Verstaatlichung in Venezuela El Presidente greift nach der Bank

Öl, Strom, Telekommunikation - Venezuelas Präsident Hugo Chávez verstaatlicht Schlüsselbranchen im großen Stil. Nun greift der Linkspopulist auch die Bankenbranche an - die nächste Etappe beim Aufbau des von ihm propagierten sozialistischen Staates.

Von Thomas Wagner, Caracas


Einen Mangel an Visionen wird man Hugo Chávez sicher nicht vorwerfen können. Der eigenwillige Staatschef des Karibik-Anrainers Venezuela träumt vom Aufbau eines sozialistischen Musterlandes in Südamerika. Dabei ist der Freund und Vertraute des kubanischen Revolutionsführers Fidel Castro kaum zu bremsen - vor allem wenn es um die Verstaatlichung gesunder Privatunternehmen geht. Neuestes Objekt der Begierde: die Banco de Venezuela, einer der größten Geldkonzerne des Karibiklandes.

Venezuelas Präsident Chávez: "Wir holen uns die Reichtümer zurück"
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Venezuelas Präsident Chávez: "Wir holen uns die Reichtümer zurück"

"Die Bank schreibt hohe Gewinne, aber (die Besitzer) tragen sie davon. Wir wollen uns die Bank zurückholen und in den Dienst der Venezolaner stellen", verkündete Chávez jüngst in einer landesweit ausgestrahlten Fernseh- und Radioansprache. "Wir sind ein Land, das sich seine Reichtümer zurückholt." Das Geld kann Chávez gut gebrauchen. Mehr als zehn Milliarden Dollar hat er in den vergangenen Jahren in Sozialprogramme gesteckt.

(Noch-)Eigentümer der Banco de Venezuela ist seit 1996 die von Madrid aus agierende Santander-Gruppe. Das nach Marktkapitalisierung größte Kreditinstitut der Eurozone ist eines von vielen spanischen Unternehmen mit Tochterfirmen in dem Karibikland. Die engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der einstigen Kolonialmacht und dem Ziehkind in Südamerika wurden allerdings vor acht Monaten von einem diplomatischen Zwischenfall gestört.

Beim Iberoamerika-Gipfel Ende 2007 in Chile palaverte Chávez - für seine Marathonreden und sein loses Mundwerk berühmt-berüchtigt - so lange, bis der spanische Monarch Juan Carlos I. ihm mit einem wenig vornehmen "Warum hältst du nicht den Mund?" in die Parade fuhr. Der venezolanische Staatschef reagierte äußerst erbost und drohte sogar mit der Ausweisung spanischer Firmen. Bei einem Treffen vor einer Woche auf Mallorca gaben sich die Streithähne dann versöhnlich. Chávez neue Verstaatlichungspläne könnten das Verhältnis zu Spanien aber erneut belasten.

Die Santander-Gruppe suchte für die venezolanische Tochter in den vergangenen Monaten bereits einen Käufer. Die Gespräche mit einem Interessenten scheiterten allerdings am Chavez-Veto, der nun selbst das Kreditinstitut schlucken will. Santander reagierte wenig begeistert, wie Chávez in seiner Rede zugab. "Sie sagten, dass sie nicht am Verkauf interessiert sind, und ich habe ihnen gesagt, dass ich kaufen will und das werde ich tun", kündigte er mit gewohntem Selbstbewusstsein an.

Prall gefüllte Staatsschatulle

Der venezolanische Staat nennt schon heute mehrere Kreditinstitute sein Eigen. Mit der Banco de Venezuela käme die drittgrößte Bank des Landes mit Spareinlagen in Höhe von fast acht Milliarden Euro unter die Aufsicht der Regierung. Mit seinem jüngsten Coup setzt Chávez seine jahrelange Politik der Nationalisierung fort. 2007 hatte der erklärte Gegner des liberalen Freihandels bereits die größte Telefongesellschaft und den bedeutendsten Stromversorgers des Landes verstaatlichen lassen.

In diesem Jahr ging die Einkaufstour aus der Staatsschatulle dann weiter: Zunächst wurde der Aluminiumhersteller Sidor nationalisiert, danach drei ausländische Zementunternehmen. Gleichzeitig setzte Chávez die ausländischen Teilhaber an der Erschließung von Ölfeldern im Orinoko-Delta vor die Tür.

Den Kaufrausch möglich macht der drastisch gestiegene Preis des Schwarzen Goldes. Seit Jahrzehnten hängt das Opec-Mitglied Venezuela am Tropf des staatlichen Ölkonzerns Pdvsa. Die Preisexplosion am Ölmarkt füllt nunmehr die Staatskassen gleich mit. Allein im ersten Quartal 2008 kletterte der Pdvsa-Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 80 Prozent auf 3,451 Milliarden Dollar. Entsprechend unbeschwert kann Chavez kann auf Einkaufstour gehen.

Experten kritisieren die Verstaatlichungswelle als wirtschaftlich fragwürdig. "Chávez glaubt, dass der Staat die Schlüsselsektoren in seiner Hand haben muss. Dieses Denken ist überholt", urteilt Daniel Lahoud. Der Wirtschaftsprofessor an der Privat-Uni Andrés Bello sieht Wettbewerbsdefizite bei den Staatskonzernen: "Eine Privatfirma schließt einfach Bereiche, die nicht rentabel sind. In einem Staatskonzern gibt es aber immer politische Motive, die das wirtschaftliche Handeln beeinflussen." Das gehe auf Kosten der Effizienz.

Internationale Großkonzerne auf der Flucht

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Chavez-Firmen gar nicht oder allenfalls mit zeitlicher Verzögerung in die Bilanzen schauen lassen. Es fällt allerdings auf, dass Beschwerden über den schlechten Service beim Telefonriesen Cantv seit der Nationalisierung zunahmen. Der staatliche Energieversorger Electricidad de Caracas machte mit Stromausfällen Schlagzeilen.

An anderer Stelle lassen sich deutlicher negative Folgen der staatlichen Übernahmepolitik nachvollziehen. Internationale Großkonzerne haben Venezuela vermehrt den Rücken gekehrt: So verlegten die Gillette und Procter & Gamble ihre Produktion nach Kolumbien, Fiat baute seine Fabrik in Brasilien neu auf.

Eines gestehen seine Kritiker dem venezolanischen Präsidenten allerdings zu: "Chávez hat im Zuge der Nationalisierung den Aktionären stets einen fairen Preis gezahlt", sagt Lahoud. Und genau darüber, über den Kaufpreis für die Banco de Venezuela, werden die Regierung in Caracas und der Eigentümer in Madrid nun auch reden müssen.



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