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»Viele Namen zugeflüstert«

aus DER SPIEGEL 14/1995

SPIEGEL: Herr Leister, wie sind Sie auf Ron Sommer als neuen Chef für die Telekom gestoßen?

Leister: Als ich die Suche im Dezember begann, kannte ich Sommer nur dem Namen nach, ich war ihm aber noch nie begegnet. Er stand auf einer von mir zusammengestellten Liste von möglichen Kandidaten. Es waren etwa 70 Namen.

SPIEGEL: Und mit allen haben Sie geredet?

Leister: Nicht mit allen. Aber mit gut 20 Personen, die nach der ersten Auslese in Betracht kamen, habe ich zum Teil mehrmals geredet.

SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Kohl hat den ehemaligen Kaufhof-Vorstand Jens Odewald als neuen Telekom-Chef ins Gespräch gebracht. Warum sind Sie dem Rat nicht gefolgt?

Leister: Politische Einflußnahmen dieser Art hat es nicht gegeben. Mir wurden zwar von den verschiedensten Seiten viele Namen zugeflüstert, aber weder vom Kanzler noch vom Postminister bin ich bei der Suche direkt beeinflußt worden.

SPIEGEL: Haben die Politiker dazugelernt?

Leister: Zumindest in Bonn wissen viele Politiker inzwischen sehr genau, daß die Telekom, um die es jetzt geht, eine ganz andere Telekom ist als die frühere Behörde. Das hat viel mit dem für 1996 geplanten Börsengang zu tun, und insbesondere dem Kanzler ist sehr bewußt, wie wichtig dieser Börsengang für den Standort Deutschland ist.

SPIEGEL: Hat der Rücktritt von Helmut Ricke, aus Frust über die politische Einflußnahme, zu diesem Umdenkungsprozeß beigetragen?

Leister: Ich glaube nicht. Politische Gründe haben beim Rücktritt von Ricke längst nicht eine so große Rolle gespielt, wie es den Anschein hat. Im Vordergrund standen wirklich rein persönliche Gründe.

SPIEGEL: Sommer kommt wie sein Vorgänger aus der Unterhaltungselektronik und hat keine Erfahrung in Bonn. Ist das nicht ein schweres Handicap?

Leister: Überhaupt nicht. Auch in multinationalen Großunternehmen wie Sony oder IBM kann man Verhaltensmuster erlernen, wie sie in der Politik üblich sind. Wenn Sie jemanden haben wollen, der politische Erfahrungen im landläufigen Sinne hat, dann ist er Politiker. Aber einen Politik-Profi wollen wir nicht an der Spitze der Telekom haben.

SPIEGEL: Auch mit dem zweiten großen Problem der Telekom, der Entlassung von Mitarbeitern, hat der neue Mann bislang keine Erfahrungen gesammelt.

Leister: Dies hat bei unseren Beratungen auch eine große Rolle gespielt. Aber im Grunde geht es dabei nicht um quantitative Erfahrungen, sondern um die Frage: Geht ein Manager an dieses Problem nur mit dem Rechenstift heran oder interessiert ihn wirklich das Einzelschicksal. Da habe ich bei Sommer ein sehr gutes Gefühl, daß er die anstehenden Probleme mit vielen guten Ideen und großem Fingerspitzengefühl bewältigt.

SPIEGEL: Bei der Telekom geht es um gewaltige Dimensionen. Rund 60 000 Stellen sollen in den nächsten fünf Jahren gestrichen werden.

Leister: Ja, ob es möglicherweise sogar mehr sein werden, hängt davon ab, wie schnell es uns gelingt, neue Wachstumsmärkte, von denen es in der Telekommunikation ja genug gibt, zu erschließen.

SPIEGEL: Hat der alte Vorstand das Problem verschlafen?

Leister: Nein. Aber in den langen Zeiten des Monopols war der Druck einfach nicht so groß, mit ganz spitzem Bleistift zu rechnen.

SPIEGEL: Nach den Richtlinien, die Postminister Wolfgang Bötsch in dieser Woche vorgelegt hat, muß die Telekom in drei Jahren mit einer Heerschar von Konkurrenten rechnen. Kann das Unternehmen überhaupt so schnell wettbewerbsfähig werden?

Leister: Wir haben uns ja schon seit längerem darauf eingestellt, daß 1998 die Monopole wegfallen. Aber in den neuen Richtlinien sind einige neue Punkte, die mir wirklich Sorgen machen.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Leister: Nach den Plänen des Postministers müssen jene Telefonfirmen eine flächendeckende Versorgung bereitstellen, die mehr als 25 Prozent Marktanteil haben. Das ist die absolut falsche Marke. Das heißt doch im Klartext: Nur die Telekom muß überall vertreten sein. Ich kann mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, daß irgendeiner der sich abzeichnenden Konkurrenten in absehbarer Zeit in diese Größenordnung hereinwächst.

SPIEGEL: Kritiker der Bötsch-Pläne befürchten, daß dadurch ein chaotischer Flickenteppich in Deutschland entsteht.

Leister: Die Gefahr ist groß. Und wenn zu viele kleine Firmen in den Markt drängen, die nur eine schnelle Mark machen wollen und nicht das nötige Standvermögen haben, dann gerät die ganze Branche in einen schlechten Ruf.

SPIEGEL: Ist die Telekom-Aktie überhaupt noch zu verkaufen, wenn der Wettbewerb mit solcher Härte entbrennt?

Leister: Verkaufen kann man sie schon. Aber wenn sie dem Anleger nicht auch nachhaltig Freude bereitet, werden alle anderen Telekommunikationsaktien ebenfalls darunter leiden.

SPIEGEL: Auch die Banken warnen vor allzu forschen Liberalisierungsplänen.

Leister: Ich kann die Sorgen verstehen. Aber die Telekom-Aktie soll ja nicht nur in Deutschland verkauft werden, sondern weltweit und vor allem auch in Amerika. Da gibt es auch andere Erwartungen als nur Renditeüberlegungen. Für institutionelle Anleger in den USA schwingt die Frage mit: Wie offen ist der Markt in Deutschland? Ein zu stark regulierter Wettbewerb schreckt da mehr ab als harter Wettbewerb.

SPIEGEL: Hängt von dieser Frage auch die Zustimmung der europäischen und amerikanischen Kartellbehörden zu den geplanten Telekom-Allianzen mit France Telecom und US-Sprint ab?

Leister: Sicher hängt das auch damit zusammen. Wir haben sehr komplexe Verhältnisse und eine Phase von einem Jahr vor uns, in dem sich alles entscheidet: die Allianzen, die Börseneinführung und damit auch unsere spätere Wettbewerbsfähigkeit.

SPIEGEL: Haben Sie denn noch berechtigte Hoffnungen, daß die Allianzen genehmigt werden?

Leister: Den europäischen Kartellbehörden ist natürlich klar, daß die großen europäischen Infobahnen nur mit einer starken Telekom entstehen können. Welche Kraft die deutsch-französische Zusammenarbeit entwickeln kann, hat sich doch beim Mobilfunk-Standard GSM gezeigt, der jetzt weltweit verbreitet ist.

Diese Innovationslokomotive im anbrechenden Multimedia-Zeitalter werden die Brüsseler Wettbewerbswächter nicht bremsen, wenn gewährleistet ist, daß daneben auch Konkurrenten von ähnlicher Schlagkraft eine Chance bekommen. Auch mit Sprint befinden wir uns noch voll im gegenseitig vereinbarten Zeitplan.

SPIEGEL: Wie wird der deutsche Telekommunikationsmarkt in fünf Jahren aussehen? Hat die Telekom dann noch mehr als 50 Prozent Marktanteil?

Leister: Mit tödlicher Sicherheit, sonst würde ich nicht davon ausgehen, daß wir als einzige zu einer flächendeckenden Versorgung verpflichtet werden. Wenn wir jemals unter 50 Prozent Marktanteil rutschen würden, dann wäre aber alles schiefgelaufen. Das wäre dann die totale Bankrotterklärung.

SPIEGEL: Viele Füchse sind des Hasen Tod.

Leister: Wir haben ein Top-Netz und 40 Millionen Kunden. Da wird uns so schnell niemand übertreffen. Und Sommer ist für mich der Garant dafür, daß die Telekom im Massenmarkt künftig mehr noch als bisher als technischer Markenartikel anerkannt wird.

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