Vioxx-Skandal "Alle haben geahnt, dass es knallt"

Im Fall des durch Nebenwirkungen in Verruf geratenen Rheumamedikaments Vioxx gerät nun die Ärzteschaft in die Kritik. Mediziner hätten bei der Verschreibung zu wenig Sorgfalt walten lassen.


Vioxx-Tabletten: Haben unkritische Ärzte Patienten gefährdet?
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Vioxx-Tabletten: Haben unkritische Ärzte Patienten gefährdet?

Frankfurt am Main - "Vioxx wurde von vielen Ärzten zu großzügig verschrieben, obwohl es wesentlich teurer ist als klassische, lang eingeführte Präparate, deren Nebenwirkungen bekannt sind", sagte Heiner Berthold, Geschäftsführer der zur Bundesärztekammer gehörenden Arzneimittelkommission, der "Rheinischen Post".

Auch der Bremer Pharmakologe Gerd Glaeske attackierte die Mediziner und warf der Ärztezunft mangelnde Sorgfalt bei der Verschreibung von Medikamenten vor: "Wir erleben erneut, dass Ärzte die zugegebenermaßen untypischen Nebenwirkungen eines neuen Produkts schlichtweg nicht wahrnehmen", sagte Glaeske der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung".

Sowohl mit dem Beipackzettel als auch über Fachinformationen seien Ärzte darüber informiert worden, dass Vioxx in Risikofällen unter anderem zum Herzinfarkt führen könne. Die Europäische Gesundheitsbehörde habe diesen Hinweis vor einigen Monaten noch weiter verschärft. "Alle haben geahnt, dass es irgendwann knallt", sagte Glaeske. Es müsse für Ärzte endlich zum Pflichtprogramm werden, die Risiken neuer Mittel zu berücksichtigen.

Pharmaunternehmen im Fokus

Den Pharmaunternehmen warf Glaeske vor, sich dem Druck der Aktionäre zu beugen und neue Mittel auf den Markt zu drücken. "Die Gefährdung der Patienten nimmt zu." Die gesetzlichen Krankenkassen forderte Glaeske auf, unabhängige Pharmareferenten in die Praxen zu schicken und Ärzte aufzuklären.

Auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, griff die Industrie scharf an. "Der Fall Vioxx ist ein typisches Beispiel dafür, wie unter dem Stichwort Innovation in Wirklichkeit oft Scheininnovationen auf den Markt kommen", sagte Kühn-Mengel der Hannoverschen "Neuen Presse".

"Die Realität wird leider immer noch mehr vom Profit als von Patienteninteressen bestimmt", sagte Kühn-Mengel. Zunächst würden teure neue Präparate von der Pharmaindustrie aggressiv beworben. Nicht selten stelle sich in Langzeitstudien heraus, dass es gefährliche Nebenwirkungen gebe. Die Patientenbeauftragte forderte, die Arzneimittel-Kontrollen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen.



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