Verhörprotokolle Wie Jérôme Kerviel zum Milliardenvernichter wurde

Er zockte mit vielen Milliarden Euro. Erst mit großem Gewinn, dann mit gigantischen Verlusten - und immer dreisteren Lügen, um seine Tricks zu vertuschen. Erstmals wird durch Verhörprotokolle bekannt, wie der Société-Générale-Händler Jérôme Kerviel agierte - und unter seinen Geschäften litt.


Paris - Neue Enthüllungen im Fall Kerviel: Der Société-Générale-Händler hat nach eigenen Angaben Ende 2007 mit seinen ungenehmigten Spekulationen zwischenzeitlich einen Gewinn von 1,4 Milliarden Euro erzielt. "Zu dieser Zeit ist mir die Sache über den Kopf gewachsen", sagte er der Polizei. Die französische Zeitung "Le Monde" druckte das Vernehmungsprotokoll heute in Auszügen ab.

"Ich geriet schnell in eine Spirale, aus der ich nicht mehr herauskam", sagte Kerviel bei seiner Vernehmung. Er habe sich nie persönlich bereichern wollen, beteuerte der Händler. "Ich wollte nur beweisen, dass ich besser bin als meine Kollegen."

Börsenhändler Kerviel: "Niemand hat jemals so eine Summe erwirtschaftet"
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Börsenhändler Kerviel: "Niemand hat jemals so eine Summe erwirtschaftet"

Sein erster Spekulationscoup sei bereits 2005 erfolgt: "Ich habe eine Position auf die Allianz-Aktie aufgebaut, indem ich auf einen Absturz des Marktes setzte", sagte Kerviel. Dies habe sich mit den Terroranschlägen in London im Juli 2005 dann bewahrheitet. "Das war der Jackpot von 500.000 Euro." Nach diesem Erfolg habe er sich "stolz und überrascht zugleich" gefühlt. Kerviel glaubt, dass der Allianz-Deal ein Schlüsselereignis war: "Er weckte in mir das Verlangen, weiterzumachen. Es war ein wahrer Schneeballeffekt", sagte Kerviel dem abgedruckten Protokoll zufolge.

"Ich war glücklich und stolz auf mich selbst"

Mitte Juli 2007 hatte er bereits 30 Milliarden Euro an Spekulationen laufen. Da habe er erneut auf ein Fallen des Marktes gesetzt - und erneut glückte der Coup: Mit dem Beginn der US-Immobilienkrise Ende Juli fuhr Kerviel einen Gewinn von einer halben Milliarde Euro ein. Dieser sei in den Büchern der Société Générale aber nie aufgetaucht. "Ich habe ihn mit einem fiktiven Geschäft verschleiert", sagte Kerviel. "Ich war eingeschüchtert von der riesigen Geldmenge, ich wusste nicht, wie ich sie bekanntgeben soll, da meine Geschäfte nicht genehmigt waren."

Ende 2007 dann sei sein Spekulationsgewinn schon auf 1,4 Milliarden Euro angewachsen - mit der Geldmenge wuchs auch der emotionale Druck ins Unermessliche. "Ich war hin- und hergerissen", sagte Kerviel, "ich war glücklich und stolz auf mich selbst, aber ich wusste nicht, wie ich der Bank das alles erklären soll." Also habe er immer weiter fiktive Geschäfte vorgeschoben.

Trotz seiner Vertuschungsaktionen ist Kerviel überzeugt davon, dass seine Vorgesetzten und Mitarbeiter über seine Risikogeschäfte Bescheid wussten. Die Abteilung für Risikomanagement habe seine Vorgesetzten 2007 in mehreren E-Mails um Erklärungen zu seinen Operationen gebeten - Konsequenzen hatten die Anfragen offenbar nicht.

"Solange es lief, haben die die Augen verschlossen"

"Es wäre ein Leichtes gewesen, meine Verschleierungen zu durchschauen", sagte Kerviel. Dazu hätte man nur den von ihm angegebenen Gewinn mit seinem gewaltigen Handelsumsatz ins Verhältnis setzen müssen. "Auch die simple Tatsache, dass ich 2007 nur vier Tage Urlaub genommen habe, hätte Verdacht wecken müssen", sagt Kerviel. "Das ist eine der wichtigsten Buchprüferregeln: Ein Händler, der nie Urlaub nimmt, ist ein Händler, der niemanden an seine Bücher lassen will."

Nach Kerviels Aussage, hat die Société Générale nicht nur über sein riskantes Treiben Bescheid gewusst, sondern ihn indirekt sogar gedeckt: "Solange es lief, haben die die Augen verschlossen", sagte der Händler. Mehrmals hätten seine Vorgesetzten betont, wie zufrieden sie seiner Arbeit seien. "Für 2007 wollte ich einen Bonus von 600.000 Euro, das Management ließ mich aber wissen, dass ich nicht mit mehr als 300.000 rechnen könne." Die Provision sollte laut Kerviel im März ausgezahlt werden.

Zu seinen letzten Spekulationen von rund 50 Milliarden Euro gab Kerviel an, bis zum 18. Januar 2008 im Plus gewesen zu sein. Erst an diesem Tag sei er zu Marktschluss ins Minus gerutscht. Er habe über das Wochenende abwarten wollen, wie sich die Marktlage entwickelt, sei aber dann aufgeflogen. "Dass ich am Montag nicht mehr bei der Bank arbeiten würde, war das einzige, was ich nicht wissen konnte", sagte Kerviel.

ssu/AFP



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