Verschwörungstheorien der Wirtschaft Der Krieg gegen den Euro

Wenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Warum die USA den Euro vernichten wollen.

Euro-Münze: Gefahr für die Vorherrschaft des Dollars?
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Euro-Münze: Gefahr für die Vorherrschaft des Dollars?

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Die Theorie

Es muss irgendwann 2008 oder 2009 gewesen sein, als den Amerikanern der Euro zu stark wurde. Der Anteil der europäischen Gemeinschaftswährung an den weltweiten Devisenreserven war seit 2002 stetig gestiegen - nun schwächte die Immobilien- und Finanzkrise in den USA den Dollar weiter. Selbst die Erdölmächte dachten inzwischen laut darüber nach, ihr Öl doch lieber in Euro statt Dollar abzurechnen. Die US-Währung drohte ihre unangefochtene Vormachtstellung in der Finanzwelt zu verlieren.

Das konnte die amerikanische Hochfinanz nicht hinnehmen. Deshalb setzte sich eine Gruppe aus Politikern und Bankern das Ziel, den Euro zu zerstören. Als wichtigstes Instrument dienten ihr dabei die heimischen Rating-Agenturen. Ihren Urteilen folgten Investoren in aller Welt. Wenn sie also nur energisch genug die Euro-Zone schlechtredeten, würden die Anleger ihr Geld lieber wieder in Dollar anlegen.

Der Angriff begann im Dezember 2009. Kurz hintereinander senkten die Rating-Agenturen Fitch und Standard & Poor's ihre Bonitätsnoten für Griechenland. Erstmals seit Start der Währungsunion verlor ein Euro-Land seinen A-Status. Von da an ging es ständig nach unten - nicht nur für Griechenland. 2010 nahmen die Amerikaner Portugal und Irland ins Visier, 2011 folgten Spanien und Italien. 2012 zweifelten die Bonitätswächter sogar Deutschlands Kreditwürdigkeit an.

Die Strategie der Amerikaner hat Erfolg: Investoren aus aller Welt haben ihr Geld aus der Euro-Zone abgezogen. Ende 2009 war der Euro noch 1,50 Dollar wert, heute dümpelt er unter 1,30 Dollar. Amerikanische Hedgefonds wetten sogar auf den Zerfall der Währungsunion - und verschlimmern so die Krise.

Was steckt dahinter?

Die Theorie vom amerikanischen "Krieg gegen den Euro" hat es von den Rändern des Internets bis in die große Politik geschafft. Ob FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle oder Unions-Fraktionsvize Michael Fuchs - alle wittern sie die amerikanische Attacke gegen den Euro.

"Die haben uns den Währungskrieg erklärt", schimpft der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok - und spricht geheimnistuerisch von "starken Kräften in den USA, insbesondere aus der Finanzwirtschaft", die "die Euro-Zone zerschießen" wollten. Sogar in der US-Regierung gebe es viele, denen "ein geteiltes, weniger einflussreiches Europa lieber" wäre, sagt Brok.

Dass sich mit solchen Theorien nicht nur Wahlen gewinnen, sondern auch Bücher verkaufen lassen, weiß Dirk Müller. Der ehemalige Börsenhändler hat seinen früheren Job hingeschmissen und verdingt sich seitdem als Buchautor und Talkshow-Gast. "Ich bin mir sicher, dass die amerikanischen Rating-Agenturen in enger Abstimmung mit der amerikanischen Regierung stehen, die wiederum selbst seit vielen Jahren von der Wall Street dominiert wird", darf Müller dort verkünden. In seinem Buch erklärt er dann, wie Anleger sich gegen die amerikanische Übermacht schützen können.

Wie viele Verschwörungstheorien hat auch diese einen kleinen, wahren Kern. Tatsächlich sind zumindest zwei der drei großen Rating-Agenturen mehrheitlich in der Hand amerikanischer Investoren. Standard & Poor's gehört zum Medienkonzern McGraw-Hill, am Konkurrenten Moody's ist unter anderem der US-Investor Warren Buffett beteiligt. Die dritte Agentur, Fitch, gehört allerdings nur zur Hälfte dem amerikanischen Medienkonzern Hearst Corporation. Die anderen 50 Prozent hält die französische Holding Fimalac.

Das war es dann aber auch schon größtenteils mit dem wahren Kern. Ansonsten gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Rating-Agenturen es mit Europa besonders böse meinten. Die größte unter ihnen, Standard & Poor's, hat schließlich sogar den USA im vergangenen Jahr die Höchstnote AAA entzogen.

Zudem bleibt die Frage, welches Interesse die USA überhaupt an einem schwachen oder gar zerfallenden Euro haben sollten. Ein starker Dollar-Kurs jedenfalls hilft ihnen nicht dabei, ihr gewaltiges Leistungsbilanzdefizit zu verringern. Und ein Kollaps der europäischen Währungsunion würde der Weltwirtschaft vermutlich einen Schock versetzen, der auch die USA treffen würde. Nicht zuletzt deshalb drängt US-Präsident Barack Obama die Europäer immer wieder zu entschlossenem Handeln.

Und wenn es doch wahr wäre?

Stellen wir uns einmal vor, im Weißen Haus in Washington säße kein amerikanischer Präsident, der sich demnächst damit beschäftigen muss, wie er seine Wahlversprechen einlöst, sondern ein Weltschurke, wie es ihn früher in den guten, einfachen James-Bond-Filmen gab. Dieser Mann, nennen wir ihn Barack Blofeld, hat also einen Plan: Er will dieses verdammte Europa vernichten, weil er fürchtet, dass die schönen Dollars, die er im Inneren eines erloschenen Vulkans auf einer Karibikinsel drucken lässt, in der Welt nicht mehr so bewundert werden und stattdessen alle diese Euros haben wollen.

Barack Blofeld hat eine gewaltige Maschinerie aufgebaut, um sein Ziel zu erreichen: Er hat sich mit den Chefs der amerikanischen Großbanken verbündet - alte Studienfreunde aus Harvard, die seinem Willen gehorchen. Auf den Cayman Inseln hat er zudem 200 Hedgefonds gegründet und sie mit einem gewaltigen Startkapital ausgestattet (die Druckerei im Vulkan, Sie wissen schon). Auch die Rating-Agenturen hören auf sein Kommando.

Im Weißen Haus hat Blofeld eine geheime Kommando-Zentrale eingerichtet. Dort sitzt er vor einem riesigen Touchscreen, auf dessen rechter Seite der aktuelle Euro-Dollar-Kurs zu sehen ist. Links befindet sich ein Häufchen Icons. Drückt er auf das gelbe Icon mit dem Dreifach-A, erscheint ein Menü, in dem er auswählen kann, welche seiner Rating-Agenturen welches Euro-Land runterstufen soll. Tippt er hingegen das grüne Icon mit den Dollar-Scheinen an, werden seine Hedgefonds aktiv und platzieren Wetten gegen den Euro - höchst effektiv.

Die stärkste Geheimwaffe von Barack Blofeld versteckt sich jedoch hinter dem roten Icon mit dem Akropolis-Logo: Tippt er darauf, öffnet sich ein Menü mit den Köpfen der griechischen Regierungskoalition. Mit ein bisschen Fakelaki hat Blofeld die wichtigsten Parteiführer gekauft und kann ihnen nun nach Belieben Befehle erteilen. Immer, wenn die Koalition gerade wieder dabei ist, sich auf ein neues Sparpaket zu einigen, wählt Blofeld einen Parteichef aus, der quer schießt und die Einigung verhindert.

Die Strategie ist erfolgreich. Zuerst fliegt Griechenland aus dem Euro raus, dann zerbröselt langsam der Rest der Währungsunion. US-Schurke Blofeld hat Grund zum Feiern: Seine Dollars sind in der ganzen Welt wieder gefragt. Nur der amerikanischen Wirtschaft geht es irgendwie nicht mehr so gut, die Weltkonjunktur lahmt. Das muss an der drohenden Vormachtstellung des chinesischen Renminbi liegen, denkt Blofeld - und schmiedet einen Plan...



insgesamt 98 Beiträge
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tromsø 04.11.2012
1. Herrlich böse
Genau wie die Griechen die Nordeuropäer für ihre Malaise beschuldigen, so gibt ein Grossteil den Amis Schuld für das €-Desaster. Anstatt anzuerkennen, dass sie selbst diese geballte Inkopetenz gewählt haben, die den dümlichen € eingeführt haben und unter allen Umständen weiterführen werden. Gut, nach Jahrzehnten der EU-Propaganda ist das Gehirn halt weichgekocht. Bin aber in den letzten 2 Wochen überrascht, wie deutsche Leitmedien vermehrt den €, die EU und die eigenen Pappenheimer hinterfragen. Weiter so, nur bissiger
Misha 04.11.2012
2. Ich finde ...
Zitat von sysopDPAWenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Warum die USA den Euro vernichten wollen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/verschwoerungstheorien-der-wirtschaft-krieg-gegen-den-euro-a-865017.html
... es seltsam, daß die US-Ratingagenturen acht Jahre Zeit brauchten zu erkennen, daß Griechenland wirtschaftlich doch nicht so stark ist, wie es in den EURO-Beitrittsverhandlungen angegeben hat. Ich selbst ahnte es von Anfang an. Diese Latenz macht mir echt zu schaffen, wo man heute doch innerhalb von einer Sekunde an den Börsen schnellstmöglich reagieren kann (oder in der Achterbahn sitzt). Genau das ist der Grund für die Skepsis gegenüber der US-Hochfinanz. Und dieser Artikel geht darauf nicht ein - er fällt auf das "Feigenblatt" von Standard & Poor's herein, welche die USA ein klein wenig herunterstuften - um ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Die Glaubwürdigkeitslücke der Ratingagenturen beträgt ziemlich genau acht Jahre.
vhe 04.11.2012
3. Gruselig
Zitat von sysopDPAWenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Warum die USA den Euro vernichten wollen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/verschwoerungstheorien-der-wirtschaft-krieg-gegen-den-euro-a-865017.html
Stefan hat schon recht, wenn der Euro schwach ist, haben die Amis mit uns dasselbe Problem wie mit den Chinesen. Hey - neue Verschwörungstheorie: Die Amis drängeln uns nur deshalb zur Lösung der Eurokrise, damit der Eurokurs steigt und die Ami-Lohnkosten wieder konkurrenzfähig werden!
kundennummer 04.11.2012
4. klapp klapp klapp
ha ha. Haben wir wohl beim beim guten Rotwein mit anderen treuen heldenhaften Kämpfern gegen Wasserwerfer gesessen und bei zu wenig Frischluftzufuhr "den Verschwöhrungsspinnern" mal wieder ordentlich einen verpasst. Wo bleibt denn das Stück "Verschwöhrungstheorie der Wissenschaft: Die Erde dreht sich um die Sonne"?
peterfleischhauer 04.11.2012
5. Nebelkerzen
Verschwörungstheorien dienen dazu von den wahren Umständen abzulenken, bzw, plausible Theorien zu diskreditieren. Kennedy wurde erschossen, weil er die FED entmachten wollte, die nachfolgenden Präsidenten waren nur die Lakaien der Weltschurken. Diese Weltschurken wissen genau, dass jedes Fiat-Geldsystem endlich ist, deshalb horten sie ja auch (Deutsches) Gold.
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