Armut Vielen Briten bleibt nur die Wahl zwischen Heizen und Essen

Die Inflation ist nach Einschätzung von Sozialexperten in Großbritannien ebenso ungleich verteilt wie das Vermögen. Besonders für billige Lebensmittel explodieren die Preise geradezu.
Essensausgabe für Bedürftige in Tottenham: »Ein Albtraum«

Essensausgabe für Bedürftige in Tottenham: »Ein Albtraum«

Foto: Peter Dench / Getty Images

Die Inflation trifft in Großbritannien vor allem die Ärmsten. »Ich kämpfe wirklich, um über die Runden zu kommen«, sagt Heidi in der Schlange vor der Tafel im ostenglischen Colchester. So wie der 45-Jährigen geht es derzeit vielen Briten. Die Inflation in Großbritannien stieg im Dezember mit 5,4 Prozent auf den höchsten Wert seit 30 Jahren, vor allem verursacht durch Lebensmittel- und Energiekosten. Die Reallöhne dagegen sinken.

Die Tafeln im Vereinigten Königreich erleben inzwischen einen regelrechten Ansturm. Alles sei teurer geworden, erzählt Heidi. Inzwischen müsse sie rund 80 britische Pfund pro Monat für Strom ausgeben. Im vergangenen Jahr seien es noch zwischen 40 und 50 Pfund gewesen.

Die Tafel in Colchester, die zwischen lauter Supermärkten in einem Gewerbeviertel liegt, gab vergangenes Jahr insgesamt 165 Tonnen Lebensmittel aus, genug, um rund 17.000 Menschen zu ernähren. Der Leiter der Tafel, Mike Beckett, schätzt, dass die Zahl in diesem Jahr auf 20.000 Bedürftige steigen könnte. Im allerschlechtesten Fall könnten es bis zu 30.000 Menschen werden, sagt er. »Ein Albtraum.«

»Das System, mit dem wir die Auswirkungen der Inflation messen, ist grundlegend fehlerhaft.«

Jack Monroe, britische Journalistin und Aktivistin

Landesweit stieg die Zahl der Tafelbesucher nach Angaben der Organisation Trussell Trust, die die Tafeln verwaltet, von 26.000 im Jahr 2009 auf mehr als 2,5 Millionen im vergangenen Jahr.

Die Journalistin und Aktivistin Jack Monroe vermutet insbesondere die stark gestiegenen Preise für viele Grundnahrungsmittel hinter der Misere. Deren tatsächliche Kosten seien nämlich weitaus stärker gestiegen als die offizielle Inflationsrate, wie sie in einem viel beachteten Beitrag auf Twitter vorrechnete.

500 Gramm der günstigsten Nudeln in ihrem örtlichen Supermarkt hätten vor einem Jahr 29 Pence (35 Cent) gekostet, schrieb Monroe. Heute liege der Preis bei 70 Pence – ein Anstieg von 141 Prozent. Der Preis für den günstigsten Reis legte demnach um 344 Prozent zu.

»Das System, mit dem wir die Auswirkungen der Inflation messen, ist grundlegend fehlerhaft«, kritisiert sie. »Es ignoriert völlig die Realität und die echten Preissteigerungen für Menschen mit Mindestlöhnen, Tafelbesucher und Millionen andere.«

Diese Einschätzung teilt auch Tafel-Chef Beckett. Die Inflationsmessung »berücksichtigt nicht wirklich, dass günstige Lebensmittel teurer werden, und zwar um hunderte Prozent«, sagt er. Zusätzlich verschärft wird die Lage durch die Entscheidung der Regierung, die während der Coronakrise angehobenen Sozialleistungen wieder auf ihr ursprüngliches Niveau zu senken.

»Die Leute erzählen uns, dass sie 20 Minuten oder eine Stunde im Auto saßen, bevor sie den Mut hatten, zu uns zu kommen«, erzählt Beckett. Viele »dachten nicht, dass sie jemals darauf angewiesen sein würden«. Aber sie hätten keine andere Wahl. »Wenn es kalt ist, müssen sich die Menschen zwischen Essen und Heizen entscheiden.«

Laut einem im Januar veröffentlichten Bericht der Wohlfahrtsstiftung Joseph Rowntree Foundation haben bestimmte Regelungen der Sozialhilfe – etwa die fünfwöchige Wartefrist für die ersten Zahlungen und die Deckelung des Kindergeldes auf zwei Kinder – »direkt zu einer größeren Ernährungsunsicherheit geführt und zum Anstieg der Inanspruchnahme von Tafeln beigetragen«.

Schon bald könnten noch mehr Briten in Bedrängnis geraten, denn im April werden die Lebenshaltungskosten für britische Haushalte voraussichtlich noch einmal steigen. Grund ist neben Steuererhöhungen vor allem ein deutlicher Preisanstieg für Energie um satte 50 Prozent.

mik/AFP