Vizepremier Medwedjew Putins Wesir leitet die "Gasifizierung"
Moskau - Seinen bisher wichtigsten Karrieresprung verdankt Dmitri Medwedjew einer Ironie des Schicksals. Er, der in den neunziger Jahren beinahe selbst in den Strudel eines Privatisierungsskandals geraten war, profitierte vor drei Jahren vom Wirbel um den privaten Ölkonzern Jukos.
Es war Ende 2003, als Jukos-Chef Michail Chodorkowski verhaftet wurde. Damals wurde auch Alexander Woloschin aus dem Amt gedrängt, der bisherige Chef der Präsidialadministration im Kreml und einer der noch verbliebenen Strippenzieher aus der Ära Jelzin. Woloschin hatte das Vorgehen gegen Chodorkowski öffentlich kritisiert und damit den russischen Präsidenten Wladimir Putin herausgefordert. Sein Nachfolger auf dem Posten, der mit einer enormen Machtfülle ausgestattet ist, wurde Medwedjew - nicht zufällig ein alter Weggefährte Putins.
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger intrigierte Medwedjew nicht gegen den Präsidenten, hielt sich lange öffentlich im Hintergrund. Gerade deshalb ist er inzwischen einer der führenden Köpfe in der Kremlhierarchie. So hat er sogar den Spitznamen "Wesir" bekommen. Putin hört auf seinen Rat, vertraut ihm - und hat ihn schon im Sommer 2000 zum Aufsichtsrat beim Gasmonopolisten Gasprom und 2002 dann auch zu dessen Aufsichtsratschef bestimmt.
Frühe Gefallen zahlen sich aus
Medwedjew, 1965 geboren, stammt aus einer Professorenfamilie. Dem Willen seiner Eltern nach sollte auch der kleine Dmitri eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen. Nach dem Abschluss der Schule wählte er die elitäre Fachrichtung "Bürgerliches Recht" an der Leningrader Juristischen Fakultät. Dort lernte er den Dozenten Anatoli Sobtschak kennen. Als der 1990 zum Bürgermeister von Petersburg aufstieg, nahm er den talentierten Medwedjew mit in den Sitz der Stadtregierung, den Smolny. Dort war dieser für die juristische Beratung der Stadtregierung bei Wirtschaftsgeschäften zuständig. Dabei kam er naturgemäß in Kontakt mit dem Leiter der Abteilung für auswärtige Beziehungen der Stadt - einem gewissen Wladimir Putin.
Putin, obwohl gelernter Jurist, fehlte nach seiner KGB-Karriere die Praxis in der Jurisprudenz, so dass er häufig die Ratschläge seiner beiden Untergebenen Medwedjew und Dmitri Kosak (inzwischen Generalgouverneur für Südrussland und ein weiterer Kandidat für die Putin-Nachfolge) in Anspruch nahm.
Den größten Dienst erwies Medwedjew Putin bei der Glättung des sogenannten Lebensmittelskandals Anfang der neunziger Jahre. In der Zeit schloss die Stadt mit mehreren Firmen undurchsichtige Verträge über die Ausfuhr von Öl, Holz und anderen Rohstoffen - und im Gegenzug über die Lieferung von Lebensmitteln. Ein Großteil davon kam freilich nie an. Das Stadtparlament beschuldigte Putin, sich bei den Geschäften bereichert zu haben. Medwedjew erreichte, dass die Ermittlungen eingestellt wurden.
Nachdem Sobtschak dann 1996 bei den Wahlen verlor, verließ auch Medwedjew den Smolny, um sich auf seine Tätigkeit als Rechtsdozent an der Petersburger Uni und das Business zu konzentrieren. Bis 1999 war er juristischer Direktor der Firma Ilim Pulp Enterprise, eines Großkonzerns in der russischen Holzverarbeitungsbranche. Medwedjew stieg sogar in den Aufsichtsrat auf, verließ Ilim Pulp aber gerade noch rechtzeitig vor dem Auffliegen eines Privatisierungsskandals. Es stellte sich heraus, dass sich Ilim Pulp unter anderem 1996 ein Zellulosekombinat unrechtmäßig angeeignet hatte.
Prognose der Kremologen
Als die Ermittlungen begannen, war Medwedjew schon weit weg - in Moskau. Putin, damals noch Premier, hatte seinen alten Vertrauten in die Hauptstadt geholt. Dort stieg Medwedjew bald zum stellvertretenden Leiter der Präsidialadministration auf. Bei Gasprom hatte er ab 2000 zunächst die Aufgabe, den damals vom Oligarchen Rem Wjachirew geführten Konzern wieder enger an die Leine des Kreml zu nehmen. Die Aufgabe meisterte Medwedjew glänzend. Schon nach kurzer Zeit musste Wjachirew seinen Posten für einen anderen Kreml-Getreuen räumen, den heutigen Gasprom-Chef Alexej Miller.
Im vergangenen Herbst folgte eine erneute Personalrochade sie rückte Medwedjew erstmals ins Rampenlicht der öffentlichen Politik. Als Vize-Premierminister Russlands ist er seither unter anderem für die Verwirklichung der nationalen Projekte verantwortlich. Ein Job, in dem er sich als Mann mit Führungsqualitäten und möglicher Putin-Nachfolger profilieren soll.
Dabei muss er sich allerdings auch den Vorwurf gefallen lassen, er wirke als Lobbyist. Die Aufnahme des nationalen Projekts "Gasifizierung Russlands" - der Anschluss des gesamten Landes an die Gasversorgung - ist sicher nicht ohne Einfluss des Gasprom-Aufsichtsratsvorsitzenden zustande gekommen. Für den Konzern ergäben sich durch die Verwirklichung des Projekts neue Millionenaufträge.
Die politischen Aussichten Medwedjews sind trotz solcher Interessenkonflikte alles andere als trübe. Derzeit übertrifft er den Verteidigungsminister Sergej Iwanow, der als schärfster Konkurrent um die Putin-Nachfolge gehandelt wird, deutlich in der Gunst der Medien und der Bevölkerung.
Und dann gibt es ja noch eine ungeschriebene Regel in Russland: Auf einen kahlen Kremlherren folgte stets ein Mann mit vollem Haar. So folgte auf den glatzköpfigen Lenin Stalin, der über eine ebensolche Haarpracht verfügte wie Chrustschows Nachfolger Breschnew oder Gorbatschows Erbe Boris Jelzin. Putin hat lichtes Haar, Medwedjew dagegen volles.
Ein Plus, über das sein Hauptkonkurrent Iwanow nicht verfügt.