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RAUMFAHRT Viel Lyrik

Soll Bonn sich mit Milliarden am Bau einer bemannten amerikanischen Weltraumstation beteiligen? Die Regierung muß bald darüber entscheiden. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Kurz vor Weihnachten trübte Post aus Washington dem Bonner Bundeskanzler etwas die Festfreude. »Dear Helmut« solle doch endlich, drängelte Briefschreiber Ronald Reagan, sein Männerwort vom Londoner Weltwirtschaftsgipfel einlösen.

Damals im Juni hatte Helmut Kohl dem US-Präsidenten beim Frühstück versprochen, die Deutschen würden sich gemeinsam mit anderen europäischen Ländern am Prestigeobjekt einer ständigen, bemannten US-Raumfahrtstation beteiligen. Diese Zusage, verlangt Reagan jetzt, müsse endlich durch einen Kabinettsbeschluß bestätigt werden.

Seit Monaten schiebt Kohl die Erfüllung des US-Wunsches vor sich her. Immer wieder nahm er das heikle Thema, das auch die Beziehungen zu Frankreich berührt, von der Tagesordnung seiner Ministerrunde. Mit gutem Grund, denn im Kabinett herrscht Streit über das Reagan-Angebot: Die Präsenz im All wird die Bundesrepublik mindestens drei Milliarden Mark kosten.

Jetzt muß die Entscheidung unter Zeitdruck fallen. Nicht nur Reagan drängt. Am 30. Januar wollen die EG-Forschungsminister von ihrem Kollegen Heinz Riesenhuber in Rom hören, wie hoch hinaus die Bundesregierung im Weltraum will.

In Rom soll die Entscheidung fallen über *___die Weiterentwicklung der europäischen Trägerrakete ____Ariane unter der Federführung der Franzosen; Kosten für ____Bonn: etwa 1,3 Milliarden Mark; *___die europäische Beteiligung an der bemannten ____US-Raumfahrtstation unter deutscher Federführung; ____Kosten für Bonn: mindestens drei Milliarden Mark.

Nicht nur Reagan, auch Frankreichs Präsident Francois Mitterrand fordert mit Nachdruck die deutsche Teilhabe an der US-Station. Für die Franzosen ist die Arbeitsteilung von Vorteil. Sie haben bei der weniger kostspieligen Ariane, die vielleicht sogar in die Nähe der Wirtschaftlichkeit kommen könnte, das Sagen. Und über die Deutschen sichern sie sich preiswert den Zugang zu dem amerikanischen Weltraumprojekt.

Der Bau der Ariane 5 mit einem neuen Hochleistungstriebwerk ist nicht mehr umstritten. Riesenhuber, der ursprünglich mit 30 Prozent dabeisein wollte, ließ sich durch den Finanzminister auf 22 Prozent drücken. Dadurch entgeht der deutschen Industrie wahrscheinlich ein interessanter Auftrag: die Turbopumpe für den flüssigen Sauerstoff zu bauen. Das sollen nun die Italiener übernehmen, die überraschend 15 Prozent zeichneten.

Riesenhuber nimmt das gelassen hin. Italien habe nur diese Turbopumpe als Beitrag anbieten können, und für die Bundesrepublik bleibe noch genug. Dieser Rest, eben rund 1,3 Milliarden Mark bis 1995, will der Minister auch aus dem eigenen Etat bezahlen.

Anders steht es mit den Kosten für Kohls Zusage an Reagan. Zwar lobt Riesenhuber in einem Entwurf für eine Kabinettsvorlage das Weltraumprojekt in den Himmel. Er nennt aber neben wirtschaftlichen fast ausschließlich politische Gründe: die »unmittelbare Bedeutung für das deutsch-französische Verhältnis«, »die Integration Europas«, »die Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten« und die »Stellung Europas in der Welt«.

Hinter der Politik-Lyrik verbirgt Riesenhuber seine Abneigung gegenüber der teuren bemannten Raumstation. Die wissenschaftlichen Aufgaben ließen sich, so glaubt der Minister, viel billiger mit unbemannten Raumstationen erledigen. Deshalb will Riesenhuber zu Reagans »Columbus«-Projekt auch nur in der Vorbereitungsphase, in diesem Jahr, 27 Millionen Mark aus dem eigenen Haushalt beisteuern. Die großen Beträge, jährlich rund 500 Millionen in der Folgezeit, müsse Stoltenberg anderswo zusammenbringen.

Riesenhubers Begründung: Vor allem »schwerwiegende Motive allgemeinwirtschaftlicher und politischer Natur« sprächen für die Erfüllung der amerikanischen Wünsche. Deshalb dürfe dieses Projekt nicht auf Kosten »anderer wichtiger _(In einem Modell der US-Raumfähre ) _("Columbia«, 1983. )

Schlüsseltechnologien, der Grundlagenforschung ... und der indirekten Forschungs- und Technologieförderung« seines Ministeriums gehen.

Der Chef des Bundesministeriums für Forschung und Technologie (BMFT) hat seine Truppen gut gestaffelt. Im Dezember, als Reagans Brief einging, erhielt der Kanzler auch ein Fernschreiben, das die Präsidenten der sechs wichtigsten wissenschaftlichen Gesellschaften der Bundesrepublik, von der Max-Planck-Gesellschaft bis zur Arbeitsgemeinschaft der Großforschungseinrichtungen, unterzeichnet hatten.

»Mit Entschiedenheit« protestierten die Professoren gegen die Absicht, das Weltraumprogramm »ganz oder überwiegend aus dem Haushalt des BMFT zu finanzieren«. Das Projekt habe »mit Wissenschaft und technologischer Forschung« nur indirekt zu tun. Es handele sich vielmehr um Aufwendungen, »die der Stärkung der internationalen Beziehungen sowie der Entwicklung von Systemen für die Telekommunikation für Verteidigungszwecke und für eine spätere wirtschaftliche Nutzung zugerechnet werden müssen«.

Riesenhuber gewann nicht nur die Professoren für seine Sache, auch in der CDU/CSU-Fraktion fand er Verständnis. Die faßte vor Weihnachten zwar einen Beschluß, in dem die bemannte Weltraumfahrt und die Zusammenarbeit mit den USA begeistert gefeiert wird. Doch die Resolution enthielt die für Riesenhuber entscheidende Klausel, daß die Kosten nicht aus seinem Etat geschnitten werden dürften.

So schnell allerdings gab Stoltenberg nicht auf. Im Fraktionsvorstand setzte er die Streichung der Finanzklausel durch. Er versprach, bald eine neue Formulierung anzubieten. Das ist, zum Ärger des Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger, bislang nicht geschehen.

Nun sollen die beiden Minister bis zur Kabinettssitzung am 16. Januar einen Kompromiß finden. Das wird Wunden hinterlassen, die sich schon in wenigen Monaten als unnötig erweisen könnten.

Denn so sehr Reagan drängt, unumstritten ist sein insgesamt acht Milliarden Dollar teurer Weltraumehrgeiz auch in den USA nicht. Das »Amt für Technologie-Folgen-Abschätzung« (OTA) hat den Plan vor einem Jahr vernichtend kritisiert. In einem neuen Gutachten hielten die OTA-Wissenschaftler der US-Weltraumbehörde Nasa nun vor, ihre Ziele seien mit einer billigeren Version zu erreichen. Womöglich entdeckt auch der Kongreß Reagans Weltraumluxus für den Rotstift.

Aber selbst wenn es bei dem Beschluß bleibt und Bonn seine Teilhabe zusagt, will Riesenhuber sich noch ein Schlupfloch für einen Rückzug offenhalten.

In seinem Kabinettsentwurf steht, das ganze Projekt müsse nach der zweijährigen Vorbereitungsphase noch einmal zur Disposition gestellt werden.

In einem Modell der US-Raumfähre »Columbia«, 1983.

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