausnutzen, um selbst in Österreich einzumarschieren - als Großaktionär bei Austrian Airlines.

Die neue konservative Wiener Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, die Staatsbeteiligungen zu privatisieren. Auch für den AUA-Anteil von rund 40 Prozent wird ein Käufer gesucht.

Der wichtigste Mitbieter könnte Lufthansa-Chef Weber sein. Bekäme er den Zuschlag, könnte er beide kontrollieren: Austrian Airlines und Lauda Air.

DINAH DECKSTEIN

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