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21. August 2008, 16:50 Uhr

Verliererregionen

Kindermangel macht Ostdeutschland zu Notstandsgebiet

Die Entvölkerung Ostdeutschlands setzt sich in dramatischem Tempo fort. Bis zum Jahr 2018 werden manche Landkreise mehr als die Hälfte ihrer Einwohner verlieren - davor warnen die Autoren einer neuen Studie. Ihr alarmierender Befund: Selbst Teile der rumänischen Provinz sind zukunftsfähiger.

Berlin - Ostdeutschland blutet aus: Nirgendwo in Europa sind so viele junge Frauen abgewandert. Die künftige Elterngeneration wird ausgedünnt, es kommen weniger Kinder zur Welt und die Bevölkerung überaltert. Zu diesem pessimistischen Ergebnis kommt eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Wissenschaftler stellten insgesamt 285 europäische Regionen anhand von Merkmalen wie etwa Kinderzahl, Einkommen oder Arbeitslosigkeit auf den Prüfstand.

"Deutschland fällt als am deutlichsten gespaltenes Land in Gewinner- und Verliererregionen auf", resümiert Reiner Klingholz vom Berlin-Institut. Oberbayern zählt in der Studie klar zu den Aufsteigern, Sachsen-Anhalt bildet das Schlusslicht. Von 285 untersuchten Regionen in Europa landete das ostdeutsche Bundesland auf Platz 241. Sonst sind in diesem Bereich eher entlegene Gebiete in Rumänien, Bulgarien, Polen oder Süditalien zu finden.

Verglichen hatte das Institut alle 27 EU-Staaten sowie Island, Norwegen und die Schweiz. Auf Platz eins rangiert Island, gefolgt von Stockholm und Oslo. Die beiden letzten Plätze belegen bulgarische Gebiete. Als zukunftsfähigste Regionen Deutschlands folgen nach Oberbayern Freiburg, Tübingen und Stuttgart. Mecklenburg-Vorpommern schneidet nur etwas besser ab als das Schlusslicht Sachsen-Anhalt.

Das Problem zeigt sich besonders deutlich an der Zahl der geborenen Kinder: In Ostdeutschland wie auch in den anderen Problemregionen Europas liegt die Kinderzahl je Frau deutlich unter dem Wert von 2,1, bei dem die Bevölkerung langfristig stabil bleiben würde.

Die Bevölkerungsprognose bis zum Jahr 2030 fällt entsprechend düster aus: Unter den zehn am stärksten vom Schwund betroffenen Regionen Europas liegen mit Sachsen-Anhalt, Chemnitz und Thüringen drei in Ostdeutschland. Institutsdirektor Klingholz nannte Deutschland deshalb das "Pionierland Europas beim demografischen Wandel". Kein anderer Staat habe so starke wirtschaftliche und demografische Verwerfungen zu bewältigen.

In den Jahren 2015 bis 2020 werden verschiedene Einflüsse die Lage verschärfen, sagt die Studie voraus. Bis dahin kommt im Osten die in ihrer Zahl halbierte Nachwende-Generation ins Elternalter, was zu einem weiteren dramatischen Rückgang der Kinderzahlen führen werde.

15 bis 20 Prozent der Bevölkerung werden dann in Rente sein, was Steuerkraft und Kaufkraft weiter reduzieren wird, so die Prognose. Zudem laufen dann die Zahlungen für den Osten aus dem Solidarpakt II aus. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bis 2020 wieder auf 60 Prozent des West-Niveaus sinken werde. 2007 lag es etwa bei 67 Prozent.

Das Fazit der Forscher: "Durch Deutschland verläuft nach wie vor eine Grenze zwischen den Systemen." Die Grenze trennt den hilfsbedürftigen Osten vom Westen. Trotz massiver Subventionen für die neuen Bundesländer sei es bislang nicht gelungen, den Anschluss an den Westen zu finden, heißt es in der Studie.

cvk/Reuters/ddp

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