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CHEMIE Viel Spielraum

Mit einem Milliarden-Zukauf in den USA rückt der Chemie-Konzern Hoechst ganz nach vorn. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Es war, als würde ein Brotfabrikant ein Wohnungsunternehmen kaufen - ein Milliarden-Coup, streng geheim. Nicht einmal die Hausbanken waren informiert.

Monatelang arbeiteten Wolfgang Hilger, Vorstandsvorsitzender des Chemie-Konzerns Hoechst, und einige seiner Spitzenleute an ihrem Plan unter dem Decknamen »Projekt Delta«.

Ende Oktober drängte Hilger dann zur Eile: Einige Spürnasen an der New Yorker Börse hatten das »Projekt Delta« entdeckt.

So wurden die Abkommen rasch unterzeichnet und vergangene Woche die Einzelheiten publik gemacht: Zum Preis von fast sechs Milliarden Mark übernimmt Hoechst die Celanese Corporation, den sechstgrößten Chemie-Konzern der USA. Es ist der größte Brocken, den sich jemals eine deutsche Firma einverleibt hat.

Hilger zahlt den freien Aktionären in den USA 245 Dollar pro Aktie. Bis zum 3. Dezember soll so die Mehrheit des Celanese-Kapitals zusammenkommen. Weil die Offerte aus Frankfurt noch um zehn Prozent über dem Höchstkurs der vorletzten Woche liegt, zweifeln weder die deutschen noch die amerikanischen Partner daran, daß die Aktionäre das Angebot annehmen werden.

Käufer Hilger, in der Branche als ein zurückhaltend formulierender Mann bekannt, lobte seine gelungene Operation als »Punktlandung«. Celanese sei eine »gesunde, ertragsstarke und vor allem hervorragend gemanagte Firma«.

Durch den Zukauf in Übersee wird Hoechst zur Nummer eins in der deutschen Chemie, vor den Rivalen Bayer und BASF. Weltweit ist nun nur noch der US-Multi Du Pont stärker - und das allein deshalb, weil die Amerikaner im Ölgeschäft sehr aktiv sind und die Dollarschwäche den Umsatz der Deutschen in den USA trotz steigender Mengen drückte.

Es ist kein Zufall, daß ein deutscher Chemie-Konzern die Firma Celanese erwirbt. Die drei Chemie-Giganten suchen seit Jahren nach immer neuen Möglichkeiten, ihr Geld für Wachstum einzusetzen.

Niemals zuvor in ihrer gut 120jährigen Geschichte waren Hoechst, Bayer und BASF so auf Erfolgskurs wie in den letzten Jahren. Jeder der drei Multis setzte 1985 zwischen 43 und 48 Milliarden Mark um und verbuchte Gewinne (vor Steuern) von rund drei Milliarden Mark.

Bayer und BASF vor allem haben bereits reichlich in amerikanische Fabriken investiert. Sie setzen darauf, daß die USA auf absehbare Zeit der größte Chemiemarkt der Welt bleiben werden.

Hoechst lag da bislang hinter den Konkurrenten weit zurück. Mit einem Amerika-Umsatz von 1,7 Milliarden Dollar schafft das hessische Unternehmen nur halb soviel wie Bayer oder BASF.

Nach der Übernahme der Celanese Corporation, die rund drei Milliarden Dollar umsetzt und 18500 Mitarbeiter beschäftigt, ist Hoechst künftig auch in den USA unter den Deutschen Nummer eins. Der viertgrößte Faserproduzent der Welt und größte Anbieter von technischen Polyesterfäden in den USA paßt mit einem Teil seiner Produktionspalette bei Hoechst gut ins Programm.

Das gilt etwa für technische Fasern, die Celanese in großen Mengen herstellt. Gerade hier, so Hilger, »erwarten wir neue Impulse für unser Geschäft«.

Doch Fachleute rätseln, wie Hoechst in vielen anderen Bereichen die Verbindung mit Celanese gewinnbringend nutzen kann. Rund 40 Prozent ihres Umsatzes erzielt Celanese mit Chemikalien und Basisstoffen zur Herstellung beispielsweise von Celluloseacetat, aus dem Zigarettenfilter gefertigt werden. Große Zuwachsraten sind bei den chemischen Grundstoffen nicht zu erwarten, der Wettbewerb ist hart.

Die New Yorker Firma gilt bei amerikanischen Fachleuten als nicht besonders gut diversifiziert. Außerdem drohen im Bereich Textilfasern Schwierigkeiten.

Wegen der Krise in der US-Landwirtschaft nämlich wird der Baumwoll-Absatz staatlich gefördert, zudem klagt die amerikanische Textilindustrie über Absatzprobleme. Amerikanische Broker kritisieren, das New Yorker Management habe zuwenig Geld in die Entwicklung neuer Produkte gesteckt.

Trotz des derzeit günstigen Dollar-Kurses ist Celanese auch nicht gerade ein preiswerter Einkauf. Ende 1984 notierte die Aktie des Chemie-Konzerns an den amerikanischen Börsen noch mit 70 Dollar, vor dem Übernahmeangebot lag der Kurs bei 218 Dollar.

An der Hausse hat der Konzern selbst mitgedreht. Celanese deckte sich - was in den USA im Gegensatz zu Deutschland erlaubt ist - mit eigenen Aktien ein. Seit 1984, schätzen New Yorker Broker, habe der Konzern rund 30 Prozent der eigenen Aktien erworben.

Hilger jedoch ist sicher, den rechten Griff getan zu haben. Daß der amerikanische

Markt seine Eigenheiten hat, weiß er aus der Erfahrung der Konzern-Tochter American Hoechst, die jetzt Celanese übernimmt. Doch damit hofft er fertig zu werden.

So will Hoechst die amerikanischen Manager in der neuen Konzernfirma mit viel Spielraum arbeiten lassen. »Wir werden die«, verspricht Hilger, »nicht wie ein Bär umarmen.«

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