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Spekulation Viel Hoffnung, kaum Gewinn

Die Finanzjongleure der Wall Street sind scharf aufs Internet: Junge Softwarefirmen, die den Einstieg ins Netz erleichtern, boomen.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Die beiden Frustrierten lernten sich per E-Mail kennen. Jim Clark hatte genug von der Computerfirma Silicon Graphics, deren Gründer und Chairman er war. »Ich will eine neue Firma aufmachen«, tippte der erfahrene Manager in seinen Computer: »Sollen wir uns mal zum Reden zusammensetzen?«

Der Empfänger der Botschaft zögerte nicht. Marc Andreessen hatte die Nase voll vom Herumjobben. »Na klar«, lautete die elektronische Antwort.

Silicon-Valley-Manager Clark und Softwarefreak Andreessen gründeten im Frühjahr 1994 die Erfolgsfirma des elektronischen Zeitalters - Netscape. Kein Unternehmen der amerikanischen Wirtschaft wird derzeit so heiß gehandelt wie diese Softwareschmiede. Unter der Regie von Andreessen entwickelte Netscape ein Programm, mit dem Laien sich ohne Probleme im Internet bewegen können, eine sogenannte Browser-Software.

Die Aktien der jungen Internet-Firma, die 500 Mitarbeiter beschäftigt und im vergangenen Jahr kaum einen Pfennig Gewinn erwirtschaftet hat, schnellten an der Börse in New York nach oben. Um die fünf Milliarden Dollar ist die Internet-Klitsche aus Mountainview im Silicon Valley den Börsianern mittlerweile wert, mehr als der Computerhersteller Apple.

Längst beflügelt das Netz die Phantasie von Ökonomen, Managern und Börsianern. Junge Garagenfirmen werden wie zu Beginn des PC-Zeitalters über Nacht bekannt - und ihre Gründer reich. Das Silicon Valley erlebt einen neuen Boom. Und Aktien von Internet-Unternehmen sind das derzeit heißeste Spekulationsobjekt - obwohl die Firmen bisher kaum Gewinne erwirtschaften.

Allein in Nordamerika nutzen heute schon 24 Millionen Menschen das Internet, weltweit sollen es schon 40 Millionen sein. Die Internet-Fans verschaffen sich per Telefonleitung und Modem aus aller Welt Nachrichten, versenden digitale Post, oder sie unterhalten sich mit Partnern rund um den Globus.

Praktisch über Nacht ist das Datennetz, das 1969 vom US-Verteidigungsministerium als Informationsmedium für Wissenschaftler eingerichtet wurde, zum weltweiten Kommunikationsmedium für jedermann geworden. »Die gesamte Computerwelt war von der Schnelligkeit überrascht, mit der sich das Internet ausbreitet«, meint Rick Stenze von der Marktforschungsgesellschaft Dataquest.

Die Finanzexperten der Wall Street sind völlig vernarrt in das neue Netz und stürzen sich mit Begeisterung auf die Aktien von jungen Internet-Firmen. An nur einem Tag im Dezember schossen die Aktien von Netmanage um 30 Prozent in die Höhe. Die kleine Firma, die Internet-Software herstellt, hatte nur mitgeteilt, daß sie gemeinsam mit Microsoft an Software für das Internet arbeiten will.

Die Macromedia-Aktien stiegen am selben Tag um 16 Prozent. Die Chip-Firma LSI Logic legte an jenem Datum um 11 Prozent zu, nur weil sie behauptet hatte, mit ihren Chips sei eine Nutzung des Internets über den Fernseher möglich.

Doch kein Unternehmen wird derzeit so heiß gehandelt wie die Clark-Andreessen-Gründung Netscape, die mit ihrer Browser-Software völlig überraschend den Markt für das neue Medium erst richtig öffnete.

Schon wird Andreessen, der diese Bestseller-Software austüftelte, wegen seines Erfolgs als der neue Bill Gates gehandelt. Allein an jenem Tag im August, an dem die Netscape-Aktie an die Börse kam, verdiente der junge Mann mehr als 50 Millionen Dollar.

Das Netscape-Papier schoß in wenigen Minuten von 28 auf über 70 Dollar. Heute liegt die Börsennotierung sogar schon bei rund 130 Dollar. Damit hat sich das Vermögen des jungen Software-Talents Andreessen noch einmal verdoppelt.

Jim Clark, der Mentor und Chef von Netscape, wurde sogar zum ersten Internet-Milliardär. Der Run auf Netscape-Aktien hat sein Anfangskapital von ursprünglich vier Millionen Dollar mittlerweile verdreihundertfacht.

Die Kurse von Internet-Aktien setzen alle bisher bekannten Regeln der Wall Street außer Kraft. Der Netscape-Börsenwert ist heute 120mal so groß wie der Umsatz der Firma. Spyglass, eine andere Neugründung, die Internet-Software anbietet, wird sogar mit dem 136fachen seines Umsatzes bewertet.

Daneben nimmt sich der bisherige Börsenschlager Microsoft, der seinen Gründer Bill Gates im Laufe von 20 Jahren zum reichsten Unternehmer der Welt machte, geradezu bescheiden aus. Der Börsenwert des Marktführers für Computersoftware liegt mit 53 Milliarden Dollar über dem Achtfachen des Jahresumsatzes.

Trotz des wilden Internet-Booms gibt es immer noch Leute, die das Fieber steigern. »Das Internet wird unterschätzt«, meint etwa Abishek Gami, Analyst von Duff & Phelps Equity Research. Das Marktforschungsinstitut Hambrecht & Quist prognostiziert kühn, daß Internet-Produkte in den nächsten fünf Jahren einen Markt von 23 Milliarden Dollar entstehen lassen werden.

Die Euphorie der einen ruft wie von selbst den Mahner auf den Plan. »Das ist eine einzige Luftblase«, warnt Burton Malkiel, Wirtschaftsprofessor der angesehenen Princeton University: »Viele, die ihr Geld in diese Aktien gesteckt haben, werden sich schwer verbrennen.« Y

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