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HANDEL Verrückte wachsen nicht

Jahrelang war für den größten unter den Billiganbietern, den Massa-Besitzer Karl-Heinz Kipp, alles glattgegangen. Nun kam er in die Klemme.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Kurz vor der entscheidenden Abstimmung des Stadtrats von Wiesloch/Baden wollte Karl-Heinz Kipp, Besitzer der umsatzschweren Massa-Märkte. das Glück auf seine Seite zwingen: Er schenkte einem Schornsteinfeger fünf Mark.

Nach dem Ratsbeschluß am vorletzten Mittwoch, als feststand, daß er seine dreizehnte Filiale vorerst nicht eröffnen darf, haderte der »wahnsinnig abergläubische« Massa-Mann mit seinem Schicksal: »Die 13 war stärker als der Glücksbringer.«

Zuvor schon hatte der Preisbrecher (Umsatz 1975: etwa 1,2 Milliarden Mark) vorsorglich mit einem siebenstelligen Geldbetrag nachhelfen wollen. Falls die Stadtherren von Wiesloch sich bereitfänden, ihre Klage gegen den im benachbarten Hockenheim hochgezogenen Massa-Markt zurückzuziehen, werde er in der Stadt ein 3,3 Millionen Mark teures Hotel bauen.

Die »durch mich eventuell geschädigten Wieslocher Händler« (Kipp) könnten überdies mit einem Drei-Millionen-Scheck rechnen. Doch nichts half: Mit nur einer Gegenstimme beschlossen die Räte, ihre Klage durchzustehen.

Schlecht für Kipp. Seine neueste Konsumkaserne, die 30 Millionen Mark kostete und mit Waren im Wert von zehn Millionen Mark bestückt war, bleibt geschlossen. Denn solange die Wieslocher Ratsherren auf ihrem Einspruch bestehen, gilt das Urteil der Karlsruher Verwaltungsrichter«

Und die hatten dem Massa-Mann die »eigens vom 13. auf den 14, Oktober verlegte« Premiere kurzfristig untersagt. Ihr Argument: Erst einmal müsse dem Widerspruch Wieslochs nachgegangen werden, der Bebauungsplan von Hockenheim entspreche nicht den unlängst erlassenen Vorschriften der Landesplanung.

Unversehens war der Branchenführer unter den Billiganbietern in den Kleinkrieg zweier Kommunen geraten: Hockenheim umwarb Kipp, weil er mit seinen 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche 300 Arbeitsplätze und einen sechsstelligen Gewerbesteuer-Betrag versprach,

Wiesloch stritt gegen Kipp, um seine Kleinhändler zu schützen, deren Kunden vermutlich zum Hockenheimer Großmarkt übergelaufen waren.

Setzen sich die Wieslocher endgültig durch, bleibt Kipp nur ein »kleiner Trost«. Er kann gegen die Gemeinde Hockenheim eine Schadenersatzklage einreichen. Doch das wird dem Vertriebenen kaum weiterhelfen. »Plötzlich bläst der Wind gegen uns. Wo soll ich denn noch eine Baugenehmigung bekommen?«

Denn Kipps Fehlstart mit seinem Supermarkt in der Nähe der Rennstrecke »Hockenheim Ring« gilt vielen Kommunen als Lehrstück, wie sie sich des Handelsgiganten in ihrer Nachbarschaft zum Wohle der alteingesessenen Krämer erwehren können.

Zwölfmal in elf Jahren hatte Kipp, 52, ungehindert von Ratsklagen und Richtersprüchen seine Kaufläden in kleinen Stadtrand-Gemeinden aufstellen können. In nur einem Jahrzehnt brachten Kipp und seine Kollegen wie Leibbrand, Schaper oder Mann ihren Anteil am gesamten Einzelhandelsumsatz von null auf zehn Prozent.

Mit der Aussicht auf hohe Gewerbesteuer-Einnahmen und der Verlockung, ihre Gemeinde mit einer modernen Kaufhalle zu zieren, ließen sich unbedarfte Dorfvorsteher allzu leicht von den gewieften Kaufherren überzeugen.

Dabei zog es die Umsatzmilliardäre am heftigsten in kleine Kommunen im Einzugsbereich kaufkräftiger Großstädte. Noch vor einem Jahr etwa billigten 20 von 22 Räten des ii 000-Seelen-Ortes Eggenstein-Leopoldshafen bei Karlsruhe ohne Absprache mit der nahen Großstadt den Bau eines Massa-Marktes, dessen 22 000 Quadratmeter Verkaufsfläche auf Käufer aus Karlsruhe zugeschnitten ist.

Und noch vor einem halben Jahr, als Kipp seine zwölfte Verkaufsscheune auf einem Acker vor Wiesbaden eröffnete, stauten sich die Autos mit Wiesbadener Nummernschildern bis in die Innenstadt der Landeshauptstadt.

Solche Erfolgserlebnisse werden für Kipp und Kollegen künftig rar werden. Denn die Stadtväter zwischen Flensburg und Garmisch registrieren inzwischen aufmerksam, daß im Sog der mit aggressiver Werbung und tiefen Preisen operierenden neuen Supermärkte, die vom Affen bis zum Zementmischer alles bieten und unterbieten, was der Fachhandel führt, hunderttausend fußkranke Einzelhändler aufgeben müssen und sogar Karstadt- und Horten-Filialen schließen.

Als zur Jahresmitte selbst die drittgrößte SB-Warenhauskette »mehr Wert« dem Wettbewerb und der eigenen Wachstumshysterie zum Opfer gefallen war, schreckten die Parteien hoch. Wenige Monate vor der Bundestagswahl verfügten zahlreiche Landesregierungen Erlasse gegen den Wildwuchs der Branche und die Willkür der Gemeinden. Bremen reglementierte jeglichen Flächenzuwachs. Bayern übertrug die Genehmigung von Großmärkten mit mehr als 10000 Quadratmetern überregionalen Behörden.

Seinen ersten Verbrauchermarkt mit nur 400 Quadratmetern Verkaufsfläche hätte Kettengründer Kipp allerdings auch heute noch sicher durch die Verwaltungsinstanzen gebracht. Er entdeckte schon im Jahre 1965. vor allen Konkurrenten. die Marktnische und bot im pfälzischen Alzey Kleider aus der eigenen Fabrik zu Großhandelspreisen feil. Die zweijährige Rezession 1966/67 brachte dem Billiganbieter den Durchbruch: Seine Angebote waren nun gefragt. Ende 1973 besaß er bereits sechs Filialen, die 700 Millionen Mark umsetzten.

Mit rüden Methoden, straffem Personaleinsatz und brutaler Kostensenkung verdoppelte er in den letzten zweieinhalb Jahren seinen Umsatz. Heute schlägt Kipps Konzern soviel um wie Flicks Feldmühle oder Willy Korfs Stahlgruppe.

Nur Kipp übersieht die Details des Geschäfts: Nicht einmal seine zwölf Spitzenmanager kennen die trickreichen Finanzierungsmodelle, mit denen der Chef sein in der Eigenkapital-Ausstattung (knappe 40 Millionen Mark) zurückgebliebenes Unternehmen steuert.

Eine Hausbank hält er sich nicht. Um sein Expansionsprogramm flott abwickeln zu können, verbündete sich der Handelsherr aus der Pfalz je nach Standort mit verschiedenen Banken.

Anders als etwa der Versandhändler Josef Neckermann kann Kipp seinen Kreditgebern die stattliche Umsatzrendite von etwa 1,5 Prozent vorzeigen. »Und jede Mark Gewinn«, beteuert er, »habe ich wieder reingesteckt.« Laut Computer-Ausdruck visiert Kipp bis Jahresende einen Gewinn vor Steuern und Abschreibung von 27 Millionen Mark an.

Dabei blieb der Umsatzriese vergleichsweise bieder. Er wohnt in einem Anbau neben seinem ersten Supermarkt und trimmt sich einziger sichtbarer Luxus -- in eigener Schwimmhalle und auf eigenem Tennisplatz.

Um so einfallsreicher war er, als es galt, den Lieferanten niedrige Preise und hohe Rabatte abzupressen: Allein an »Skonti«, »Boni« und »Aktionszuschüssen« kassiert Kipp in diesem Jahr rund 30 Millionen Mark.

Der alarmierte Markenartikelverband in Wiesbaden zählt die geballte Einkaufsmacht aus Alzey denn auch« »zu unserem Dauerkunden« (Hauptgeschäftsführer Gerhard Gries). Zur Inventur am Jahresultimo, für das Auspacken und Einsortieren der Ware, für Regalputzen und Preisauszeichnung -- stets verstanden es Massa-Manager, ihre Lieferanten einzuspannen und Personal zu sparen.

Wann immer Kartellamt und Verbandsklagen droben, gibt sich der Massa-Boß, der jeden Dienstag seine zwölf Marktleiter zusammenruft und in seinen Filialen selbst die Klosetts kontrolliert, unschuldig und ahnungslos. Die »Ausrutscher« seiner Subalternen werde er unverzüglich rügen.

Dafür wird er künftig genügend Zeit haben. Denn nach Hockenheim droht nun auch sein vierzehntes Massa-Projekt in der rheinischen Provinzstadt Siegburg zu scheitern. Getreu dem Wieslocher-Modell verschafften sich letzte Woche mehrere Nachbargemeinden ein Rechtsgutachten. Falls die Stadt Siegburg nicht ihre vorläufig erteilte Baugenehmigung zurückzieht, wollen die Ratsherren aus der Umgebung klagen.

Er werde sich wohl, seinem Sohn Ludwig, 27, zuliebe, »um die Stärkung der Eigenkapital-Decke« kümmern, versprach Kipp. Denn: »In einer so verwalteten Welt werden Verrückte wie ich nicht mehr wachsen.«

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