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Unternehmer Vier Stunden arbeiten

Ein Publicity-scheuer Unternehmer katapultierte Englands Vergnügungskonzern Grand Metropolitan Hotels binnen weniger Jahre von Nummer 233 auf Platz zwölf der umsatzstärksten Inselunternehmen.
aus DER SPIEGEL 32/1972

»Alles, was er berührte«, beobachtete der Londoner »Observer« »wurde schnell zu Gold.«

Englands Goldfinger ist Maxwell Joseph, 62, Boß des größten Vergnügungskonzerns Europas: Grand Metropolitan Hotels.

Joseph beglückt die Playboys mit der alljährlichen »Miß World«-Wahl, verkauft zwei Millionen britischen Hausfrauen rund 1,3 Milliarden Liter Milch im Jahr, läßt ihre Männer in seinen Wettbüros Millionen-Beträge verwetten.

Das Joseph-Unternehmen Mecca hat 300 Tanzorchester und Beat-Bands unter Vertrag und lockt täglich Tausende biederer Briten zum Bingo-Glücksspiel; 91 Hotels (darunter das fashionable Carlton in Cannes), 280 Steak-Restaurants, 800 Kantinen, zwei Brauereien und 12 300 Kneipen gehören zum GMH-Konglomerat. Börsenwert des Imperiums: derzeit rund 5.6 Milliarden Mark. (Joseph hält davon Anteile im Wert von rund 144 Millionen Mark.)

Dabei arbeitet der Firmenchef allenfalls vier Stunden pro Tag und möglichst nur vier Tage wöchentlich. In dieser Zeit aber befaßt sich Joseph »nur mit bedeutenden Fragen«. Denn: »Sobald man sich mit ungeheuren Details belastet, ist man verloren.«

Seine Kapitalisten-Karriere begann Joseph im Alter von 16 Jahren als Hilfskraft eines Londoner Grundstücksmaklers. Schon damals träumte er davon -- nach Lektüre eines Hotel-Romans -- eines Tages Hotelier zu sein. Sechs Jahre später startete er -- mit einem 500-Pfund-Kredit vom Vater -- ein eigenes Immobilienunternehmen. das den Zweiten Weltkrieg indes nicht überlebte. Nach Kriegsende verwirklichte Joseph seinen Kindertraum. Er borgte sich 25 000 Pfund und kaufte dafür sein erstes Hotel. Joseph heute: »Man muß sich ein Lebensziel setzen und sich nicht davon abbringen lassen.«

Auch im Hotelier Joseph freilich blieb der einstige Grundstücksmakler wach. So hielt er nach Betrieben Ausschau, die zwar wenig gewinnbringend. dafür aber billig zu haben waren -- Bingohallen etwa und Wirtshäuser. Denn nicht auf den Ertrag spekulierte Joseph zunächst, sondern auf die zu seinen Neuerwerbungen gehörenden Grundstücke. Als in England dann die Bodenpreise in astronomische Höhen schossen, machte der Hotelier ein Millionen-Vermögen.

Wie bei der Grundstücksspekulation wußte Joseph auch im Herbergsgewerbe den Konkurrenten zumeist ein Stück voraus zu sein. Als die meisten Hoteliers der Briten- Metropole vom Touristen-Boom des »Swinging London« Ende der sechziger Jahre überrascht wurden, hatte der clevere Geschäftsmann längst seine Bettenzahl von 6000 auf über 11 000 nahezu verdoppelt.

»Ich bin unglücklich«, protzte Maxwell Joseph einmal, »wenn ich unseren Profit nicht jährlich um 30 Prozent steigern kann.« Tatsächlich erwirtschaftete Grand Met 1967 rund 3,8 Millionen Pfund, zwei Jahre später über sechs Millionen, 1971 bereits annähernd 26 Millionen Pfund Betriebsgewinn.

Josephs erfolgreiche Geschäftspolitik wurde in der Londoner City »Legende« ("Financial Times"). Wegen seiner immer neuen Überraschungs-Coups avancierte der Amüsier-Boß zum »Liebling der City« ("The Guardian").

So mühte sich Joseph beispielsweise 1971 um die Übernahme der Renommier-Reederei Cunard, zu deren Flotte der Luxusdampfer Queen Elizabeth 2 gehört -- allerdings vergebens.

Im März dieses Jahres bot der Publicity-scheue Grand-Met-Chef --- der Prominentenfibel Who"s Who gab er nur Stoff für magere neun Zeilen -- für die britische Bier-Brauerei Watney Mann (Jahresumsatz: 2,5 Milliarden Mark) 353 Millionen Pfund, im Mai sogar 413 Millionen Pfund.

Gegen den erbitterten Widerstand der auf Unabhängigkeit bedachten Watney-Herren gelang Joseph schließlich »der größte Übernahme-Versuch, den Großbritannien je gesehen hat« ("Financial Times"). Watneys Börsenpreis bei der Übernahme: 405 Millionen Pfund.

Mit der Einverleibung des Getränkereichs stieß der Grand-Met-Chef in die Liste der zwölf umsatzstärksten Unternehmen auf dem Inselreich vor. 1966/67 rangierte GMH noch an 233. Stelle.

»Meinen Erfolg«, so gibt sich Joseph bescheiden, »verdanke ich zu 90 Prozent meinem Glück und zehn Prozent harter Arbeit.«

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