Tierversuche bei Volkswagen Das toxische Unternehmen

Mehr Offenheit und einen Kulturwechsel: Das versprach VW-Chef Müller nach dem Dieselskandal. Geschehen ist zu wenig. Probleme werden weiter vertuscht und die Aufsicht - etwa durch das Land Niedersachsen - versagt.
Ministerpräsident Stephan Weil, VW-Chef Matthias Müller

Ministerpräsident Stephan Weil, VW-Chef Matthias Müller

Foto: imago/ photothek

Es macht sprachlos, was über Volkwagen durchgesickert ist. Der größte Autokonzern der Welt hat gemeinsam mit anderen Tier- und Menschenversuche in Auftrag gegeben: An einem Institut der Uniklinik Aachen mussten 25 Personen viele Stunden lang Stickstoffdioxid - ein Reizgas! - einatmen. Forscher wollten testen, wie schädlich das Gas für die Gesundheit ist. Zuvor hatte VW bereits einen Tierversuch angeordnet, weit weg im US-Wüstenstaat New Mexico: Zehn Affen saßen in einem Glaskäfig, in den das Abgas eines dieselbetriebenen VW Beetle strömte. Damit die Meerkatzen nicht aufmuckten, durften sie Cartoons anschauen.

Was darf sich dieser Konzern eigentlich noch leisten, und wann lernt er endlich daraus?

Im September 2015 hatte Porsche-Chef Matthias Müller den langjährigen VW-Chef Martin Winterkorn an der Spitze abgelöst. Winterkorn musste wegen des Dieselskandals abtreten, die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Müller versprach den Kulturwechsel - und der war dringend nötig. Winterkorn und der langjährige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hatten VW zu einem hierarchischen Konzern geformt. Angst, Testosteron, Technikvernarrtheit - das waren und sind scheinbar noch die Taktgeber in Wolfsburg und den mehr als 100 Werken weltweit. In diesem Klima entstanden der Dieselskandal und damit der Betrug an Millionen Autofahrern.

Müller trat an, um das zu ändern. Er versprach Offenheit und einen kritischen Umgang mit Verstößen. Er warb damit, dass Probleme künftig von unten bis nach oben vordringen können.

Sünden benennen und nicht vertuschen

Der Alltag bei VW sieht anders aus. Das zeigt der Umgang mit den Tier- und Menschenversuchen. Durchgeführt hat sie ein externer Verein. VW hat sich nicht selbst daran beteiligt, das sollten andere tun. VW hat das Ganze aber bezahlt, gemeinsam mit Daimler und BMW. Inzwischen gibt es die Vereinigung nicht mehr, sie wurde Mitte 2017 aufgelöst. Ohne, dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekam. Ein transparenter Umgang sieht anders aus. Wenn Top-Manager versprechen, die Sünden aufzuarbeiten, sollten sie diese klar benennen und nicht vertuschen. Müller verschwieg so einiges und deshalb schwindet langsam das Vertrauen, um das er anfangs so sehr geworben hat.

Davon, dass die Spitzen der Autokonzerne zu wenig gewusst oder gezielt weggeschaut haben, erzählt eine zweite Personalie. Von 2011 bis 2015 - und damit in der Zeit der Affen- und Menschenversuche - saß die Juristin Christine Hohmann-Dennhardt im Vorstand von Daimler und kümmerte sich als Compliance-Chefin um den Umgang mit Regelbrüchen und mit formal korrekten, aber moralisch fragwürdigen Praktiken - und dazu lassen sich Versuche mit Gas durchaus zählen. Wusste sie also damals davon?

2016 wechselte Hohmann-Dennhardt dann von Daimler zu Volkswagen in den Vorstand, um dort den Abgasskandal aufzuarbeiten. Eines ihrer Vorhaben: Sie wollte das Whistleblower-System überarbeiten, damit Mitarbeiter besser petzen können, ohne Angst vor Strafe zu haben. Doch was gut klang, währte kurz, die frühere Richterin des Bundesverfassungsgerichts trat nach nur einem Jahr frustriert wieder ab.

Sind Firmenchef Müller und Juristin Hohmann-Dennhardt über die Versuche an Tier und Mensch informiert worden? Ein Nein käme einem Versagen in der Aufarbeitung der jüngsten Konzerngeschichte gleich. Ein Ja wirft Fragen auf, warum der Konzern die Versuche und das Schließen des Vereins nicht komplett öffentlich gemacht hat.

Das System ist krank, noch immer

Inzwischen hat VW mitgeteilt, die Experimente seien Vergehen "Einzelner". Doch das übertüncht das Problem. Nicht nur Einzelne haben sich Verstöße geleistet, das System des Autokonzerns ist krank. Noch immer. Danach sieht es zumindest aus. Der Kulturwechsel hat gerade erst begonnen, und er ist viel zu langsam.

Nicht zuletzt erzählen die Experimente vom Versagen der Aufsicht durch die internen Gremien und den Staat. Niedersachen ist Großaktionär, zwei Spitzenpolitiker sitzen permanent im Aufsichtsrat, einer davon ist der SPD-Ministerpräsident Stephan Weil, der andere ist Niedersachsens CDU-Chef Bernd Althusmann. Ohne das Land geht bei VW nicht viel. Im Aufsichtsrat aber saßen zuletzt Politiker wechselnder Couleur: Rot, Gelb, Schwarz. Sie alle scheinen kaum in der Lage zu sein, sich angemessen über Abläufe und Fehler bei Volkswagen informieren zu lassen, um eingreifen zu können. Sie folgen stattdessen dem immer gleichen, ermüdenden Ritual: Sie lassen Skandale geschehen, erfahren davon angeblich aus der Presse und empören sich lautstark öffentlich. Gute Kontrolle fängt vorher an.

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