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BANKEN Verlorene Unschuld

Eine jahrhundertealte Bastion finanzieller Tugendhaftigkeit geriet ins Wanken: Die Bank von England räumte ein, daß sie möglicherweise Betrüger beschäftigt.
aus DER SPIEGEL 22/1976

Die Redensart »So sicher wie die Bank von England«, weiß der Labour-Abgeordnete Marcus Lipton, »ist bis jetzt Bestandteil unseres Sprachschatzes gewesen«. Ob dieses Prädikat für allerhöchste Sicherheit und Seriosität auch künftig seine Klasse behält, erscheint dem britischen Parlamentarier zweifelhaft.

Ende vergangenen Monats hatte die Londoner Zentralbank, seit 282 Jahren untadelige Wächterin über Britanniens Geld- und Währungssitten, einen in der Geschichte des Hauses einmaligen Vorgang öffentlich eingestehen müssen. Die Bank, so ließ die »Old Lady« in Londons Threadneedle Street verlauten, versuche aufzuklären, »ob irgendein Bankbeamter wissentlich an irgendeinem Bruch des Devisenkontrollgesetzes beteiligt war«.

Das Bekenntnis, in Vertrauensstellungen womöglich Betrüger zu beschäftigen, war durch einen Artikel in der Zeitschrift »Private Eye« ausgelöst worden. Nach monatelangen Gerüchten in der City über dunkle Machenschaften innerhalb der im Erdgeschoß fensterlosen Bank von England berichtete das satirische Blatt, ein sehr ranghoher Bankbeamter habe mit Hilfe von zwei kaum weniger prominenten Kollegen durch Manipulationen im Devisenhandel den britischen Fiskus vermutlich um über 500 000 Pfund (2,3 Millionen Mark) betrogen.

Die Chance zum illegalen Währungs-Schnäppchen bieten Großbritanniens schwer zu überwachende Devisen-Kontroll-Vorschriften: Um eine Kapitalflucht ins Ausland zu verteuern, haben Briten, die außerhalb ihrer Insel investieren wollen, die dafür notwendigen Fremdwährungen mit einem Aufschlag von gegenwärtig etwa 50 Prozent gegenüber dem normalen Wechselkurs zu erwerben. Wer also beispielsweise US-Aktien im Wert von 10000 Pfund erwerben will, hat wegen der sogenannten Dollarprämie 15 000 Pfund dafür aufzuwenden. Und wer ein 5000-Pfund-Grundstück in Spanien kaufen möchte, hat 7500 Pfund bereitzuhalten.

Verkauft ein britischer Investor seine mit Prämie erworbenen ausländischen Effekten oder Immobilien wieder und tauscht die erlösten Devisen in Pfund um, so erhält er drei Viertel des Investitions-Zuschlags zurück. Den Rest kassiert Londons Schatzamt.

Die Höhe der »Dollarprämie« hängt von Angebot und Nachfrage auf dem Markt für jene Devisen ab, die für Auslandsinvestitionen benötigt oder aus aufgelösten Kapitalanlagen im Ausland zur Verfügung gestellt werden. Die Größe des Devisentopfs, der für Anlagen jenseits der Grenzen verwendet werden darf, ist von der Bank von England gegenwärtig auf etwa sieben Milliarden Pfund begrenzt.

Beschleunigt sich die britische Kapitalflucht aus dem Pfund -- wie etwa in den vergangenen Monaten wegen der Furcht vor einem weiteren Kursverfall -, steigt die Prämie, die für eine Anlage im stabileren Ausland auf den offiziellen Wechselkurs aufgeschlagen wird.

Damit aber nimmt für Britanniens Pfund-Flüchtlinge auch der Anreiz zu, ihr Geld unter Umgehung des Investitions-Zuschlags im Ausland anzulegen. Vollendet ist der Prämien-Dreh schließlich dann, wenn es gelingt, heim Re-Import des illegal ausgeführten Kapitals 75 Prozent des angeblich gezahlten Zuschlags zu erschwindeln.

Die simpelste Art. zunächst das Geld außer Landes zu schaffen, besteht darin, es im Koffer an den Zollbeamten vorbeizuschmuggeln. Doch ist dieser Weg nicht ungefährlich.

So erhielt der Immobilienhändler Ernest Brauch, der mit Hilfe hübscher Mädchen bis zu eine Million Pfund ins Ausland geschafft haben soll, vor kurzem in London wegen Geldschmuggels eine Gefängnisstrafe. Ende April klagte die Staatsanwaltschaft einen Londoner Filmproduzenten. seine Frau und zwei Belgierinnen an, vor Passieren der Zollkontrolle 100 000 Pfund in ihrem Wagen versteckt zu haben.

Gelingt jedoch der schwarze Geld-Transfer, können die Währungswächter der Bank von England bei Rückführung des Kapitals kaum kontrollieren, ob die Prämie zu Recht oder Unrecht eingefordert wird. Denn die Entscheidung über diese Frage hat die Notenbank »an 250 Banken, an alle Makler der Londoner Börse und etliche Anwaltsfirmen -- Insgesamt fast 40 000 Leute -- delegiert.

Zur Überwachung der Prämien-Transaktionen aber stehen der Bank von England nur 120 Fachleute und dem ebenfalls zuständigen Schatzamt sogar nur 24 Mitarbeiter zur Verfügung. Immerhin ermitteln die Kontrollinstanzen wegen Währungsvergehen gegen die vom Aktienhandel suspendierte Maklerfirma Lewis Altman & Co und gegen die in Liquidation befindliche Bank Thames Guaranty.

Daß nun auch Mitarbeiter der Bank von England durch Fälschen von Prämien-Zertifikaten bei dem Schwindel mitgemischt haben sollen, nahmen die Briten unterschiedlich auf.

Viele Unterhausabgeordnete -- von den Konservativen bis zu Labour -- empörten sich lautstark über die vermutlich verlorene Unschuld ihrer »Old Lady«. »Dies hat das Zeug für den größten Finanzskandal in 50 Jahren«, wetterte Labour-Mann J. M. H. Lee.

Eher amüsant fand dagegen Wirtschaftsjournalist Hamish McBae vom »Guardian« den Fall. »Der Vikar wurde dabei erwischt«, spottete McBae über den Bank-Skandal, »daß er den Kommunion-Wein schlürfte.«

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