Vodafone-Strategie Mit voller Kraft zurück

Nach zweistelligen Milliardenverlusten verordnet sich der weltgrößte Mobilfunkkonzern eine neue Strategie. Zugleich weist Vorstandschef Arun Sarin Gerüchte über eine Zerschlagung zurück. Analysten bezweifeln, dass seine Rechnung aufgeht.

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Hamburg/London - Sinkende Preise und gesättigte Mobilfunkmärkte vor allem in Europa zwingen den mit rund 180 Millionen Kunden weltgrößten Mobilfunkkonzern zu einer Neuausrichtung. Die Konzernzentrale in Newbury hat dazu jetzt mehrere Ziele ausgegeben. Vodafone Chart zeigen scheint damit die bisherige Strategie eines reinen Mobilfunkkonzerns aufzugeben.

Vodafone-Logo: Globaler Ansatz gescheitert
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Vodafone-Logo: Globaler Ansatz gescheitert

An erster Stelle will Vodafone in Europa seine Kosten senken und die Umsätze steigern. Genauer wurde Konzernchef Arun Sarin allerdings nur bei den Kosten. Bis zu 30 Prozent Kostenersparnis in dieser Region verspricht sich das Unternehmen in den kommenden drei Jahren unter anderem durch die Auslagerung seiner IT. Derzeit belaufen sich die Aufwendungen dafür auf rund 560 Millionen britische Pfund. Zudem sollen etwa 400 Arbeitsplätze in der Konzernzentrale gestrichen werden. Ein Stellenabbau in Deutschland sei nicht geplant.

Zweitens will der Konzern in Schwellenländern wachsen. Bereits jetzt erzielt Vodafone rund 40 Prozent seines Wachstums in diesen Zukunftsmärkten.

Vodafone entdeckt das Festnetz

Drittens will sich Vodafone stärker auf die Bedürfnisse seiner Kunden einstellen und damit neue Umsatzquellen erschließen. Dahinter steht der Plan, neue mobile Dienstleistungen für zu Hause und im Büro anzubieten sowie den Marktanteil schneller Anschlüsse auszubauen - in Deutschland über das deutsche Tochterunternehmen Arcor. In anderen europäischen Ländern wolle Vodafone vor allem als Wiederverkäufer von schnellen DSL-Anschlüssen auftreten.

Ein Verkauf der einst im Mobilfunkwahn belächelten Festnetztochter ist damit vorerst kein Thema mehr. Im Gegenteil: Zusammen mit Arcor wolle Vodafone für die Kunden hier zu Lande ein Komplettprodukt aus Mobilfunk und DSL-Internetzugang schnüren und dem Platzhirsch Deutsche Telekom Chart zeigen mit dessen Tochter T-Online und anderen Anbietern das Leben schwer machen. Man wolle im Bereich DSL einen möglichst großen Marktanteil gewinnen, bekräftigte Vodafone-Deutschland-Chef Friedrich Joussen. Was langfristig mit der Festnetztochter passiere, sei aber vom Erfolg des gemeinsamen Angebots abhängig, schränkte Joussen ein.

Als viertes Ziel nannte der Konzern ein aktives Portfoliomanagement mit Ausrichtung auf Gewinnmaximierung ("Actively manage the portfolio to maximise returns"). Dies schließe den Verkauf weniger profitabler Geschäftsbereiche ebenso ein wie Investitionen in Bereiche, von denen sich das Unternehmen eine höhere Rendite verspreche. Übernahmen wolle der Konzern künftig nur noch auf lokaler oder regionaler Ebene unter strengeren Auflagen tätigen. Einzelheiten nannte Vodafone nicht.

Sarin widerspricht Zerschlagungsgerüchten

In der Vergangenheit aufgekommenen Spekulationen über eine mögliche Zerschlagung des Konzerns erteilte Sarin eine klare Absage. Dies hätte eine geringere Profitabilität in den verschiedenen Sparten zur Folge, sagte der Konzernchef gegenüber Analysten. Vodafone sei derzeit mit seiner "geografischen Gestaltung" zufrieden.

Nachdem der Konzern im März sein krisengeschütteltes Japan-Geschäft auf Druck von Finanzinvestoren verkauft hatte, hielten sich hartnäckig Gerüchte, er werde sich womöglich auch von seinem US-Geschäft trennen. Vodafone bleibe ein "glücklicher Aktionär" von Verizon Wireless, sagte hingegen Sarin. Der britische Konzern ist mit 45 Prozent an dem US-Mobilfunker beteiligt.

Schließlich will Vodafone die Investoren mit einer konstanten Dividendenpolitik bei der Stange halten. Die für 2005/06 geplante Dividende von 60 Prozent des bereinigten Ergebnisses soll es auch künftig geben. Zudem werden in diesem Jahr zusätzlich zu den bereits angekündigten sechs Milliarden britischen Pfund weitere drei Milliarden Pfund an die Aktionäre ausgeschüttet.

"Irgendwann hat die Geduld der Investoren ein Ende"

Analyst Per-Ola Hellgren von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) hält den Strategieschwenk von Vodafone für nachvollziehbar. "Die bisherige Strategie, weltweit Nummer eins unter den Mobilfunkbetreibern zu sein, ist mit dem Verkauf des schwachen japanischen Geschäfts als gescheitert anzusehen", sagte der LRP-Analyst im Gespräch mit manager-magazin.de.

Mobilfunk könne nur noch eine Komponente eines integrierten Telekommunikationskonzerns sein, zu dem sich Vodafone wandeln müsse, so Hellgren. Die Telekommunikationsmärkte konvergierten weltweit. Die Unterschiede zwischen Mobilfunk und Festnetz verwischten zusehends. Die zuletzt aufgekommenen Zerschlagungsgerüchte hält der Analyst für plausibel. "Der Markt will keine Planlosigkeit, und irgendwann hat die Geduld der Investoren ein Ende", so der LRP-Analyst.

Ob die Rechnung aufgeht, bleibt allerdings abzuwarten. So schließt Hellgren wegen des hart umkämpften europäischen Marktes nicht aus, dass Vodafone Chart zeigen auf lange Sicht seine globalen Ambitionen aufgeben wird.

Analyst hält Rückzug aus Europa für denkbar

"Auf Dauer sehe ich das europäische Geschäft von Vodafone als Übernahmekandidat", sagte Hellgren weiter. Die kapitalkräftige spanische Telefonica Chart zeigen käme als möglicher Käufer für einen Teil des Europa-Geschäfts in Frage, aber auch die Telekom - etwa um in Großbritannien das eigene Mobilfunkgeschäft aufzubauen.

Die Telekom-Mobilfunktochter T-Mobile USA wiederum muss in den kommenden Jahren Milliarden in Netze und Lizenzen investieren, will sie auf dem US-amerikanischen Markt weiter wachsen. Sollte der Bonner Konzern die Investitionen scheuen und Vodafone Chart zeigen sich tatsächlich auf die USA konzentrieren, sei auch ein gemeinsames Joint Venture mit T-Mobile und dem drittgrößten US-amerikanischen Anbieter, Sprint-Nextel Chart zeigen, denkbar.

In der britischen Konzernzentrale wollte man von solchen Spekulationen am Dienstag nichts wissen. Noch hält Vodafone am Nimbus des weltgrößten Mobilfunkanbieters fest und sucht sein Glück zugleich im Festnetz. Bleibt abzuwarten, wie lange die Investoren dies noch mitmachen. Denn das Abenteuer Mobilfunk hat sich für Vodafone Chart zeigen zumindest in Europa als Milliardengrab erwiesen.

Rund 23,5 Milliarden britische Pfund musste der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr auf seine europäischen Beteiligungen abschreiben, davon allein 19,5 Milliarden Pfund auf sein Engagement in Deutschland. Hier hatte Vodafone im Jahr 2000 Mannesmann für die heute unvorstellbare Summe von 170 Milliarden Euro übernommen.

Unter dem Strich verbuchte Vodafone im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rekordverlust von umgerechnet 32 Milliarden Euro. Die Telekom  schrieb in ihren schlimmsten Zeiten 21,6 Milliarden Euro Verlust.



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