Verhandlungscoach zum Bahn-Tarifstreit "Die GDL hisst die weiße Fahne"

Zu zaghaft, zu ungeschickt: Der Verhandlungsprofi Hans-Georg Macioszek stellt der Lokführergewerkschaft GDL miserable Noten für ihre Streiktaktik aus. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum die Bahn im Tarifstreit triumphieren wird.

SPIEGEL ONLINE: Herr Macioszek, GDL-Chef Schell schimpft über das neue Bahn-Tarifangebot, will aber trotzdem verhandeln. Hat die Vernunft gesiegt, dass man nur durch Reden weiterkommt?

GDL-Chef Schell (bei Pressekonferenz in Berlin): "Aus Mangel an Härte erfolglos geblieben"

GDL-Chef Schell (bei Pressekonferenz in Berlin): "Aus Mangel an Härte erfolglos geblieben"

Foto: DPA

Macioszek: Nein. Die GDL hisst die weiße Fahne. Sie hat bisher die Öffentlichkeit geschont. Das ist menschlich hochanständig, hat sich aber nicht ausgezahlt. Die GDL ist aus Mangel an Härte - man kann auch sagen, aus bewundernswerter Rücksichtnahme - erfolglos geblieben. Sie traut sich jetzt nicht mehr, noch einmal von vorn anzufangen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die GDL will doch nur eine Runde verhandeln - und wenn da kein unabhängiger Tarifvertrag versprochen wird, wieder streiken.

Macioszek: Warum streikt sie nicht gleich?

SPIEGEL ONLINE: GDL-Chef Schell sagt, der Öffentlichkeit sei ein weiterer Streik ohne vorheriges Gespräch nicht zu vermitteln.

Macioszek: Das genau ist das Problem der GDL. Sie sucht die Unterstützung der Öffentlichkeit, obwohl sie dazu nicht gezwungen ist. Ein Streik ist ohne das Einverständnis der Bahn-Kunden genauso wirksam.

SPIEGEL ONLINE: Die GDL hat aber schon mehrfach gestreikt und damit nichts erreicht.

Macioszek: Sie hat bisher nur wenige Tage gestreikt, also kaum Beeinträchtigung ausgelöst. Sie hat die Streiktage angekündigt, ihnen also einen Teil der Wirkung genommen. Schließlich hat sie der Bahn drei Ultimaten gestellt, was immer einem Hilfeschrei gleichkommt: "Gib mir einen Grund, nicht streiken zu müssen." Und dann hat Herr Schell seine Forderung in einem Schritt um zwei Drittel gesenkt, von 31 Prozent auf "10 bis 15 Prozent" Ein solider Vertreter seiner Profession wäre unter sichtlichen Qualen von 31 auf 30 Prozent heruntergegangen.

SPIEGEL ONLINE: Die Bahn stellt sich geschickter an?

Macioszek: Sie hat ihre Strategie bisher konsequent verfolgt, die GDL durch Nichtstun zu zermürben, bis der die Puste ausgeht. Gleichzeitig buhlt die Bahn geschickt um die Sympathien der Öffentlichkeit. Die schauspielerische Leistung der Personalchefin Margret Suckale wird mit jedem Fernsehauftritt besser. Bald werden ihr viele glauben, dass es sich bei der Bahn um eine karitative Organisation handelt. Sie legt ständig neue Angebote vor, verändert aber ihre Position in der Sache kein bisschen.

SPIEGEL ONLINE: ... weil die Bahn der GDL immer noch einen "eigenständigen" Tarifvertrag anbietet, der eigentlich nicht eigenständig ausgehandelt werden darf?

Macioszek: Richtig. Aber der arglose Fernsehzuschauer, der sich mit den Details nicht beschäftigt, sah gestern nur: Frau Suckale geht menschlich und herzlich auf den anderen zu und wird dafür vom Gegner nur beschimpft.

SPIEGEL ONLINE: Es ist ein unfairer Kampf - was soll eine kleine Gewerkschaft gegen einen Großkonzern ausrichten, der sich Verhandlungsberater und PR-Strategen leisten kann?

Macioszek: Die GDL schlägt aus der Art. Häufig sind die Gewerkschafter die besseren Verhandler, denn sie tun ja nichts anderes.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Prognose - welches Ergebnis wird am Ende stehen?

Macioszek: Natürlich wird die Bahn Federn lassen. Aber die GDL wird keinen eigenständigen Tarifvertrag bekommen wie sie sich ihn vorstellt.

Das Interview führte Anne Seith

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