Versicherungen Boom der Entführungspolicen

Geiselnahmen in der Türkei, vor der Küste Somalias und jetzt in Ägypten - auch Deutsche sind häufig Ziel von Entführungen. Ein möglicher Grund: Sie gelten wegen hoher Lösegeldzahlungen als lukrative Beute. Assekuranzen bieten mit Blick auf die Millionensummen vermehrt Kidnapping-Versicherungen an.

Von Petra Sorge


Hamburg - Die Befreiung der fünf deutschen in Ägypten entführten Geiseln könnte teuer werden. Berichten zufolge fordern die Kidnapper von der Regierung sechs Millionen Dollar. Es wäre wohl nicht das erste Mal, dass der Staat hohe Summen für Entführungsopfer zahlt. Nach offizieller Lesart gibt es derartige Zahlungen nicht. Die Liste der Fälle, in denen Lösegeldzahlungen in Millionenhöhe im Spiel gewesen sein sollen, ist dennoch lang: So bei einem Mitglied der Göttinger Familie Wallert, die im Jahr 2000 von muslimischen Rebellen auf der südphilippinischen Insel Jolo festgehalten wurde, so wahrscheinlich bei den im Irak verschleppten Leipziger Ingenieuren René Bräunlich und Thomas Nitzschke im Jahr 2006, so vermutlich auch im Juni bei dem deutschen Paar, dessen Segelboot vor Somalia von Piraten gekapert wurde.

Sicherheitskräfte in Somalia: Hilflos gegenüber Entführern
AFP

Sicherheitskräfte in Somalia: Hilflos gegenüber Entführern

Die hohen Lösegelder machen Deutsche zum Ziel von Kidnappern - ein Teufelskreis, der ein Randprodukt der Versicherungsbranche interessanter machen könnte: die Entführungsversicherung. Deutschland gehört zu den fünf Ländern mit dem höchsten Anteil an Geschäftsleuten im Ausland. Seit Februar müssen sich Opfer einer Entführung an den Kosten ihrer Befreiung selbst beteiligen. Grund genug für viele Firmen, sich nach einer Versicherung für ihre Mitarbeiter umzusehen.

Noch in den neunziger Jahren konnten sie Lösegeldpolicen, die hierzulande als unmoralisch galten, nur bei amerikanischen oder britischen Assekuranzen abschließen. Das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen, der Vorgänger der Bankenaufsicht (Bafin), befürchtete, dass Erpressungen zunehmen würden, wenn die Opfer vertraglich gesichert wären.

1998 sah sich die Bafin durch die international gängige Praxis gezwungen, ihre Sperre aufzuheben. Seitdem können Unternehmen und Privatpersonen die sogenannten Kidnap-&-Ransom-Versicherungen erwerben. Rundumabdeckung inklusive: Krisenberatung, Verlust von Lösegeld, ärztliche Kosten und die teils horrenden Honorare der Lösegeldübergeber, die nicht selten bis zu einer Million Euro als Gebühr einbehalten.

Die Branche ist zu absoluter Vertraulichkeit verpflichtet. Werbung für dieses hochsensible Produkt ist verboten, die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden soll nicht gefährdet werden. Ein Sprecher des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE dazu nicht äußern.

Wachstumsraten von bis zu 20 Prozent

In den vergangenen Jahren verzeichnete die Branche ein starkes Wachstum von 15 bis 20 Prozent. Die wichtigsten Anbieter in Deutschland sind die Allianz, HDI Gerling, Chubb und die Nassau Versicherung. Die Aon Crisis Management vom Versicherungsmakler Aon Jauch und Hübener vermittelt derartige Policen. Besonders mittelständische Firmen, die in Hochrisikogebieten Geschäfte machen, interessieren sich für deren Angebote.

Die nachgefragten Versicherungssummen tendieren zwischen fünf und 15 Millionen Euro. "Für jedes Unternehmen wird die Prämie individuell angepasst und richtet sich nach Region und Anzahl der Mitarbeiter. Wenn ein mittelständischer Kunde zwei bis drei Personen in Hochrisikoländer schickt, variiert sie zwischen 10.000 bis 15.000 Euro", sagt Frederik C. Köncke, Deutschlandchef der Aon-Sparte.

Die maximale Deckungssumme beträgt 50 Millionen Euro bei einer durchschnittlichen Prämie von 50.000 Euro - das können sich natürlich nur die wenigsten Mittelständler leisten. Jedes Jahr muss erneut über die Verträge verhandelt werden - auch das eine Vorgabe der Bafin. Für jedes Unternehmen gibt es Codenamen, und maximal zwei bis drei Personen sind eingeweiht. Wie viele Kunden Aon hat, wollte Köncke nicht sagen. Nur eines: Auch Privatpersonen und Familien können gegen den Extremfall vorsorgen.

Im Bereich der Seeschifffahrt hat die Nassau Versicherung derzeit Hochkonjunktur. "Wir verkaufen sehr viele Policen gegen die Piraterie am Golf von Aden", sagt Wolfgang Dinzen, Direktor der Abteilung Krisenmanagement. Kein Wunder - vor der Küste Somalias gibt es laut Internationaler Seefahrtsbehörde (IMB) die meisten Angriffe und Geiselnahmen von Piraten. Die Nassau erhält nicht nur Anfragen von deutschen, sondern auch von skandinavischen oder britischen Reedereien.

Entführungsindustrie in Mexiko

Neben Afrika liegen die Hochrisikoländer in Südamerika und im arabischen Raum. In Mexiko, das als eines der gefährlichsten Länder gilt, wird im Schnitt jeden Tag ein Mensch entführt. Professionelle Banden spionieren das Privatleben reicher Familien aus. Experten zufolge sind Geiselnehmer in südamerikanischen Ländern häufig korrupte Polizisten, die ihr Gehalt aufbessern wollen.

In solchen Ländern aktive Firmen, die ihre Mitarbeiter versichern wollen, erhalten zudem auch eine intensive Krisenschulung. Walfried O. Sauer von der Result Group ist ein solcher Risikoberater, der mit den beiden führenden Versicherungen Allianz und HDI Gerling zusammenarbeitet. In Seminaren erfahren die Reisenden alles über die Risiken vor Ort, es werden schon im Voraus Krisenstäbe gebildet. "Wir sprechen vorher alles ganz genau ab: Wo sind die Schwachstellen im Unternehmen? Wie muss ich mich im Notfall verhalten? Wer ist dann zuständig, auch an Feiertagen? Das Schlimmste wäre, wenn die Abläufe nicht funktionieren", erklärt Sauer. Ein Unternehmen könne nicht durch eine Entführung lahmgelegt werden, deshalb müsse ein Notfallplan klar die internen Verantwortlichkeiten klären.

Das Geschäft boomt. Durch die Zunahme an Entführungen und die intensive Medienberichterstattung interessierten sich mehr und mehr Firmen für die Kidnap-and-Ransom-Policen. Die Folge: Immer mehr Anbieter steigen in dieses Geschäft ein. "In den letzten Jahren gibt es in der Branche einen massiven Preisverfall", so Sauer, "diese Versicherungen sind schon ein Massenprodukt."

Der Wettbewerb zwingt die Anbieter, mit ihren Prämien immer weiter herunterzugehen. Vor zehn Jahren mussten manche Firmen noch 30.000 bis 40.000 Euro für eine kleinere Police berappen. Heute sind sie für etwa ein Viertel dessen zu haben, schätzt Sauer. Womöglich drücken die aktuellen Entführungen die Preise noch weiter nach unten.



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