Versicherungen Terrorschäden höher als angenommen

Bisher waren Branchenexperten davon ausgegangen, dass durch die Anschläge in Amerika auf die Versicherer eine Schadenssumme von 20 Milliarden Dollar zukommt. Inzwischen zeichnet sich ab, dass diese Schätzung wohl zu tief gegriffen war.


Aufräumarbeiten in Manhattan: Riesige Versicherungsschäden
AP

Aufräumarbeiten in Manhattan: Riesige Versicherungsschäden

Melbourne/London - Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) geht davon aus, dass die Schadenssumme weiter steigen wird. Das teilte die Agentur am Donnerstag in einer Telefonkonferenz aus Melbourne mit. Keinesfalls seien bislang alle Kosten erfasst worden.

Es sei zu früh, die Gesamtkosten zu beziffern. Die bislang ermittelte Summe stelle weniger als 10 Prozent der Branchenkapitalisierung von 280 Milliarden Dollar dar, so S&P. Falls die Kosten 50 Milliarden US-Dollar überstiegen, würde sich das auf das Rating-Profil der Versicherungsunternehmen auswirken. Seit dem 11. September seien 20 Versicherungsunternehmen wegen der negativen Auswirkungen auf die Beobachtungsliste ("CreditWatch") gesetzt worden. Das bedeute jedoch nicht, dass den Unternehmen Probleme hinsichtlich der Zahlungsfähigkeit drohten.

Auch das Rating-Unternehmen Moody's rechnet damit, dass die Anschläge sich auf die Bonität einiger Unternehmen auswirken können. "Die meisten in der Branche gehen davon aus, dass sich der Schaden auf 25 bis 35 Milliarden Dollar belaufen wird", sagte Mark Hewlett, Managing Director für Versicherungen bei Moody's gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Gefährdet sind vor allem kleinere Versicherer

Nach Ansicht von Hewlett besteht für Industrie-Dickschiffe wie Allianz Chart zeigen, Münchner Rück Chart zeigen oder Schweizer Rück Chart zeigen kaum das Risiko, herabgestuft zu werden. "Probleme werden vor allem kleine Firmen bekommen, deren Rating wackelt", so der Moody's-Mann. Sobald auch nur kleine Zweifel an der Bonität eines Versicherers aufkämen, würde das Geschäft wegbrechen. "Das kann man sich so vorstellen wie bei der Swissair. Würden Sie von denen noch ein Ticket kaufen? Wohl kaum."

Grafik: Der größte Versicherungsschaden aller Zeiten?
DER SPIEGEL

Grafik: Der größte Versicherungsschaden aller Zeiten?

Mark Hewlett hält es für wahrscheinlich, dass es bei kleinen und mittelgroßen Versicherern zu Pleiten kommt. "Da könnte es zu einer Konsolidierung kommen", so der Experte. "Speziell kleinere Rückversicherer werden sich schwer tun, ihr seit den Anschlägen gestiegenes Risiko an ihre Kunden weiterzugeben."

Anders bei den großen Spielern der Branche: Sowohl Moody's als auch S&P gehen davon aus, dass speziell die Flaggschiffe der Branche die Versicherungsprämien erhöhen werden, um innerhalb kurzer Zeit ihre Verluste wieder auszugleichen. Mehrere Versicherungen hatten bereits kurz nach den Anschlägen "Terrorklauseln" in bestehenden Verträgen mit den Fluggesellschaften gekündigt. "Man darf sich nichts vormachen", so Hewlett von Moody's, "2001 wird ein grässliches Jahr für die Versicherer. Mittelfristig wird das erhöhte Risiko jedoch das Geschäft ankurbeln - zumindest für die Großen."



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