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Transport Viel baggern

Mit fernöstlichen Rikschas wollen Kleinunternehmer deutsche Innenstädte erobern. Ihr Hauptproblem: Die Kunden genieren sich.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Wolln Se mal, kostet nichts«, ruft Mahmut Nouri, 36, den Fußgängern auf der Frankfurter Zeil hinterher. Mit der Gratisofferte versucht er, Kunden für sein dreirädriges Gefährt zu gewinnen.

Die einen lächeln milde, die anderen gucken nur ungläubig, die meisten winken ab. Nur selten wird an diesem Tag ein Passant zum Passagier. Zu exotisch mutet die aus Fernost importierte Rikscha an, die Nouri als alternatives Taxi preist.

Von den Startschwierigkeiten will die aus Iran eingewanderte Familie Nouri sich nicht entmutigen lassen. Während Mahmut Nouri den Fahrdienst organisiert, sitzt sein Vater Nasser Nouri, 64, im Hinterhof der Rikschawerkstatt und plant große Geschäfte: Bis zu 6000 Fahrradrikschas zu rund 5000 Mark pro Stück möchte der Teppichhändler in den nächsten zwei Jahren aus Peking nach Deutschland importieren. Das fernöstliche Alltagsgefährt, prophezeit er, werde auf Frankfurts Straßen richtig populär werden.

Auch andernorts setzen Kleinunternehmer auf die jin-riki-sha, das Mensch-Kraft-Fahrzeug, als alternatives und umweltfreundliches Transportmittel im innerstädtischen Verkehr. In Thailand, Indonesien, Indien und China gehören Rikschas zum gewohnten Straßenbild. In München, Frankfurt, Köln und Berlin stehen die Dreiräder neuerdings als alternative Exoten für Kneipenbummler und Touristen bereit.

Rund 80 Rikschas aus dem Fuhrpark der Nouris rollen an sonnigen Wochenenden durch Frankfurt und Umgebung. In Köln läßt Johannes Wittig, 36, seine Vehikel als Touristenattraktion »um den Dom cruisen«.

Roderich Busch, 39, aus München hat sich mit seiner thailändischen Rikscha auf Auftragsfahrten für Reisebüros und Event-Firmen spezialisiert. Gern liefert er auch den passenden Fahrer zum Gefährt. Da muß dann schon mal ein chinesischer Student einspringen, um den Kunden das gewisse imperiale Fahrgefühl zu vermitteln.

Das ganz normale Transportgeschäft kommt bei den Jungunternehmern überall nur schwer in Gang. Vielen Kunden ist es schlicht peinlich, von einem Menschen per Muskelkraft befördert zu werden. Wenn dann noch ein Ausländer sich abstrampelt, gilt die Tour schnell als politisch unkorrekt. »Fördern Sie die Leichtlohngruppe im eigenen Land«, spottet die Berliner Tageszeitung.

Im Messebetrieb kann sich Christoph Fay, Sprecher der Messegesellschaft Frankfurt, die Rikschas daher auch nicht vorstellen. »Das paßt nicht zu unserer kulturellen Identität«, sagt er, »wir haben da ein Zuordnungsproblem.«

Genau das bekommen die mit viel Euphorie gestarteten Jungunternehmer zu spüren: »Man muß schon viel baggern«, sagt Rikschabetreiber Wittig, »um die Leute überhaupt zum Einsteigen zu bewegen.«

Zu seinen Hauptkunden zählen Frischvermählte, die er vom Standesamt abholt und durch die Stadt kutschiert. Am Hochzeitstag ist eben auch in Deutschland alles erlaubt.

Der smarte Jungunternehmer Ludger Matuszewski, 33, aus Berlin will den Ausnahmestatus nicht länger akzeptieren. Matuszewski, vormals Projektentwickler bei Daimler, plant von Ostern 1997 an einen Fahrradtaxibetrieb im Berliner Stadtzentrum.

Seit April 1994 fährt sein Kompagnon Jens Grabner, 28, mit rund zehn Rikschas vor allem Touristen am Brandenburger Tor spazieren. Auch er glaubt, daß nur ein Konzept ohne »Asien-Folklore« funktionieren kann.

Für seine Velotaxi GmbH hat Matuszewski deshalb von Industriedesignern ein neuartiges High-Tech-Gefährt mit modernster Bautechnik entwickeln lassen, das mit einer Rikscha soviel gemeinsam hat wie ein Trekkingbike mit einem Holland-Rad.

Eine separate Fahrgastkabine für zwei Personen, sieben Gänge, ein Differentialgetriebe, Hydraulik-Scheibenbremsen und eine Spezialfederung gehören zur Grundausstattung. Mit dieser modernen Variante der Rischka plant Matuszewski sogar einen Linienbetrieb auf fünf Strecken in Berlin. Vom Ku'damm bis zum Alexanderplatz, also quer durch die vereinigte City, sollen seine Rischkas rollen.

Eine einfache Fahrt wird 3,70 Mark pro Person kosten. Fünf bis zehn Fahrradtaxen will er im ersten Jahr auf Tour schicken. Erstmals sollen die Velotaxen im Oktober bei der »InnoTrans«, der Internationalen Messe für Verkehrstechnik, rollen.

Auch die Stadt Berlin unterstützt das ungewöhnliche Projekt. »Das wird eine Attraktion wie die Fiaker in Wien«, prophezeit der zuständige Referatsleiter für Verkehrstechnologie im Berliner Senat, Horst Rösgen.

Nouri hat sich etwas einfallen lassen, um das Geschäft in Frankfurt anzukurbeln. In Zusammenarbeit mit einer Blind-date-Vermittlung will er liebeshungrige Singles in seine Rikschas locken. Durch das Gerüttel im Gefährt, so sein Kalkül, »kommen die Leute sich gleich näher«.

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