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13. Februar 2008, 16:13 Uhr

Verlagskrise

Finanzinvestoren stürzen sich auf US-Blätter

Von , New York

Der US-Zeitungsmarkt schlittert in eine tiefe Krise: Auflagen schrumpfen, Anzeigen schwinden, Kurse stürzen. Bei der "New York Times" kracht es jetzt gewaltig. Ein Hedgefonds hat Anteile an dem Familienverlag gekauft - und drängt auf einen Kurswechsel.

New York - Scott Galloway ist ein etwas anderer Hedgefonds-Manager. Der 43-jährige New Yorker mit dem markanten Dreitagebart, der gerne per Helikopter vom Flughafen zur Wall Street pendelt, tritt schon mal als halbnacktes Model in Modeschauen auf, angetan mit Schottenkilt und Schwert. Und in seinem Nebenjob als Wirtschaftsprofessor der New York University faucht er seine Studenten an. "Er ist ein Arschloch", klagte einer neulich im "New York Magazine". "Aber er zieht."

Dieselbe Haudegenpose nimmt Galloway jetzt auch mit seinem jüngsten Opfer ein - der "New York Times". In der Woche vor Weihnachten begann sein Firebrand-Fonds leise, gemeinsam mit dem Harbinger-Fonds des Firmenjägers Philip Falcone, "NYT"-Aktien aufzukaufen. Zum Jahreswechsel besaßen sie bereits 4,9 Prozent. Diese Woche erhöhten sie ihren Anteil auf 14,3 Millionen Aktien - 9,96 Prozent. Damit sind sie die zweitgrößten Fremdinvestoren an dem Verlag, nach dem Wall-Street-Konzern T. Rowe Price.

Was es mit dieser stillen Machtergreifung auf sich hat, machte Galloway am Wochenende klar - in einem offenen Brandbrief an Verleger Arthur Sulzberger, dessen Familie die "NYT"-Kontrollmehrheit hält, und an Verlagspräsidentin Janet Robinson. "Ich hoffe, Euch geht es gut", begann er, um dann zum Schlag auszuholen: Das Geschäftsmodell der "NYT" wanke, Shareholder-Value werde zerstört, die Tradition journalistischer Exzellenz sei bedroht.

Dann der Paukenschlag: Damit der Verlag einen neuen, profitableren Kurs einschlage, wollten Firebrand und Harbinger vier eigene Direktoren für das "NYT"-Board nominieren. Am Selbstbestimmungsrecht der Sulzbergers solle das nichts ändern, versicherte Galloway: "Es bleibt unsere Absicht, diese Anstrengung im Geiste der Kooperation zu verfolgen." Er schloss mit der höflichen Bitte um Rückruf.

Dieses Jahr wird miserabel

Sulzberger reagierte kühl, zumindest nach außen. "Wie immer sind wir offen für Ideen von unseren Investoren und den Dialog mit ihnen", erklärte Verlagssprecherin Catherine Mathis.

Es ist bereits das zweite Mal binnen kurzer Zeit, dass die bekannteste, wenn nicht beste Zeitung der Welt Gegenstand einer Aktionärsrevolte wird. Vergangenes Jahr war das Wall-Street-Haus Morgan Stanley mit dem Versuch gescheitert, die Zweiklassen-Aktienstruktur bei der "NYT" zu kippen und die Sulzbergers vom Thron zu stoßen. Die Bank hatte ihre Anteile daraufhin abgestoßen. Galloway versucht es nun auf die sanfte Tour: Er will die Mehrheit der Verlegerfamilie nicht antasten, aber trotzdem das Ruder herumreißen - von innen.

Nicht nur deshalb könnten seine Chancen besser sein. Denn wenn letztes Jahr ein schlechtes Jahr für die US-Zeitungsbranche war, dann wird dieses Jahr ein miserables. "Ich bin ein Optimist, aber es ist sehr schwer, den Zustand noch positiv zu sehen", sagte Brian Tierney, der Verleger des "Philadelphia Inquirer", neulich in einem Interview mit - ausgerechnet - der "NYT". "Ich glaube, dass es einige Zeitungen nicht überleben werden."

Harte Worte, doch berechtigt - vor allem aus dem Mund von einem, der sich noch 2006 hoffnungsvoll den größten Verlag Philadelphias gekauft hatte. Die Lage ist, wie selbst die "NYT" jetzt zugab, "ernst wie seit Generationen nicht".

Zyklische und strukturelle Schwächen

Der US-Printmarkt taumelt von einer Krise in die nächste: Auflagen schrumpfen, Anzeigenumsätze schwinden, Kosten steigen, Gewinne brechen ein, Kurse stürzen ab. Aktuell kommt noch die allgemeine Rezessionsangst hinzu. "Die Konjunktur wird dieses Jahr wohl keinen Schub bringen", sagt Frank Anton, CEO des Immobilien-Fachverlags Hanley Wood.

Zyklische und strukturelle Schwächen haben sich zum "perfect storm" vereint. Der kombinierte US-Anzeigenumsatz aus Print und Online sank 2007 um sieben Prozent. Nach Angaben des Branchenverbands Newspaper Association of America (NAA) gab es einen solchen Sturz seit dem Zweiten Weltkrieg nur einmal - während der Rezession 2001. Inflationsbereinigt lag der Anzeigenumsatz im vergangenen Jahr 20 Prozent unter dem von 2000.

Ein Großteil der Werbung - vor allem Stellen-, Auto- und Immobilienanzeigen - ist ins Internet abgewandert, was die Print-Verluste aber nicht wettmachen kann. Nun trifft die Verlage auch noch die Immobilienkrise, weil immer weniger Unternehmen Inserate schalten.

Auflage und Auflagenumsatz sinken schon seit 2003. Davon sind viele der größten Blätter betroffen, darunter die "Los Angeles Times", der "San Francisco Chronicle" und der "Boston Globe" (letzterer gehört zum "NYT"-Verlag). Die "LA Times" liegt mit 800.000 Exemplaren ein Fünftel unter ihrer Auflage vom Jahr 2000.

"Keine Vision für die Zukunft"

Eine Reihe von Fusionen und Transaktionen erschütterten die Branche: Der McClatchy-Verlag ("Sacramento Bee") schluckte Knight Ridder, wuchs so zum zweitgrößten US-Verlag und verscherbelte eine Reihe von Knight-Ridder-Blätter sofort weiter - beispielsweise den "Philadelphia Inquirer" an Brian Tierneys Gruppe. Rupert Murdochs News Corporation erkämpfte sich Dow Jones ("Wall Street Journal") aus der Hand der Verlegerfamilie Bancroft. Großinvestor Sam Zell schnappte sich den Tribune-Verlag ("LA Times", "Chicago Tribune"), dessen Gewinn in den ersten drei Quartalen 2007 um 30 Prozent gefallen war.

Die Folgen bei vielen: Stellenabbau, Unmut, verlagsinterne Turbulenzen. Die "LA Times", deren Redaktion von 1200 auf 900 Journalisten geschrumpft ist, verlor in drei Jahren vier Chefredakteure, unter anderem weil die sich gegen Kürzungen beim Personal sperrten. "Wir haben keine gemeinsame Vision für die Zukunft", schimpfte der jüngste Abgang, James O'Shea, Ende Januar zum Abschied über die Sparpläne des Verlegers David Hiller.

Auch der "San Francisco Chronicle", die "Seattle Times", die "San Jose Mercury News" und selbst die relativ gesunde, auflagenstärkste "USA Today" setzten reihenweise Leute vor die Tür. Der Personalstand der "NYT" liegt um 3,8 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Die "San Diego Union-Tribune" kürzte jetzt mehr als hundert Jobs - ein Zehntel der Belegschaft. Die "Baltimore Sun" schloss ihre letzten Auslandsbüros.

Die Kurse der Verlage erholten sich trotzdem nicht. Im Gegenteil: Die "NYT"-Aktie verlor in einem Jahr fast die Hälfte, der gesamte Dow-Jones-Branchenindex verlor rund 26 Prozent.

"Zeit für einen Wechsel"

Auch die US-Zeitschriften, bisher noch relativ stabil, schlittern langsam in die Krise. Gerade wurden die aktuellen Auflagenzahlen veröffentlicht, eine Reihe von Top-Magazinen musste schmerzhafte Einbußen hinnehmen: "Time" (minus 28 Prozent), "Playboy" (minus zehn Prozent), "Reader's Digest" (minus acht Prozent). Die einzige Zeitschrift, deren Auflage in der zweiten Hälfte 2007 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwei Prozent stieg, war ironischerweise "AARP" - das Zweimonatsblatt des US-Rentnerbundes für seine Mitglieder.

Insider sagen, es könnte fünf bis zehn Jahre dauern, bis sich die Branche stabilisiert - mit weniger kleineren Blättern und, wie die "NYT" klagte, "weniger ambitioniertem Journalismus". Sprich: billigerem Journalismus. Schon kündigte auch die Sun-Times Media Group ("Chicago Sun-Times") Anfang Februar die Suche nach "strategischen Alternativen" an, inklusive "Joint Ventures oder Partnerschaften mit dritten Parteien und/oder den Verkauf der Company".

Solche drastischen Maßnahmen hat Scott Galloway bei der "NYT" nicht vor. Öffentliche Schlachten wie der erfolglose Kampf des Morgan-Stanley-Finanzmanagers Hassan Elmasri gegen die Familienmacht der Sulzbergers seien zwar "nobel", aber "eine Verschwendung von Energie", ließ er verlauten. Dennoch sei der Verlag ein "schwer unterbewerteter Anlageposten". Das Direktorium trage dafür die Mitverantwortung. So müsse die "NYT" viel mehr als bisher investieren, ihre Online-Präsenz ausbauen und sich zugleich auf ihre "Kernwerte" zurückbesinnen.

Einen ähnlichen Vorstoß unternahmen Galloway und sein Partner, Harbinger-Chef Falcone, bei Media General, dem Verlag der "Tampa Tribune". Dessen Board wollen sie drei Direktoren aufzwingen. Der Investor Mario Gabelli, mit 20,9 Prozent größter Aktionär bei Media General, konnte dem Ansinnen nur beipflichten: "Es ist Zeit für einen Wechsel."

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