Vivendi Enronitis in Frankreich

Nun auch noch Vivendi? Die Aktie des französischen Mischkonzerns stürzte ins Bodenlose, nachdem Vorwürfe laut wurden, Vivendi-Chef Jean-Marie Messier habe die Bilanz frisieren lassen.


Vivendi-Chef Messier hinterlässt einen Scherbenhaufen
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Vivendi-Chef Messier hinterlässt einen Scherbenhaufen

Paris - Mitten in der Finanzkrise des Misch- und Medienkonzerns Vivendi Chart zeigen hat die Zeitung "Le Monde" Zweifel an der Bilanzierungspraxis des französisch-amerikanischen Unternehmens geäußert. Vivendi habe versucht, das Ergebnis um 1,5 Milliarden Euro zu schönen, heißt es. Dabei geht es um die Bilanzierung des Vivendi-Anteils an dem Bezahlfernsehsender BSkyB. Vivendi sei erst von der Pariser Börsenaufsicht gestoppt worden, berichtet die Zeitung weiter.

"Wenn das wahr ist, steht es schlecht um Vivendi", sagte ein Frankfurter Händler. Bilanzfälschungen seien bislang in den USA vorgefallen. Nun treffe es ein Musterunternehmen, das in den letzten Jahren zu den Erfolgsgeschichten gezählt hatte. Noch sei zwar nichts bewiesen, aber jeder verkaufe bevor Gewissheit herrscht, denn dann falle der Kurs noch weiter.

Als wenn das noch nicht genug wäre, stufte die US-Ratingagentur Moody's auch noch die Kreditwürdigkeit des Medienkonzerns drastisch herab. Es werde daran gezweifelt, dass der Konzern in der Lage sei, die in den nächsten zwölf Monaten fällig werdende Kredite zu refinanzieren, begründeten Moody's-Experten die Neubewertung. Die Rating-Agentur hat darüber hinaus angekündigt, dass eine weitere Abstufung bevorstehen könne. Die Vivendi-Aktie gilt aus Sicht der Agentur als "junk bond" oder "verdorben". Die börsen reagierten geschockt. Der Aktienkurs von Vivendi brach zeitweise um mehr als 40 Prozent ein. Bis zum Mittag wurde der Titel am Dienstag bereits zum zweiten Mal vom Handel ausgesetzt.

Seit Jahresanfang hat der Konzern an der Börse gut zwei Drittel seines Wertes verloren. Investoren kritisieren seit Monaten die Strategie des Unternehmens, Milliarden in den Erwerb von Unternehmen mit exklusiven Entertainment-Rechten zu investieren. Ohne die Wassersparte, deren Mehrheit abgestoßen werden soll, hatte Messier dabei einen Schuldenberg von zuletzt rund 19 Milliarden Euro angehäuft. Im vergangenen Jahr verbuchte Vivendi Universal durch Sonderabschreibungen einen Rekordverlust in Höhe von 13,6 Milliarden Euro.

Am Morgen hatte Vivendi-Chef Jean-Marie Messier seinen Rücktritt bekannt gegeben. "Ich gehe, damit Vivendi Universal bleibt", hatte der 45-jährige Konzernchef in einem Interview mit "Le Monde" seinen Entschluss begründet.

Allerdings berichtet das Blatt in seiner Online-Ausgabe auch, dass Messier sich den Rücktritt vergolden lassen will. Es gehe um eine Abfindung in Höhe von zwölf Millionen Euro. Außerdem strebe Messier eine Vereinbarung über 25 Millionen US-Dollar an, die er sich von seinem Unternehmen geliehen hatte.

Mit dem Rücktritt des schillernden Unternehmenschefs scheitert auch seine große Vision, ein riesiges Medien- und Unterhaltungsimperium aufzubauen. Messier hatte das ehemalige Wasserversorgungsunternehmen Vivendi in nur wenigen Jahren zur weltweiten Nummer zwei der Medienbranche gemacht und auf eine Expansion im Film-, Musik-, Fernseh- und Telekommunikationsmarkt gesetzt.

Unterstützung französischer Großaktionäre ging verloren

Nachdem vor einigen Tagen bereits US-Großaktionär Edgar Bronfman dem Chef des Medienkonzerns das Vertrauen entzogen hatte, hatten ihm zum Schluss nach Informationen aus dem Umfeld des Unternehmens auch die großen französischen Anteilseigner die weitere Unterstützung verweigert. Als die Nachricht gestern gerüchteweise bekannt wurde, zog der Vivendi-Kurs an der Pariser Börse am Montag zwischenzeitlich um neun Prozent auf 23,85 Euro an.

Das Unternehmen lehnte zunächst jeden Kommentar zu den Vorgängen ab. Noch nicht entschieden sei die Nachfolge. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Thomson-Multimedia-Chef Thierry Breton und Jean-René Fourtou, Ex-Chef der früheren Rhône-Poulenc, der nach der Fusion zum Aventis-Konzern kürzlich vom Vizeposten in den Aufsichtsrat wechselte.



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