Verschwörungstheorien der Wirtschaft Wie Disney unsere Jugend verdirbt

Mit unmerklich eingeblendeten Sexbotschaften will uns der Disney-Konzern vom Pfad der christlichen Tugend abbringen. Das behaupten zumindest Verschwörungstheoretiker. Andere sagen: Die versteckten Filmbilder sollen unseren Cola-Durst anstacheln.
Pocahontas: Verdorbene Sexbotschaften?

Pocahontas: Verdorbene Sexbotschaften?

Foto: ddp images

Die Theorie

Die idyllischen Zeichentrickfilme von Disney haben laut kirchlichen Kritikern ein dunkles Geheimnis. Gutmütige Eltern, unschuldige Kinder: Sie alle wüssten nicht, dass der Konzern sie in Wahrheit mit subliminalen, also nur unbewusst wahrnehmbaren, Sexbotschaften manipulieren wolle.

Dort, im "König der Löwen", am Sternenfirmament: Prangt da nicht das Wort "Sex"? Und dieser Aladdin: Der rubbelt im gleichnamigen Disney-Film doch nicht nur energisch an seiner Wunderlampe, flüstert er nicht auch den Kindern zu, sie sollten sich die Kleider vom Leib reißen? Und dort, bei "Arielle - Die Meerjungfrau": Bekommt der Priester in der Hochzeitsszene bei genauem Hinsehen nicht eine Erektion?

Verschwörungstheoretiker sagen: Die zuckersüßen Cartoon-Figuren seien in Wahrheit nur Lockvögel. Disney sei in Wahrheit ein dunkles Medienreich. Ein Teufelskonzern, der seine Meinungsmacht zur Verbreitung unzüchtiger Propaganda nutze. Der versuche, Christentum und traditionelle Familienwerte gezielt zu schmähen und unsere unschuldigen, leicht formbaren Kinder auf eine neue, okkulte Weltordnung einzustellen.

Anzeige

Christian Rickens (Hrsg.):
Das Glühbirnen-
Komplott

Verschwörungstheorien - und was an ihnen dran ist.

KiWi-Taschenbuch; 224 Seiten; 8,99 Euro.

Buch bei Amazon - Das Glühbirnenkomplott: Die spektakulärsten Verschwörungstheorien - und was an ihnen dran ist Buch bei Amazon - Das Glühbirnenkomplott: Die spektakulärsten Verschwörungstheorien - und was an ihnen dran ist (Kindle) SPIEGEL-ONLINE-Reporter haben mehr als 30 Verschwörungstheorien auf Herz und Nieren geprüft, unter anderem:
• Die Herrschaft der Illuminaten: Das Auge auf dem Dollarschein 
Aspartam: Das süße Gift
• Enteignung durch Währungsreform: Nur Gold ist sicher
• Der Fall Barschel: Die verräterischen Spuren der Waffenhändler
• US-Zentralbank: Die Fed als Marionette der Finanzmafia
Flouride: Gefahr aus der Zahnpasta-Tube
• Geplanter Murks: Produkttod - pünktlich nach Garantieablauf
Bilderberg-Konferenz: Das Kartell der Macht 
• Schweine-Anus als Tintenfischring: Analimari Fritti
• Profiteure des Terrors: Wie Mitwisser an 9/11 verdienten
• Heute Weihnachtsmann, morgen Osterhasi: Umgeschmolzene Schoko-Figuren

Weitere Hinweise darauf liefert ein gewisser Scott A. Johnson in einem 65-seitigen Vorlesungsskript  namens "Disney - Handlanger des Teufels". Darin ist unter anderem zu lesen, dass sich dem Unternehmen zahlreiche antichristliche und familienfeindliche Filme zuordnen ließen:

  • Im Disney-Film "Santa Clause" werde die Rufnummer einer tatsächlich existierenden Sex-Hotline eingeblendet.

  • Der Film "Dogma", der ursprünglich von Disney vertrieben werden sollte, würde das Christentum verballhornen.

  • Und der Indianerfilm "Pocahontas" unterschlage absichtsvoll die "historische Tatsache, dass sich die Titelheldin vom Heidentum zum Christentum bekehrte".

So vehement vertraten die Christen-Aktivisten ihre Theorien, dass dem Disney-Konzern sogar das "Wall Street Journal" für eine Weile investigativ auf den Fersen war. Wie nicht anders zu erwarten, wies Disney alle Unterstellungen zurück.

Die cineastischen Sittenwächter aber ließen sich nicht beirren. Unermüdlich sammelten sie neue angebliche Beweise, wie unser Denken, ja, wie die Bedürfnisstrukturen ganzer Gesellschaften von subliminalen Botschaften in Film und Fernsehen geprägt werden. Und sie stießen dabei auf eine noch viel größere, noch viel unglaublichere Verschwörung: Nicht nur Disney nutze solch perfide Techniken, sondern auch noch haufenweise andere Konzerne griffen zu ihnen.

Immer mehr subliminale Botschaften trugen die wachsamen Rechercheure zusammen. Und sie veröffentlichten sie in Form von Bild-Collagen  auf YouTube, untermalt mit Musik aus "The Matrix"  oder den düsteren, dramatischen Mollakkorden des Kronos Quartetts ("Requiem for a Dream"). In schnell geschnittenen Sequenzen lernen wir, wie Cola- und Chips-Hersteller ihre Produkte mit Penisbotschaften aufsexen oder McDonald's in Werbevideos Dollarnoten versteckt - zum Beispiel in den Salatblättern eines Big Mac. Die Russen sollen in einer Bierwerbung gar subliminal Pepsi angepriesen haben.

Das scheint Ihnen jetzt wenig sinnvoll? Na gut, uns auch.

Was steckt dahinter?

Im Falle Disneys: nichts. Die Sternenkonstellationen im "König der Löwen" ähneln bei genauerem Hinsehen höchstens den Buchstaben SFX. Die angebliche Erektion des Priesters in "Arielle" ist in Wirklichkeit ein Knie. Und Aladdin sagt nicht etwa "All good teenagers, take of your clothes", wie kirchliche Kritiker behaupten, sondern "Scat, good tiger, take of and go".

Die Disney-Verschwörungen sind wohl eher den Gehirnen myopischer Mystiker entsprungen als den Katakomben, die sich angeblich unter Disneyland befinden. Übrigens: Dort vermuten manche Spinner noch immer den 1966 verstorbenen Firmengründer Walt Disney. Sie sind überzeugt, dass er sich in Wahrheit in kryonischen Tiefschlaf hat versetzen lassen, um in einer technologisch und gesellschaftlich weiterentwickelten Welt der Zukunft leben zu können.

Nun gut, sagen Sie, das widerlegt aber noch nicht die generelle Behauptung, dass Konzerne uns mit subliminalen Botschaften bombardieren. Dass sie zumindest aus kommerziellem Interesse versuchen, in unsere Gehirne einzudringen. Tatsächlich wurde immer wieder versucht, solche Werbeformen umsatzsteigernd in Filmen, TV-Serien oder Radiobeiträgen zu platzieren. Allerdings mit fragwürdigem Erfolg.

Im Jahre 1957 wurde die Welt auf das Phänomen erstmals näher aufmerksam. Damals behauptete ein gewisser James Vicary , er habe unschuldige Jugendliche mit unmerklich eingeblendeten Einzelbildern in Filmen zu erhöhtem Popcorn- und Cola-Konsum angestachelt. Später kam heraus, dass Vicary nur neue Kunden für seine Werbeagentur Subliminal Projektion gewinnen wollte - die eben solche Werbung anbot.

Nachahmungstäter gab es dennoch. Und so führten Wissenschaftler bald Studien zur Wirkung subliminaler Botschaften durch. Diese Studien kamen überwiegend zu dem Schluss, dass solche Werbebotschaften nichts bewirken. Die Wissenschaftler schrieben das Thema ab und schauten fortan jeden schief an, der sich weiter damit beschäftigte.

Seit einigen Jahren aber erlebt das Thema eine Renaissance. Es gibt jetzt neue Studien, die zeigen, dass unterschwellige Werbung Entscheidungen eben doch beeinflussen kann, zumindest in begrenztem Rahmen. So wählten durstige Probanden an der Universität Nijmegen öfter ein Getränk aus, das ihnen zuvor einige Millisekunden in einem Film gezeigt worden war. Ohne Durst indes verpuffte der Effekt. Die unterschwellige Botschaft müsse ein vorhandenes Bedürfnis stimulieren, schlussfolgerten die Wissenschaftler.

Dann funktioniere sie sehr wohl. Allerdings sei der manipulative Effekt selbst dann stark begrenzt.

Und wenn es wahr wäre?

Sechs Uhr. Feierabend. Kalle kam nach Hause.

Entkleidet öffnete Cora die Tür.

XXL, dieses Babe, dachte er. Sie gingen nach oben.

Cottbus war schwül in dieser Nacht.

Oben in den Fenstern kopulierten füllige Leiber.

Leere Straßen, die Kirchen niedergebrannt.

Auf der Welt lebten jetzt 40 Milliarden Menschen.

Blau schimmerte der Sarkophag

Im Tunnel unter der Stadt.

Endlich, dachte König Disney. Nun kommt die Zeit der

Rache.

Und, spüren Sie was?

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".