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DYNASTIEN »Vielköpfige Hydra«

Der Terrorist Osama Bin Laden entstammt einem der reichsten Familienclans in Saudi-Arabien. Mit seinem Erbe baute er ein dunkles Imperium auf. Seit Jahren versuchen die Geheimdienste, seine wirtschaftlichen Verflechtungen zu entschlüsseln - bisher mit wenig Erfolg.
Von Beat Balzli, Jan Dirk Herbermann, Klaus-Peter Kerbusk und Wolfgang Reuter
aus DER SPIEGEL 39/2001

Yeslam Bin Laden hatte es womöglich nur gut gemeint, als er am 30. Juli dieses Jahres eine Urkunde unterzeichnete, um in seiner zweiten Heimat eine Stiftung zu errichten.

»Erbringung von Unterstützungsleistungen an bedürftige Mitmenschen und Förderung der Toleranz zwischen den Menschen einerseits und den Menschen und weiteren Lebewesen« lautet der Zweck der Stiftung, die der saudi-arabische Geschäftsmann unter der Adresse Waisenhausplatz 14 in Bern ins Schweizer Handelsregister eintragen ließ.

Vielleicht war es aber auch so etwas wie eine Ahnung, dass er mit seinem Namen schon bald gewaltige Probleme bekommen würde.

Keine vier Wochen, nachdem der Stiftungseintrag im »Schweizerischen Handels Amtsblatt« veröffentlicht wurde, stürzten arabische Terroristen mit ihren Kamikazeflügen die Welt in Angst und Schrecken. Und als Hauptverdächtiger für den Anschlag kommt nach Ansicht von US-Präsident George W. Bush nur einer in Frage: Osama Bin Laden, einer der zahlreichen Halbbrüder Yeslams.

Seit den Terroranschlägen in den USA ist Yeslam, der aus einem Büro in Genf die Saudi Investment Company leitet, von der Bildfläche verschwunden. »Weder ich noch irgendein anderes Mitglied meiner Familie unterhält Kontakt zu Osama Bin Laden«, teilt der Multimillionär, der sich selbst ausdrücklich Binladin nennt, auf Anfrage dem SPIEGEL mit.

»Ich bin zutiefst geschockt über den terroristischen Anschlag, dem in den USA unschuldige Menschen zum Opfer fielen«, versicherte er, ohne das schwarze Schaf der Familie ausdrücklich zu erwähnen.

Fest steht: Die Familie lebt ein anderes Leben als der Mann in den Bergen Afghanistans. Die steinreichen Saudis fahren Rolls-Royce oder Mercedes S-Klasse, sie besitzen riesige Yachten und kleiden sich bei Armani oder Versace ein. Sie schicken ihre Kinder auf Eliteschulen und wohnen in sündhaft teuren Appartements und Villen in London, Paris oder Boston und genießen das, was Osama Bin Laden wohl am meisten hasst: den American Way of Life.

Doch nun holt sie der dunkle Schatten ihres weltweit gesuchten Halbbruders ein. Sie erhalten Morddrohungen, und vor ihren Wohnungen patrouillieren Polizeibeamte.

Westliche Firmen wie die niederländische Bank ABN Amro oder der britische Getränkekonzern Schweppes, die mit dem Familienclan zusammenarbeiten, überprüfen die Geschäftsbeziehungen oder brechen sie sogar ab. Denn mit dem Symbol des Terrors will niemand in Zusammenhang gebracht werden.

Zwar steht offiziell keines der Clanmitglieder unter Verdacht, mit dem Terroristen zusammenzuarbeiten. Doch Gerüchte, dass die Kontakte - allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz - nie ganz abgerissen seien, tauchen immer wieder auf.

Der Verdacht stützt sich vor allem auf die in der arabischen Welt traditionell stark ausgeprägten Familienbande. Aber auch der enorme Reichtum des Clans, dessen Vermögen auf 80 Milliarden Mark geschätzt wird, spielt eine große Rolle.

Kenner der Szene vermuten, dass zumindest einige der zahlreichen Geschwister Osama Bin Ladens es als religiöse Pflicht ansehen, ihren offiziell verstoßenen Halbbruder finanziell weiter zu unterstützen. Denn angeblich soll Osama nie den ihm nach arabischem Recht zustehenden Anteil an der vom Vater gegründeten Firma erhalten haben.

Der Grundstein für den Reichtum des Clans reicht bis ins Jahr 1931 zurück. Damals gründete der aus dem Jemen geflohene Maurer Mohammed Bin Laden im späteren Saudi-Arabien eine kleine Baufirma. Der Aufschwung zu einem der größten Baukonzerne in der arabischen Welt begann nach dem Krieg. Viele Geschichten ranken sich um den Aufstieg des Maurers zum Hofbaumeister der saudischen Königsfamilie.

So soll der junge Bauunternehmer für Abd al-Asis Ibn Saud, den Gründer und ersten König Saudi-Arabiens, beim Bau des Palastes eine spezielle Rampe an der Außenwand angebracht haben, über die der greise Monarch seine Privatgemächer im ersten Stock bequem erreichen konnte.

Als dann Ende der fünfziger Jahre der Ölboom begann und in Saudi-Arabien der Wohlstand ausbrach, vergaßen die Söhne des 1953 verstorbenen Abd al-Asis nicht, den Freund ihres Vaters nach Kräften zu fördern. Mohammed Bin Laden wurde mit zahllosen Großprojekten beauftragt. So baute er unter anderem die Autostraße von Dschidda über die Berge nach Taif und durfte die heiligen Stätten von Mekka und Medina sowie die in Jerusalem renovieren und ausbauen.

Nachdem der Firmengründer 1968 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, erbten seine 54 Nachkommen das Familienimperium. Mehr als ein Dutzend Söhne, angeführt von Salim Bin Laden, übernahmen die Leitung des Unternehmens und dehnten das Geschäft auch auf andere Branchen aus. Bereits Anfang der neunziger Jahre gehörte der Konzern zu den größten Unternehmen in Saudi-Arabien.

Inzwischen ist aus der saudischen Firma ein weit verzweigter Mischkonzern unter dem offiziellen Namen Saudi Binladin Group (SBG) geworden, dessen Konturen nur annäherungsweise zu erahnen sind. Die SBG ist nicht nur in fast allen arabischen Ländern vertreten, sondern auch in den Vereinigten Staaten, in Malaysia und England sowie mit einer kleinen Firma in Deutschland.

Genaue Daten über Mitarbeiterzahlen, Umsätze und Gewinne gibt die Konzernzentrale, die seit 1988 von Bakr Bin Laden geleitet wird, nicht bekannt. Vorsichtige Schätzungen gehen von einem Umsatz von zehn Milliarden Mark aus.

Eine klare Firmenstrategie ist nicht erkennbar. Der Clan, so scheint es, befasst sich mit allem, was auch nur irgendwie Gewinn verspricht. Der Konzern baut Einkaufszentren, Hotels, Moscheen und Flugplätze, ist auch im Immobiliengeschäft tätig, wartet Aufzüge, betreibt Transportunternehmen und leitet Modeketten unter dem sinnigen Namen »Fiasco Shop«.

Daneben verkauft die Gruppe Telefone und Erfrischungsgetränke, produziert Autozubehör und Möbel, Klimaanlagen und Kleidung sowie Luxusartikel verschiedenster Art - darunter auch Kronleuchter, die von der Palwa Beleuchtungs GmbH, einer Binladin-Tochter mit Sitz in Darmstadt, hergestellt und vertrieben werden.

Zu den ehrgeizigsten Projekten der Gruppe gehört der Einstieg ins Telekommunikationsgeschäft. So beteiligte sich der Konzern mit einem Anteil von 50 Prozent an dem regionalen Teilabschnitt des ehrgeizigen Iridium-Projekts, das in den neunziger Jahren unter Führung des US-Konzerns Motorola ein weltumspannendes Netz für Satellitentelefone aufbaute. Der Satellitenbetreiber Iridium, in dessen Topmanagement auch ein Mitglied des Bin-Laden-Clans saß, musste 1999 nach Verlusten in Milliardenhöhe Konkurs anmelden.

Auch als Sponsor trat der um seine Reputation bedachte Clan immer wieder auf. So engagierte sich der Konzern schon Ende der siebziger Jahre im Motorsport und unterstützte den damals maroden Formel-1-Rennstall Williams.

Später ging es gediegener zu: Mindestens zweimal schon leitete der Familienpatriarch Bakr Bin Laden Millionenspenden an die Harvard-Universität in Boston, nachdem ein Mitglied der Familie dort sein Jurastudium abgeschlossen hatte. Mit dem Geld sollten Forschungsprojekte über islamisches Recht und islamische Kunst finanziert werden.

Anfang der neunziger Jahre jedoch bekam der bis dahin untadelige Ruf der Familie mit einem Mal erste Kratzer. Denn Osama Bin Laden, der schon im Alter von 15 Jahren als unterschriftsberechtigter Geschäftsführer in die Firma eingetreten war und dann einige Jahre in Afghanistan an der Seite der muslimischen Mudschahidin gegen die Sowjetunion gekämpft hatte, wendete seinen religiös verbrämten Hass nun gegen das saudi-arabische Königshaus.

Öffentlich rief der streitbare Muslim zum Widerstand gegen König Fahd auf, weil der während des Golfkriegs die USA unterstützte und amerikanische Truppen ins Land gelassen hatte. Kurzerhand verwies Fahd den prominenten Oppositionellen des Landes.

Mit seinen vier Frauen und einem üppig dotierten Überbrückungsgeld, das sich nach Schätzungen westlicher Geheimdienste auf rund 600 Millionen Mark belief - SBG-Sprecher behaupten, es seien nur 120 Millionen Mark gewesen -, ließ sich Bin Laden im sudanesischen Khartum, auf der anderen Seite des Roten Meers, nieder. Dort wurde er vom damaligen Staatschef Hassan al-Turabi - einem ebenfalls strengen Muslim - mit offenen Armen empfangen.

Nach außen sah es zunächst so aus, als betätigte sich Osama Bin Laden im Sudan nur als tüchtiger Unternehmer. Zusammen mit Getreuen aus dem Afghanistan-Krieg gründete er etwa die Hirja Construction und baute unter anderem die neue 800 Kilometer lange Tahaddi-Straße ("Straße der Herausforderung") von Khartum zum Roten Meer sowie einen Flughafen nahe der Hafenstadt Port Sudan. Über die Firma Khartum Tannery belieferte er italienische Modeschneider mit Leder, und mit der Taba Investment versuchte er, von Währungsschwankungen zu profitieren.

Bald stieg Bin Laden auch ins Agrargeschäft ein. Seine Themar al-Mubaraka Agriculture Company bewirtschaftete Ländereien nahe der Hauptstadt und im Süden des Landes, und sie exportierte unter anderem Weizen, Sonnenblumenkerne und Sesamprodukte. Außerdem besaß er eine Art Ausfuhrmonopol für Gummiarabicum, das vor allem zur Herstellung von Erfrischungsgetränken benötigt wird.

Doch hinter der Fassade des ehrbaren Kaufmanns entwickelte Bin Laden noch ein ganz anderes Gewerbe: das Geschäft mit dem Terror. Er baute geheime Ausbildungslager für muslimische Kämpfer, besorgte Waffen, Computer und Satellitentelefone.

Aussagen von Insidern der Terror AG vor einem US-Gericht belegen die monströsen Pläne der islamischen Eiferer. Einmal, berichtete etwa Dschamal al-Fadl bei dem Prozess Anfang dieses Jahres in New York, gab es sogar den Versuch, am internationalen Waffenmarkt »Uran für den Bau einer Bombe aufzukaufen«. Das Projekt sei jedoch gescheitert, behauptete Fadl, der sich dem Richter als »Kassenwart« Bin Ladens vorstellte.

Gesteuert wurden die dunklen Geschäfte vorwiegend über die Import-Export-Firma Wadi al-Akik. Das nach einem Fluss in der Nähe von Mekka benannte Unternehmen war nach der Aussage Fadls »die Mutter aller Firmen«. Sie bildete eine Art Dachgesellschaft für alle wirtschaftlichen Aktivitäten im geheimen Geflecht der Terrororganisation al-Qaida, die nach Ansicht von US-Präsident Bush verantwortlich ist für das Blutbad in New York und Washington.

In dieser Organisation, deren Anfänge bis in die achtziger Jahre zurückreichen, stand Bin Laden als Emir an der Spitze. Beraten wurde er von rund einem Dutzend kampferprobter Mitstreiter, die in der so genannten Shura saßen. Sie überwachten die Arbeit der vier Sparten: Islam-Studien, Finanzen, Militär und Medien. Diese Abteilung gab unter anderem die Zeitung »Naschra al-Achbar« heraus.

»Wir hatten für alles Experten«, berichtete der Ex-Kassenwart vor Gericht. So habe es auch ein Reisebüro gegeben, das nicht nur Tickets besorgte, sondern auch gleich neue Pässe ausstellte - Fadl selbst hatte zehn. Sogar auf einen besonders versierten »Traumdeuter« habe al-Qaida nicht verzichtet.

Die Aufgabe der Firmen in diesem streng hierarchisch strukturierten Gebilde war es, die finanzielle Basis von al-Qaida sicherzustellen und die Waffengeschäfte zu tarnen. Die Reisen der Terrorgruppe sollten wie normale Geschäftsreisen aussehen. Zeitweise, so schätzen saudische Geheimdienste, gehörten bis zu 60 Firmen zum Einflussbereich Bin Ladens.

Von der Fischfabrik und der Straußenzucht in Kenia bis zur Keramikfabrik im Jemen waren die Aktivitäten - ganz wie bei der Saudi Binladin Group - offenbar auch ausgesprochen breit gestreut.

Die Gewinne wurden unter anderem auf Konten bei Banken in Malaysia und Hongkong, aber auch bei der Barclays Bank in London eingezahlt, erklärte Fadl vor Gericht.

Doch erst 1993, nachdem islamistische Terroristen eine Bombe im World Trade Center in New York zündeten, geriet Bin Laden stärker ins Visier der amerikanischen Geheimdienste. Jetzt bemerkten auch die Machthaber in Saudi-Arabien die heraufziehende Gefahr und entzogen dem religiösen Eiferer die Staatsbürgerschaft.

Gleichzeitig drängte Saudi-Arabien den Bin-Laden-Clan, sich von dem militanten Familienmitglied zu distanzieren. Besorgt um die lukrativen Staatsaufträge, verstieß der Firmenpatriarch Bakr 1994 mit einer per Zeitungsanzeige verbreiteten Erklärung den Halbbruder aus der Familie.

Offiziell gibt es seither keine Verbindungen mehr zwischen der SBG und dem Terroristen. Doch immer wieder tauchen Hinweise auf, dass reiche Saudis, unter ihnen womöglich auch Mitglieder des weit verzweigten Bin-Laden-Clans, Osama noch Ende der neunziger Jahre unterstützten. So verfügen saudische, britische und amerikanische Geheimdienste über Informationen, nach denen Zahlungen in Millionenhöhe von Banken in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf Konten des Al-Qaida-Chefs geleitet wurden - einige konnten wohl noch in letzter Minute gestoppt werden.

Zwei Jahre, nachdem Saudi-Arabien dem Terroristen die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte, wies auch der Sudan den militanten Geschäftsmann aus. Zuflucht fand er im Mai 1996 in Afghanistan.

Doch die finanzielle Basis war damit keineswegs zerstört, ein Netzwerk von Getreuen blieb im Sudan. Wie viel davon noch heute existiert, das versucht bereits seit einigen Monaten eine Hand voll CIA-Agenten herauszufinden. Von der Anwesenheit der Amerikaner weiß inzwischen das gesamte diplomatische Korps. »Hier zu Lande fällt es eben relativ schnell auf, wenn die Amerikaner bei Abendanlässen plötzlich mit ein paar Leuten mehr dastehen«, erklärt ein Botschafter.

Das brisanteste Relikt aus der Bin-Laden-Zeit schien zunächst die pharmazeutische Fabrik al-Schifa in Khartum zu sein. Bin Laden galt als Hauptinvestor. Da die CIA behauptete, dort würden Vorbereitungen zur Produktion von Giftgas getroffen, bombardierten die USA die Fabrik 1998 mit Raketen. Doch zumindest die Informationen über die Giftgas-Produktion waren falsch, wie später selbst ein US-Gericht feststellen musste - ob Bin Laden wirklich Teilhaber der Fabrik war, blieb indes ungeklärt.

Mit der erzwungenen Ausreise Bin Ladens aus dem Sudan machten die Amerikaner einen entscheidenden Fehler. Denn im Sudan hatten die US-Geheimdienste die Aktivitäten des Emir Abu Abdullah, wie Osama von seinen Anhängern auch genannt wird, noch einigermaßen überwachen können, auch wenn eine direkte Beteiligung an den Firmen kaum jemals hieb- und stichfest nachgewiesen wurde - nicht zuletzt, weil im Sudan kein richtiges Handelsregister existiert.

Nach seiner Ankunft in Afghanistan, wo das Taliban-Regime ihn freundlich als Gast empfing, wurde die Observierung sehr viel schwieriger. Lange Zeit tappten die Ermittler fast völlig im Dunkeln.

Wilde Gerüchte über Schutzgeld-Erpressungen in Europa, Schmuggel- und Drogengeschäfte machen seither die Runde. Hartnäckig hält sich die Vermutung, Bin Laden sei quasi pleite. Bewiesen ist nichts.

Bin Ladens Finanznetz funktioniert heute offenbar in weiten Teilen nach der Logik des Underground Banking, wo die Finanzströme außerhalb des herkömmlichen Bankensystems fließen. Ob Hawala-, Chop-Shop-, Chiti- oder Hundi-Banking, je nach Kulturkreis gelten verschiedene Namen für diese denkbar einfache Überweisungstechnik, die auch unter in Deutschland lebenden Pakistanern, Indern oder Iranern weit verbreitet ist.

Gegen eine Gebühr werden die Zahlungsaufträge über Vertrauensleute, meist Unternehmer, abgewickelt. Dabei fließt nur in Ausnahmefällen Geld über die Grenze. Stattdessen kooperiert das Unternehmen »mit einem im Zielland ansässigen Partner, der den Zahlungsauftrag gegenüber dem Empfänger aus seinen eigenen liquiden Mitteln begleicht«, schreibt Michael Findeisen, ehemaliger Geldwäsche-Beauftragter des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen, in einer Untersuchung.

Da das System auch in umgekehrter Richtung funktioniert, gleichen sich zwischen den beiden Geldschiebern aus- und eingezahlte Beträge wie in einem Clearing meist aus. Nur krasse Ungleichgewichte werden bei Gelegenheit per Bargeldkurier bereinigt.

Auch im Bin-Laden-Netzwerk operieren die Drahtzieher über solche Zahlstellen, um weltweit Terrorzellen zu finanzieren. Dabei hinterlassen sie den Fahndern des FBI kaum Spuren. Der Zahlungsverkehr läuft ohne Dokumente ab, Ein- und Auszahlungen werden über Telefon koordiniert.

Wie gut dieses Schatten-Clearing funktioniert, beweist das Ergebnis der finanziellen UN-Sanktionen gegen das Taliban-Regime und die wichtigsten Köpfe der Bin-Laden-Truppe. Seit letztem Jahr existiert eine entsprechende Liste, die auch Namen afghanischer Banken enthält. Doch die blockierten Konten haben wenig Spektakuläres an sich. Nicht selten handelt es sich dabei um alte Restguthaben der afghanischen Zentralbank. Vom Vermögen des Topterroristen fehlt hingegen fast jede Spur. Zu den wenigen Ausnahmen gehört die von Fadl genannte Position bei der Barclays Bank in London.

Seit den Anschlägen in New York und Washington haben die Fahnder ihre Anstrengungen allerdings noch einmal gewaltig verstärkt. Weltweit versuchen Geheimdienstler und Polizisten hartnäckiger als je zuvor, den Terroristen auf die Spur zu kommen.

So erreichte die Kreditinstitute vergangenen Mittwoch ein mit dem Vermerk »streng vertraulich« versehenes Papier des FBI. Im Anhang fanden die Banker eine Liste mit den Namen und teilweise den US-Führerscheinnummern der Entführer. Die Geldhäuser sollen klären, ob es zu den Namen auch Konten gibt und ob von diesen Konten ein Weg zum Imperium des Osama Bin Laden führt.

Am Freitag dann lieferte das FBI eine weitere Liste an die Banken. Schon im Anschreiben bitten die US-Behörden: »Bitte behandeln Sie dieses Amtshilfeersuchen als höchst vertraulich.« Kein Wunder: Das ergänzende Dokument enthält die Namen von insgesamt 118 Verdächtigen, darunter viele Familienangehörige der Selbstmordpiloten.

Als dann auch noch die deutschen Landeszentralbanken ebenfalls Listen mit Konten von Personen und Institutionen aus dem Umfeld der Taliban verschickten, stöhnte eine Frankfurter Bankerin entnervt: »Es ist ein einziges Verwaltungschaos, keiner blickt mehr durch.«

Dabei hatten sich die deutschen Geldinstitute, entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten, schon ganz früh freiwillig in die Fahndung eingeschaltet. Munter tauschten sie mit den Ermittlern und auch untereinander Informationen aus - Bankgeheimnis hin oder her. So meldete die Deutsche Bank bereits drei Tage nach dem Anschlag zwei verdächtige Kontoverbindungen an das Bundeskriminalamt. Den hausinternen Finanzermittlern war der Hamburger Kaufmann Abdoul Quddos D. aufgefallen, der Telefonanlagen nach Afghanistan verkauft und Flugsimulatoren in die Türkei geliefert hatte. Nach Erkenntnissen der Bank hat D. zwei Tage nach dem Anschlag die Hansestadt verlassen.

Außerdem meldeten sie die Kontoverbindung eines Kunden, der im Frühjahr dieses Jahres einen Kredit in sechsstelliger Höhe für Flugunterricht in Anspruch genommen hatte. Kurz vor dem Anschlag gab der Kunde an, in die USA reisen zu wollen. Von der Flugschule im norddeutschen Raum, so eine weitere Auffälligkeit, sei zudem ein Betrag auf ein Konto der Uni Hamburg überwiesen worden.

Bei der Commerzbank werden derzeit unter anderem die Konten der al-Shamal Islamic Bank analysiert. Das viertgrößte deutsche Institut ist eine der so genannten Korrespondenzbanken des sudanesischen Geldhauses, das laut einem Bericht des US-Außenministeriums von 1996 von Osama Bin Laden und anderen islamischen Extremisten gegründet wurde. »Bin Laden investierte 50 Millionen Dollar in die Bank«, heißt es in dem Report.

Schon allein die Internet-Seite der Bank ist aufschlussreich: »Im Namen Allahs, des Mitleidsvollen, des Gnadenvollen«, lautet das Motto der Bank, die Einlagen erst ab 500 Dollar annimmt. Das ist auch für die Reichen im Sudan sehr viel Geld, und so liegt der Verdacht nahe, dass sich »das Institut die Massenkundschaft vom Hals halten will«, wie sich ein Frankfurter Banker, der für Afrika zuständig ist, sarkastisch ausdrückt.

Das kleine Privatbankhaus unterhält angeblich 18 Filialen in dem nordafrikanischen Staat mit seinen 28 Millionen Einwohnern und hat eine Bilanzsumme von rund 70 Millionen Dollar. Telefonisch war die Anfang der neunziger Jahre gegründete Bank vergangene Woche allerdings nur über einen Anrufbeantworter zu erreichen.

Bin Ladens Kassenwart Fadl kam vor dem New Yorker Gericht ausführlich auf das ominöse Institut zu sprechen: »Bin Laden hatte unter seinem Namen ein Konto bei der Shamal Bank«, weitere Konten sollen im Sudan bei der Tadamon Islamic Bank, der Bank Faisal al-Islami sowie der Bank Almusia bestanden haben. Mindestens sechs weitere Mitglieder von al-Qaida sollen bei Shamal ebenfalls Konten gehabt haben, versicherte er.

Der Commerzbank freilich waren selbst die öffentlich zugänglichen Informationen über den finanziellen Hintergrund der Bank nicht bewusst. Sie hat als Korrespondenz-Bank Zahlungen und Überweisungen für das Institut nach Deutschland abgewickelt, allerdings handelt es sich »um wenige Transaktionen«, so ein Konzernsprecher. In Ermittlerkreisen heißt es, das gesamte Volumen aller Zahlungsströme liege bei nur 40 000 Mark.

Auch die Citibank, die American Express Bank und die Genfer Tochter einer französischen Großbank sind laut der Internet-Seite der al-Shamal Korrespondenz-Banken des sudanesischen Instituts - was ihnen heute höchst peinlich ist.

»Wir haben den Bericht des US-Außenministeriums nicht gekannt«, versichert eine Sprecherin der Citibank und fügt hinzu: »In keinem Schreiben haben uns die Aufsichtsbehörden je auf diese Verbindung aufmerksam gemacht.« Die American Express Bank dementiert dagegen, dass sie je etwas mit der al-Shamal zu tun hatte.

Ein Dementi kommt auch von der Arab Albanian Islamic Bank aus Tirana. Zwar hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Bin Laden bei der Gründung 1994 im Hintergrund die Fäden zog, doch in Albanien will man davon nichts wissen. »Völlig falsch«, sagt ein Sprecher der Geschäftsleitung, »die Bank wurde mit Hilfe der Islamischen Development Bank gegründet.«

Die Schweiz wird derweil von den Amerikanern kritisiert. Mercer Reynolds, der US-Botschafter in Bern, behauptet, die »Schweiz spielt eine Schlüsselrolle als Drehscheibe für Terroristen«.

Und im Zwergstaat Luxemburg herrscht Alarmstufe Rot. Dort gibt es eine heiße Spur, die direkt ins wirtschaftliche Zentrum des Terrorimperiums führen könnte. Ein französischer Anwalt versuchte kürzlich, im Auftrag eines Mandanten über Luxemburg eine Finanztransaktion in zweistelliger Millionenhöhe zu organisieren.

Doch die Banker wurden misstrauisch. »Wegen des Verdachts auf Geldwäsche und einer vermuteten Verbindung zum finanziellen Umfeld des Terroristen Osama Bin Laden«, so Lucien Thiel, Chef des Luxemburger Bankenverbands gegenüber dem SPIEGEL, ließ die Bank das Geschäft platzen und meldete den Vorfall der Staatsanwaltschaft.

Inzwischen wurde auch das FBI über den Vorfall im Großherzogtum informiert. Die Agenten dürften für jeden Hinweis dankbar sein, der die Strukturen der Terror AG transparenter macht. Denn: »Seit vier Jahren irrt das FBI ohne Erfolg darin herum«, klagt Kenneth Katzman, der einen Tag vor dem Anschlag dem US-Kongress seinen Terrorismusreport ablieferte.

Auch für die Zukunft macht sich der amerikanische Experte nicht allzu große Hoffnungen, al-Qaida zu durchschauen. Bin Ladens finanzielles Netzwerk, sagt Katzman, sei »eine vielköpfige Hydra«. BEAT BALZLI, JAN DIRK HERBERMANN,

KLAUS-PETER KERBUSK, WOLFGANG REUTER

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