Vermögen in Deutschland "Die meisten Superreichen stammen aus der Mittelschicht"

Deutschlands Superreiche werden immer reicher, aber wie leben sie eigentlich? Der Wissenschaftler Wolfgang Lauterbach hat erstmals die Verhältnisse der obersten drei Prozent untersucht. Im Interview erklärt er ihre Welt, wie man aus der Mitte aufsteigt - und warum Unternehmer spendabler sind als Erben.

Corbis

Frage: Professor Lauterbach, mit Ihrer Studie "Vermögen in Deutschland" liefern Sie erstmals eine quantitativ-wissenschaftliche Erhebung über die Welt der Reichen. Wie sind sie denn so, die oberen Zehntausend?

Lauterbach: Für die Studie haben wir rund 500 Haushalte mit einem frei verfügbaren Kapitalvermögen von mindestens 200.000 Euro befragt - also die obersten drei Prozent der Haushalte in Deutschland. Trotz dieses sehr kleinen Ausschnitts sind die Reichen jedoch weit davon entfernt, homogen zu sein. Da gibt es altes Geld, junge Gründer und Lottomillionäre, die sich in Wertvorstellungen und Lebensstil erheblich unterscheiden.

Frage: Aber einige Gemeinsamkeiten wird es doch geben?

Lauterbach: Sicher. Naturgemäß ist das Durchschnittsalter der Reichen recht hoch, ein Großteil ist über 60 Jahre alt. Bildung spielt eine große Rolle - mehr als 70 Prozent haben einen Universitätsabschluss. Und nicht zuletzt ist das Unternehmertum dominierend: Mehr als 60 Prozent der Reichen besitzen eine eigene Firma oder haben eine gegründet. Wer ein Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern hat, für den erhöht sich die Wahrscheinlichkeit reich zu sein gegenüber einem Arbeiter oder Angestellten um das Vierfache.

Fotostrecke

8  Bilder
Top Ten: Deutschlands reichste Reiche
Frage: Mit normalen Jobs, auch wenn man topqualifiziert ist, wird man also nicht reich?

Lauterbach: Es gibt natürlich Ausnahmen wie Top-Manager, Partner großer Beratungsfirmen oder Chefärzte. Doch als Angestellter sind die Chancen eher gering. Auch erben oder heiraten führt weitaus seltener zu einem großen Vermögen als gemeinhin angenommen. Erben macht höchstens reicher: Da, wo schon Geld ist, wird es vermehrt. Unsere Studie aber zeigt, dass mehr als 55 Prozent durch eigener Hände Arbeit reich geworden sind. Und das heißt in den meisten Fällen: durch Gründung eines Unternehmens. Ein hoher Bildungsgrad ist dafür oft eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung.

Frage: Ist die Welt der Vermögenden ein "closed shop" oder gibt es häufiger soziale Mobilität bis an die Spitze?

Lauterbach: Der Aufstieg ist sogar die Regel. 64 Prozent der Befragten stammen aus einem Elternhaus der Mittelschicht. Zählt man die 21 Prozent dazu, die von "ganz unten" aufgestiegen sind, handelt es sich bei stattlichen 85 Prozent der Vermögenden um Aufsteiger. Diese rekrutieren sich jedoch nicht repräsentativ aus der Bevölkerung, sondern stammen eben sehr viel häufiger aus der Mittelschicht, wo mit Bildung und einem gewissen materiellen Hintergrund bereits die Fundamente gelegt wurden.

Frage: Die Mitte als Sprungbrett also?

Lauterbach: In der Tat. Zwar kann die Mittelschicht meist keine derart hohen Vermögen aufbauen. Durch die Weitergabe eines kleineren Vermögens können diese Haushalte aber zum Reichtum der nachfolgenden Generationen beitragen. Der Rest muss selbst erarbeitet werden, denn es zeigt sich: Je niedriger der ökonomische Status der Eltern war, umso wichtiger ist die Erwerbstätigkeit. 60 Prozent der Aufsteiger aus Elternhäusern mit geringem Status haben den Sprung zum Reichtum durch Arbeit geschafft. Im Vergleich zu den anderen Gruppen sind für Personen, die aus weniger gut betuchten Häusern stammen, die eher exotischen Wege zu Reichtum relativ wichtig. Knapp 15 Prozent von ihnen wurden durch Lottogewinne, Börsenspekulationen oder ein glückliches Händchen mit Immobilien vermögend.

Frage: Was machen die Reichen dann mit ihrem Geld?

Lauterbach: Überraschend viele sind sehr stark in Stiftungen oder mit Spenden engagiert. Vier von fünf Reichen geben in irgendeiner Form einen Teil ihres Geldes für gemeinnützige Zwecke. Erstaunlicherweise zeigen die Erben dabei weniger Verantwortungsgefühl als die Gründer und Unternehmer. Wer durch eigene Arbeit reich wurde, der hat oft erfahren, dass es in der Welt nicht immer gerecht zugeht und dass zu seinem Erfolg auch Zufall und Glück beigetragen haben. Deshalb wollen diese Menschen etwas zurückgeben - und helfen etwa jungen Gründern beim Aufbau ihrer Firmen.

Frage: Also keine riesigen Yachten und goldenen Wasserhähne?

Lauterbach: Dieses Klischee trifft nur auf einen Bruchteil der Reichen zu. Überraschend viele führen ein normales bürgerliches Leben als "millionaire next door", wo nicht einmal gute Freunde über die entspannten Vermögensverhältnisse Bescheid wissen. Das hat sicher etwas zu tun mit der Angst vor Neidern, aber vor allem auch mit dem Wissen, dass das Geld in den meisten Fällen eben das Ergebnis harter Arbeit ist. Und dass auch ein Multimillionär nicht vor Verlusten und Pleiten gefeit ist. Gerade als Unternehmer, dessen Vermögen ja meist in der Firma steckt, schwingt das Risiko gedanklich immer mit. Als Faustregel lässt sich formulieren: Erst ab 300 Millionen Euro ist man auf der ganz sicheren Seite. Vermögen dieser Größenordnung lassen sich nicht mehr vernichten.

Das Interview führte Klaus Werle

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.