Vergleichstabelle Gaspreisschock - hier sahnen die Konzerne ab

Satte 300 Euro müssen Gaskunden 2008 in manchen Regionen mehr zahlen. Durchschnittlich erhöhen die Versorger ihre Preise um knapp sechs Prozent. SPIEGEL ONLINE zeigt, auf wen welche Kosten zukommen - und wie man Hunderte Euro sparen kann.

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Hamburg - Erst Strom, jetzt Gas: Hunderte Energieversorger erhöhen zum 1. Januar 2008 ihre Preise. Laut Verbraucherportal Verivox.de müssen die Kunden im Schnitt 5,8 Prozent mehr zahlen. Besonders hart trifft es die Bürger im sächsischen Weißwasser. Hier verlangen die Stadtwerke 20,7 Prozent mehr als vor einem Jahr. Für eine Musterfamilie mit einem Gasverbrauch von 20.000 Kilowattstunden bedeutet das Mehrkosten von knapp 300 Euro.

Gaspreise in Deutschland: Jährliche Kosten für eine durchschnittliche Familie
Verivox GmbH

Gaspreise in Deutschland: Jährliche Kosten für eine durchschnittliche Familie

Erst vor wenigen Wochen hatten auch die Stromversorger massive Preiserhöhungen bekanntgegeben. Hier steigen die Tarife zum Teil sogar um 38 Prozent. Damit treiben die Energiekosten die Inflation immer weiter nach oben: Wegen der hohen Heizpreise lag die Teuerungsrate schon im November bei 3,1 Prozent - dieser Trend scheint sich nun fortzusetzen.

Immerhin: Beim Gas sind die Preise im Laufe des Jahres 2007 teilweise gesunken. Berücksichtig man alle Änderungen der vergangenen zwölf Monate, haben 560 Versorger ihre Gaspreise effektiv gesenkt. 126 Versorger erhöhten die Preise und 52 Versorger haben keine Veränderung vorgenommen. Die aktuell günstigsten Gaspreise gibt es bei den niedersächsischen Stadtwerken Stade. Hier zahlt der Musterhaushalt künftig 1077 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Das Gas im sächsischen Weißwasser kostet 60 Prozent mehr - rund 1734 Euro.

Doch die Preissenkungen des vergangenen Jahres sind nun vorbei. Die Energieexperten von Verivox.de rechnen wegen der hohen Ölpreise mit weiter steigenden Gaspreisen. Diese Einschätzung teilt auch Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Ich rechne mit 20 Prozent mehr bis April", sagte sie gestern.

Verbraucherschützer empfehlen Gaskunden deshalb, ihren Energieanbieter zu wechseln. In 146 der 740 Versorgungsgebiete lässt sich die Gasrechnung auf diese Weise deutlich drücken. Kunden, die beispielsweise von den Stadtwerken Weißwasser zu den Stadtwerken Finsterwalde wechseln, sparen satte 508 Euro. "Bedenkt man, dass der Gasanbieterwechsel einfach und risikofrei ist, sollten Verbraucher über diese Möglichkeit intensiv nachdenken", sagt Thomas Stollberger von Verivox.de. Nur wenige Punkte seien zu beachten (siehe Kasten).

Teilweise unterscheiden sich die Verivox-Daten von anderen Untersuchungen. So hatte "Euro am Sonntag" gestern unter Berufung auf Wechseln.de gemeldet, dass die Stadtwerke Stade ihre Preise um bis zu 40 Prozent erhöhen. Auch SPIEGEL ONLINE hatte darüber berichtet. "Der Wert von 40 Prozent kommt aber nur bei einem extrem niedrigen Verbrauch von 1400 Kilowattstunden zustande", sagt Stollberger. Dies verzerre das Bild - schließlich sind die Stadtwerke Stade bei einem realistischen Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden der bundesweit günstigste Anbieter.

Anbieterwechsel - so funktioniert's
In wenigen Minuten zum Ziel
Der Wechsel des Stromanbieters ist sehr einfach. Für die Formalitäten braucht man nur wenige Minuten. Im Kern gilt das Gleiche auch für Gaskunden. Wechselwillige Kunden sollten Folgendes beachten.
Verbrauch ermitteln
Als Erstes sollte man seinen individuellen Jahresverbrauch ermitteln. Am einfachsten geht das über die letzte Rechnung. Wichtig: Es kommt nicht auf den Betrag in Euro an, sondern auf den Verbrauch in Kilowattstunden (kWh). Wer die letzte Rechnung nicht mehr findet, kann seinen jährlichen Strombedarf zur Not auch anhand des Verbrauchs der letzten Monate hochrechnen.
Die Suche nach dem passenden Anbieter
Nun beginnt die Suche nach dem günstigsten Anbieter. Eine wichtige Hilfestellung bieten dabei unabhängige Verbraucherportale wie www.toptarif.de, www.verivox.de, www.stromtarife.de, www.check24.de oder www.verbraucherzentrale.de. Auf diesen Seiten finden sich Tarifrechner, in die man nur zwei Werte eingeben muss: seine Postleitzahl und seinen jährlichen Stromverbrauch in Kilowattstunden. Der Tarifrechner bietet dann eine Übersicht sämtlicher Anbieter, die in dieser Region verfügbar sind.
Die Auswahl
Jetzt kommt der entscheidende Schritt - die Wahl des neuen Anbieters. Dabei sollte man Folgendes beachten: Der günstigste ist nicht automatisch der beste. So warnen Verbraucherschützer vor Unternehmen, die Vorkasse verlangen. Auch sollte man sich nicht zu lange an einen Anbieter binden - Vertragslaufzeiten von zwei Jahren also lieber meiden. Allen anderen Unternehmen darf man getrost Vertrauen entgegenbringen.
Ökoanbieter
Wer möchte, kann sich an dieser Stelle auch für einen Ökostromanbieter entscheiden. Diese Unternehmen garantieren grünen Strom aus erneuerbaren Energien, ohne Kohle und Kernkraft. Nach Angaben der Verbraucherschützer sind Ökostromprodukte in zwei Dritteln der Städte sogar billiger als die der ortsüblichen Grundversorger.
Die Formalitäten
Nun muss man mit dem neuen Anbieter nur noch Kontakt aufnehmen. Häufig ist das direkt über das Verbraucherportal möglich - entweder per Mausklick oder per Telefon. Der neue Anbieter klärt dann sämtliche Formalitäten. Eine Abmeldung beim alten Versorger ist nicht nötig, auch das übernimmt das neue Unternehmen automatisch. Nur eine Sache sollte man beachten: Die Vertragslaufzeit beim alten Anbieter muss eingehalten werden. Wer seit acht Monaten in einem Jahresvertrag ist, muss eben noch vier Monate warten.
Die Technik
Technisch ist der Anbieterwechsel überhaupt kein Problem. Das physikalische Produkt Strom bleibt in jedem Fall dasselbe, eine Unterbrechung der Versorgung ist ausgeschlossen. Dass man einen neuen Anbieter hat, merkt man nur daran, dass die Rechnung von einem anderen Unternehmen kommt als bisher. Übrigens: Selbst wenn der neue Anbieter pleitegehen sollte, bekommt man weiterhin Strom. In diesem Fall ist der örtliche Grundversorger gesetzlich verpflichtet einzuspringen.
Wie lange dauert der Anbieterwechsel?
Seit April 2012 können Strom- und Gaskunden schneller den Anbieter wechseln. Sobald die Anmeldung beim Netzbetreiber erfolgt ist, dürfen laut Energiewirtschaftsgesetz nur noch drei Wochen verstreichen, bis die Strom- oder Gaslieferung durch den neuen Anbieter beginnt. Starttermin muss nicht der Monatserste sein - jeder Tag ist möglich. Dauert die Umstellung länger als drei Wochen, kann der Kunde Schadenersatz vom Lieferanten oder Netzbetreiber fordern.
Ich habe eine Nachtspeicherheizung. Kann ich auch den Anbieter wechseln?
In den meisten Fällen leider nicht. "In vielen Regionen gibt es nur einen Anbieter, der die Betreiber von Nachtspeicherheizungen beliefert", sagt ein Verivox-Sprecher. Durch den mangelnden Wettbewerb kommt es öfter zu überdurchschnittlichen Preiserhöhungen. Im vergangenen Jahr sind beispielsweise in Baden-Württemberg die Preise um bis zu 30 Prozent gestiegen. Die Bundesregierung tut dagegen wenig, denn es ist politisch gewollt, dass stromfressende Nachtspeicherheizungen nach und nach ausrangiert werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich besorgt über die hohen Energiekosten, sieht aber keinen Handlungsbedarf für die Regierung. "Die Energiepreise sind für ein Land wie Deutschland politisch nur wenig zu beeinflussen, weil sie vor allem mit einer weltweit drastisch steigenden Nachfrage nach Öl und Gas durch große Länder wie China und Indien zu tun haben", sagte die CDU-Politikern der "Super Illu".

Die Politik könne in Deutschland aber mehr Wettbewerb unter den Energieversorgern schaffen. "Deshalb haben wir gerade eine Kartellrechtsnovelle mit einer besseren Durchgriffsmöglichkeit gegen Preisabsprachen auf den Weg gebracht", sagte Merkel. "Darüber hinaus setzen wir Anreize durch zinsverbilligte Kredite und gezielte Zuschüsse, damit die Menschen ihre Häuser isolieren, ihre Heizungen modernisieren und stärker auf erneuerbare Energien setzen." Das nutze der Umwelt und mache die Bürger unabhängiger von steigenden Öl- und Gaspreisen.

Mit Material von AFP/AP



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