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Manager Viel zu schnell

In einem Unternehmensplanspiel üben russische Führungskräfte den Kapitalismus ein. Ergebnis: viele Pleiten.
aus DER SPIEGEL 42/1993

Gerade haben die Hersteller von Kopiergeräten die Planungen fürs nächste Geschäftsjahr abgeschlossen, da erschreckt sie eine böse Nachricht. »Japaner sind überraschend mit Billigprodukten auf den Markt gekommen«, warnt der Branchenverband per Telefax seine Mitgliedsfirmen.

Die Unternehmen reagieren rasch. Fast alle senken ihre Preise, weil sie fürchten, sonst von den Konkurrenten aus Fernost verdrängt zu werden.

Doch das stellt sich als böser Fehler heraus. Das Verschleudern der Geräte bringt den heimischen Herstellern so hohe Verluste ein, daß sie unmittelbar vor dem Kollaps stehen. Wieder einmal haben die Japaner, so scheint es, durch eine gezielte Attacke einen wichtigen Markt erobert.

In dieser Situation greift Jürgen Kleine-Wilde ein. Mit Hilfe staatlicher Zuschüsse gelingt es ihm, die scheinbar unausweichliche Massenpleite abzuwenden.

Das fällt ihm leicht. Richtiges Geld braucht Kleine-Wilde nicht, und um echte Unternehmen geht es auch nicht: Es ist alles nur ein Spiel, das russischen Führungskräften die Tricks und Tücken der Marktwirtschaft vorführen soll. Kleine-Wilde kommt aus Mannheim und ist Unternehmensberater. In den tristen Räumen eines ehemaligen Schulungszentrums für Gewerkschaftsfunktionäre in Golitsino nahe Moskau hat er 100 russische Führungskräfte versammelt; fünf Tage lang plagen die sich mit Problemen aus einer anderen Welt, mit dem Unternehmensspiel »Topsim«.

»Ein Planspiel ist wie ein Zug, der durch die verschiedenen Bereiche der Betriebswirtschaftslehre rollt«, sagt Spielleiter Kleine-Wilde. Für die Teilnehmer des simulierten Konkurrenzkampfes ist dieser Zug viel zu schnell. Begriffe wie Marketing-Mix, Corporate Identity, Produkt-Relaunch oder Cashflow rauschen an ihnen vorbei.

In einem Staat, in dem bislang Bürokraten die Produktion, die Preise und die Verteilung aller Güter und Dienstleistungen bestimmten, sind selbst die schlichtesten marktwirtschaftlichen Regeln noch unbekannt. »Mensch, ärgere dich nicht«, wäre einfacher, wenngleich nicht so lehrreich wie »Topsim«.

Das Spiel simuliert marktwirtschaftliches Geschehen auf vier voneinander getrennten Märkten. Je fünf Hersteller von Kopierern versuchen auf diesen Märkten ihre Geräte abzusetzen.

Eines der Unternehmen hat ungewöhnlich viel Geld in die Werbung für sein Produkt gesteckt, den Preis jedoch stabil gehalten. So lockt die Firma sehr viel mehr Kunden an, als sie beliefern kann. Die Ausgaben für die Werbung sind sinnlos verpulvert.

Warum sie denn trotz der regen Nachfrage den Preis nicht erhöht hätten, fragt einer der deutschen Spielleiter das werbefreudige Managementteam des fiktiven Kopiererproduzenten. »Wir dachten, das sei verboten«, antwortet ein Teammitglied. »Den Preis darf doch nur der Staat verändern.«

Der Mann kennt es nicht anders. Wie viele andere Mitspieler ist er beim Erdgas-Monopolisten Gasprom angestellt. Und den Gaspreis bestimmt nach wie vor allein die russische Regierung.

Ob es nicht besser sei, fragt ein Gasprom-Ingenieur, einmal durchzuspielen, wie russisches Gas nach Deutschland zu verkaufen sei. »Dann reden wir hier nur noch über Gas statt über Betriebswirtschaftslehre«, antwortet Helge Löbler, Dozent an der Universität Mannheim.

So müssen sich denn nun die Russen, an die lenkende Hand des Staates gewöhnt, im Unternehmensspiel als Verkäufer auf einem hart umkämpften Markt bewähren. Das bereitet den meisten schon in den ersten beiden, noch leichten, Spielrunden erhebliche Mühe.

Obwohl die Nachfrage nach ihren Produkten gut ist und die Kosten kaum steigen, sind nach zwei Geschäftsperioden schon 8 der 20 Unternehmen in die Verlustzone abgerutscht. Mit einem zweistelligen Millionendefizit ist das _(* Im Schulungszentrum Golitsino. ) Team, das allzuviel Geld in die Werbung gesteckt hat, fast am Ende.

In der dritten Spielrunde kommt es dann knüppeldick. Die Pseudo-Produzenten haben zunächst einmal zu entscheiden, ob sie Mittel für die Entwicklung eines verbesserten Kopiergerätes bereitstellen sollen.

Die biederen Gasprom-Techniker und einige mitspielende Beamte aus dem Moskauer Energieministerium sind nicht knauserig. Fast alle genehmigen zu hohe Forschungs- und Entwicklungsbudgets. »Mit der Produktneuheit sind die völlig überfordert«, meint Managementtrainer Peter Zeidler, der in Essen Krupp-Führungskräfte weiterbildet.

Schließlich schlägt in dieser Runde auch noch der japanische Billiganbieter zu. Dessen Kampfpreis von 4000 Mark je Gerät liegt um 1500 Mark unter den Kosten, die den Spielteilnehmern vorgegeben sind.

Die täten nach dem bisherigen Spielverlauf gut daran, auf die Qualität der eigenen Produkte zu vertrauen und ihren Preis allenfalls leicht zu senken. Doch die meisten lassen sich auf eine verlustreiche Preisschlacht ein. So sind nach der dritten Runde 13 der 20 Unternehmen in den roten Zahlen. 12 davon müßten sogar Konkurs anmelden.

»Das ist die absolute Krönung«, staunt Ausbilder Zeidler über die hohe Zahl der Pleiten. Denn die Spielbedingungen lassen allen Teilnehmern gute Chancen, mit einem Gewinn abzuschneiden, und in anderen Gruppen werden diese Chancen auch genutzt.

So veranstaltet der Krupp-Konzern jährlich ein großes »Topsim«-Turnier für seine Lehrlinge. Konkurse gibt es da kaum, obwohl dort nicht nur die Grundstufe des Manager-Monopolys durchgespielt wird. Die besten der etwa 30 Lehrlingsteams kämpfen in Krupps Villa Hügel im vierten Schwierigkeitsgrad um den Sieg.

In Golitsino machen die Ausbilder Zugeständnisse. Um nicht nur mit acht Teams in die vierte und letzte Runde gehen zu müssen, läßt Spielführer Kleine-Wilde jedem vorzeitig gescheiterten Unternehmen eine Finanzspritze vom Staat verpassen. Die ist jeweils so dosiert, daß kein Unternehmen nach der dritten Runde einen Verlust von mehr als fünf Millionen Mark ausweisen muß.

Und da, endlich, wird''s auch für die Russen leichter. Das Verfahren ist ihnen wohlvertraut: Noch immer springt in ihrem Land der Staat ein, wenn ein Unternehmen finanziell am Ende ist. Y

* Im Schulungszentrum Golitsino.

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